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Allgemeinmedizin 25. Jänner 2006

Abscheu hilft, länger trocken zu bleiben

Bisher gab es nur wenige und recht widersprüchliche Studien zu den langfristigen Ergebnissen von Alkoholismustherapien. Eine Neunjahresuntersuchung bringt neue Erkenntnisse.

Alkoholabhängigkeit ist eine chronische und meist zu Rückfällen führende Erkrankung, die eine langfristige, wenn nicht sogar lebenslange Behandlung erforderlich macht. Laboranalysen zeigen, dass nur „sechs bis 20 Prozent der Patienten zwei Jahre nach Ende einer Alkoholismustherapie abstinent sind“, sagt Prof. Dr. Dr. Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Mit ihrer Arbeitsgruppe Klinische Neurowissenschaften hat sie jetzt die Ergebnisse einer Studie präsentiert (Alcoholism: Clinical and Experimental Research 2006; 30:1), in der erstmals die langfristige überwachte Verabreichung von Alkoholaversiva (AA) untersucht wurde. „Wir beschäftigten uns vor allem mit ihrer psychologischen und weniger mit der pharmakologischen Wirkung“, so Ehrenreich. Mit der Einnahme von Calciumcarbimid bzw. Disulfiram wird bei den Patienten eine Alkoholunverträglichkeit herbeigeführt. Durch die Hemmung eines alkoholabbauenden Enzyms kommt es bei Alkoholkonsum zu einer Art inneren Vergiftung – der so genannten Disulfiram-Alkohol-Reaktion – mit Blutdruckentgleisung, Pulsrasen, Übelkeit. Die Göttinger Forscher analysierten nun die Daten von 180 chronisch alkoholkranken Patienten, die in ein zweijähriges umfassendes Behandlungsprogramm aufgenommen worden waren. Ein wesentliches Therapieelement ist die überwachte Einnahme von Disulfiram oder Calciumcarbimid, die durch sorgfältige psychoedukative und psychotherapeutische Interventionen vorbereitet und begleitet wird. Dazu gehören strenge Abstinenzorientierung, oftmalige individuelle Kurzgespräche, Kriseninterventionen und aggressive Nachsorge in Form von spontanen Hausbesuchen, Telefonaten und das Einbeziehen von nahen Freunden und Verwandten. Ergebnis: Neun Jahre nach Beginn der Therapie war die Hälfte der Patienten trocken.

Übung macht den Meister

Drei Aspekte sprechen laut Ehrenreich eher für eine psychologische als für eine pharmakologische Wirkung von Alkoholaversiva: „Erstens, je länger ein Patient Alkoholaversiva einnimmt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, das er abstinent bleibt, auch nachdem er das Medikament abgesetzt hat“, erklärt die Forscherin. „Zweitens, die Dosis ist für die Wirksamkeit genauso irrelevant wie das Erleben einer Disulfiram-Alkohol-Reaktion. Drittens ist ein Schein-Alkohol­aversivum, also ein Placebo, genauso wirksam wie Disulfiram oder Calciumcarbimid, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Anwendung wiederholt erklärt und ständig angeleitet und bestärkt wird.“ „Die psychologische Rolle, die Alkoholaversiva bei der Rückfallprävention spielen, ist einer der interessantesten Aspekte der Studie“, fügt Co-Autor Prof. Dr. Colin Brewer, Forschungsdirektor im Stapleford Centre, einer Entzugsklinik in London, hinzu. „Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass anhaltende Abstinenz, die mit Disulfiram erzielt wird, automatisch dazu führt, dass sich eine Abstinenzgewohnheit konsolidiert. Übung macht den Meister. Je länger ein alkoholkranker Mensch abstinent ist, desto länger wird er es bleiben.“

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