zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 17. Jänner 2006

Vorurteile trotz großer Fortschritte (Folge 26)

Mit der Psychiatriereform der 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die Weichen für eine moderne, Patienten-zentrierte und die Angehörigen mit einbeziehende Psychiatrie gestellt. Neue Medikamente, anerkannte psychothera-peutische Verfahren und die so genannte „gemeindenahe“ Psychiatrie haben das Bild dieses Fachgebietes vollkommen verändert.

„Wer heute Psychiater werden will, braucht ein hohes Maß an Common Sense und Sensibilität für die Alltagsprobleme der Patienten“, sagt der Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH Wien, Prof. Dr. Heinz Katschnig, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Nach wie vor hat die Psychiatrie mit hartnäckigen Vorurteilen zu kämpfen, sowohl auf Ärzte- als auch auf Patientenseite. „Wir leiden sehr darunter, dass die Öffentlichkeit, aber auch unsere Kollegen aus anderen Fächern oft recht schlichte, manchmal auch gänzlich falsche Vorstellungen von psychischen Störungen und ihrer Behandelbarkeit haben“, bedauert Katschnig.

Warum haben Sie sich ursprünglich für das Fach Psychiatrie entschieden?
Katschnig: Ich habe mich immer sowohl für die Natur- als auch für die Geisteswissenschaften interessiert. In die Psychiatrie konnte ich zudem meine Interessen für Psychologie und Soziologie einbringen.

Was begeistert und fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Katschnig: In der Psychiatrie gehört die Auseinandersetzung mit vielen Wissenschaftsdisziplinen zu den großen Herausforderungen. Auch die Umsetzung der Erkenntnisse aus diesen Disziplinen in die tägliche Praxis stellt eine Herausforderung dar. Freilich gibt es wohl nirgendwo in der Medizin auch so viele einander widersprechende Meinungen wie in der Psychiatrie. Das erschwert zwar die Außenwahrnehmung, fördert allerdings innerhalb des Faches interessante Diskussionen.

Was waren die größten Veränderungen in der Psychiatrie in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Katschnig: In der Pharmakotherapie wurden – nach der Entdeckung der modernen Psychopharmaka in den 50-er Jahren – nunmehr zahlreiche nebenwirkungsärmere Substanzen entwickelt, welche die Einnahme und Compliance erleichtern. Mehrere Psychotherapiemethoden wurden in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich überprüft und bestätigt, freilich haben sich da Konkurrenzberufe zur Psychiatrie entwickelt. Auch die Bedeutung der Familie und von adäquaten gemeindenahen Versorgungsstrukturen wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten, nach erheblichen Widerständen, in ihrer Wichtigkeit erkannt und akzeptiert. Das hat zu Psychiatrieplänen in allen Bundesländern geführt. Eine wichtige Entwicklung dabei ist die Errichtung von psy­chiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, was wesentlich zur Verringerung des Stigmas, das mit psychischen Erkrankungen einhergeht, beiträgt.

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf das Fach zu?
Katschnig: Von großer Wichtigkeit wird in Zukunft die Integration psychisch Kranker, besonders jener mit schwereren psychischen Erkrankungen, in die Gesellschaft sein. Die Anforderungen an die berufliche Leistungsfähigkeit steigen. Die Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit ist für psychisch kranke Menschen sicher nur mit Unterstützung eines dichten sozialen Netzes aus Angehörigen, medizinischer Betreuung und Selbsthilfegruppen zu erreichen. Eine große Herausforderung ist auch die praktische Zusammenführung der verschiedenen therapeutischen Ansätze, der Pharmakotherapie, der Psychotherapie und der Sozialpsychiatrie, besonders unter berufspolitischen und Finanzierungsaspekten. Da sind derzeit noch viele Fragen und Konflikte ungeklärt, und nicht selten werden diese auf dem Rücken der Patienten ausgetragen.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Psychiater aus?
Katschnig: Wer Psychiater sein will, braucht ein hohes Maß an Common Sense und Sensibilität für die Alltagsprobleme seiner Patienten und deren Familien – und er muss die Patienten mögen. Das ist für mich genauso wichtig wie die Information über neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Vor allem aber sollte ein guter Psychiater Einseitigkeit vermeiden. Es kann nicht sinnvoll sein, sich etwa nur den bildgebenden Verfahren oder nur der Pharmakotherapie zu verschreiben und die anderen Aspekte des Faches zu vernachlässigen. Auch das Umgekehrte gibt es: sich ganz auf Psychotherapie zurückzuziehen. Der Psychiater ist der Einzige, der das bio-psycho-soziale Modell in die Praxis umsetzen kann; er sollte alle Aspekte beachten.

Was ist am Fach als besonders „anstrengend“ oder „herausfordernd“ zu bezeichnen?
Katschnig: Psychische Erkrankungen sind nach wie vor mit einem Stigma behaftet, denken Sie etwa an die Schizophrenie. Dieses Stigma haftet aber nicht nur unseren Patienten an, sondern auch uns Ärzten. Wir leiden sehr darunter, dass die Öffentlichkeit, aber auch unsere Kollegen aus anderen Fächern oft recht schlichte, manchmal auch gänzlich falsche Vorstellungen von psychischen Störungen und ihrer Behandelbarkeit haben. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum sich manche meiner Kollegen ganz der Pharmakothe-rapie verschreiben: Da glaubt man sich näher an der sonstigen Medizin und fühlt sich vielleicht anerkannter. Ich halte das allerdings für einen falschen Zugang. Belastend sind aber auch Situationen, wo wir jemanden – natürlich unter Beachtung aller gesetzlichen Vorschriften – gegen seinen Willen zur Behandlung stationär aufnehmen müssen. Etwas Derartiges kennen andere medizinische Disziplinen nicht.

Welche Voraussetzungen sollte ein fertig ausgebildeter Arzt für dieses Fachgebiet mitbringen?
Katschnig: Ich erwarte von einem Mediziner, der Psychiater werden will, den bereits erwähnten Common Sense und ein gutes psychologisches Einfühlungsvermögen. Wegen der schon erwähnten Stigmaproblematik ist zudem ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz ratsam.

Wie lange dauert die Ausbildung, wie ist sie aufgebaut?
Katschnig: Die Ausbildung dauert sechs Jahre. Derzeit müssen vier Jahre Psychiatrie, ein Jahr Neurologie und ein Jahr Innere Medizin absolviert werden. Die Ausbildung findet vorwiegend im stationären Bereich statt und wird mit der Facharztprüfung abgeschlossen.

Welches Gegenfach ist zu absolvieren?
Katschnig: Mit Inkrafttreten der neuen Ausbildungsordnung werden nur mehr je ein halbes Jahr Neurologie und Innere Medizin zu absolvieren sein, die Psychiatrie selbst wird dann auf fünf Jahre ausgeweitet. Die Ausbildung in psychotherapeutischer Medizin/Psychotherapie wird dann verpflichtend sein.

Wo sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz am besten?
Katschnig: Derzeit gibt es überall Wartezeiten. Wer die Gegenfächer bereits absolviert oder den Turnus zum Arzt für Allgemeinmedizin abgeschlossen hat, erhöht seine Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Psychiatrie?
Katschnig: Ich glaube, dass diese ausgezeichnet sind. Derzeit besteht eher ein Mangel an Ärzten dieses Faches, immer wieder können neu geschaffene psychiatrische Primariate an Allgemeinspitälern, ins-besondere am Land, nicht besetzt werden. Außerdem werden die psychosozialen Dienste der Länder überall ausgebaut, was ebenfalls gute Arbeitsmöglichkeiten schafft. Dies ist besonders für jene interessant, die neben einer Ordination noch eine Teilzeittätigkeit suchen.

Was erwarten Sie sich von der Reform der Ausbildungsordnung, die bald beschlossen werden soll?
Katschnig: Die verpflichtende psychotherapeutische Ausbildung wird zur Image-Verbesserung beitragen und - so ist zu hoffen - das Vertrauen der Bevölkerung in die Psychiatrie verbessern. Wichtig erscheint mir auch zu betonen, dass die Psychiater dann die einzige Berufsgruppe im „Psycho-Feld“ sein werden, die tatsächlich über eine umfassende Kompetenz in Bezug auf die praktische Umsetzung des „bio-psycho-sozialen Modells“ verfügen wird.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint.
Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 3/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben