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Allgemeinmedizin 24. Jänner 2006

Brauchen alte Patienten Spezialisten?

Das Gesundheitsministerium will in die neue Ausbildungsordnung für Ärzte auch eine dreijährige Spezialausbildung in Geriatrie für einige Fächer integrieren, wie es die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie anstrebt. Kritik daran äußern vor allem Allgemeinmediziner und Neurologen.

Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), bezeichnet den Plan des Gesundheitsministeriums als „unkoordinierte Ho-Ruck-Aktion. Die von der ÖÄK entwickelte Ausbildungsordnung für Ärzte liegt schon seit weit über einem Jahr am Tisch, und jetzt soll in allerletzter Minute diese unausgegorene Idee dazukommen“. Internisten, Psychiater, Fachärzte für physikalische Medizin sowie Neurologen sollen demnach eine neue dreijährige geriatrische Zusatzausbildung absolvieren können.

Verärgerte Ärztekammer

Weder deren Fachgesellschaften noch die Allgemeinmediziner oder die Ärztekammer seien einbezogen worden, kritisiert Brettenthaler. Er fordert eine Rückstellung des Vorhabens und „dass die von der ÖÄK vorgelegte Ausbildungsordnung endlich unterschrieben wird. Das ist seit elf Jahren überfällig!“ Brettenthaler ist sich mit dem Linzer Allgemeinmediziner und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM), Dr. Wolfgang Zillig, einig: „Durch die angestrebte Regelung werden andere ärztliche Fachrichtungen von der Versorgung alter Menschen quasi ausgeschlossen.“ Für Zillig ist „dies eine unserer Hauptaufgaben, sowohl in der Ordination als auch in Alten- und Pflegeheimen oder im betreubaren Wohnen“. Aus seiner Sicht wäre es durchaus sinnvoll, für Fachärzte, die z.B. auf Akutgeriatrien oder gerontopsychiatrischen Abteilungen tätig sind, spezielle Fortbildung anzubieten. Dafür sei aber nicht unbedingt ein Additivfach nötig. „Eine zentrale Aufgabe der Geriatrie ist, dass Menschen nicht ins Spital oder ein Heim müssen, sondern solange wie möglich zu Hause bleiben können bzw. stationäre Aufenthalte möglichst kurz bleiben“, meint Zillig. Niedergelassene Allgemeinmediziner mit ÖÄK-Diplom für Geritarie hätten eine ausreichende Qualifikation für diese Aufgabe. „Wobei natürlich die Kooperation mit Fachärzten, verschiedenen Therapeuten oder sozialen Berufen wichtig ist“, ergänzt der ÖGAM-Vertreter. Bei älteren Menschen gehe es nicht um spezielle Behandlungen, sondern um einen Zugang, bei dem die konkrete Lebenssituation und die Förderung der Lebensqualität im Mittelpunkt stehen. Zillig wünscht sich mehr Unterstützung für die Aufgabe der Koordination durch die Hausärzte sowie für den Auf- und Ausbau von Netzwerken verschiedener Fachrichtungen und Berufe. Hier wären entsprechende Projekte sinnvoll, die aus Mitteln des Reformpools finanziert werden könnten.

„Geriatrie ist eine interdisziplinäre Herausforderung“

Auch von Seiten der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) kommt Kritik am Plan des Gesundheitsministeriums für die Additivfächer: „Ein Facharzt für Geriatrie könnte mit den rasanten Entwicklungen in den verschiedenen Spezialgebieten wie der Neurologie, Psychiatrie, Onkologie, Orthopädie oder Rheumatologie niemals Schritt halten“, unterstreicht Prof. Dr. Franz Aichner, Leiter der neurologischen Abteilung der Linzer Landesklinik Wagner-Jauregg und Präsident der ÖGN. Der Herausforderung der geriatrischen Medizin könnten sich Ärzte und verschiedene Therapeuten nur interdisziplinär stellen.

Viel zu schmales Segment

„Das Alter eines Patienten kann kein Kriterium für die Auswahl des geeigneten Behandlers sein, sondern nur die jeweiligen Symptome“, ist Aichner überzeugt. Ein Additivfacharzt für Geriatrie könnte nur ein schmales Segment der ärztlichen Versorgung abdecken, was zu einer ungenügenden fachärztlichen Versorgung alter Menschen führen würde. Geriatrische Gesichtspunkte müssten sich in den Ausbildungsplänen aller einschlägigen Sonderfächer finden.

Unberechtigte Angst vor einer Geriaterschwemme

Dr. Thomas Frühwald, Oberarzt am Geriatriezentrum am Wienerwald und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, kann die aktuelle Aufregung um die geplanten Additivfächer nicht wirklich nachvollziehen. „Es ist ja nicht daran gedacht, das Land mit Geriatern zu überschwemmen. Der Großteil der Behandlung wird sicher weiter durch die Allgemeinmediziner erfolgen.“ Aber sowohl im Österreichischen Krankenanstaltenplan als auch in den Strukturplänen seien für die Leitung geriatrischer Abteilungen eben Fachärzte für Geriatrie vorgesehen. „Es geht also nicht um den niedergelassenen Bereich“, so Frühwald. Auch im Spital müssten Fachrichtungen wie die Neurologie, Innere Medizin, Psychiatrie und andere nicht befürchten, dass ihnen Patienten abspenstig gemacht werden. „Sinn der Sache ist eine multidisziplinäre Zusammenarbeit, bei der Fachärzte für Geriatrie ihr spezielles Wissen, insbesondere bei der Koordination verschiedener Berufe und Maßnahmen, einbringen können“, erklärt Frühwald und zieht einen Vergleich mit den Diabetologen. Diese würden auch nicht alle Menschen mit Diabetes betreuen, sondern ihr Fachwissen eben für besonders komplexe Fälle sowie die Koordinierung von Diagnostik und Therapie einbringen.

Geriatrisches Assessment

Eine wichtige Tätigkeit von Fachärzten für Geriatrie ist für Frühwald neben der Fortbildung für andere Ärzte auch das fortführende und spezialisierte geriatrische Assessment. Diese aufbauende Spezialausbildung in Geriatrie werde mit der Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin auch diesen KollegInnen offen stehen. Frühwald sieht den Vorstoß der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie durchaus im europäischen Konnex und hält die heftige Reaktion Brettenthalers für verfehlt: „Es gibt eine europäische Vereinigung der Fachärzte, in der auch ein Vertreter der ÖÄK ist. Die Etablierung von Fachärzten für Geriatrie ist dort ein zentrales Thema und in vielen Ländern der EU bereits bewährter Standard. Auch die Harmonisierung der entsprechenden Aus- und Fortbildung wird vorangetrieben.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 4/2006

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