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Allgemeinmedizin 9. Jänner 2006

e-Health

Dr. med. Karl Jahn
Univ. Prof. Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel
Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 148 Abbildungen und Screenshots
ISBN 3-540-43937-4

Welche Entwicklungen haben dazu geführt, das Präfix "e" dem Begriff Gesundheit voranzustellen und e-Health als eigenständiges Gebiet zu etablieren?

Ende der neunziger Jahre kam die Wortschöpfung als nicht einheitlich spezifizierte Übertragung des Begriffs e-Business auf die Gesundheitsindustrie. Je nach Definition bezog sie sich einzig auf die fortschreitende digitale Vernetzung der Partizipanten im Gesundheitswesen oder auf die neu gewonnene Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten für individuelle Gesundheitsfragen. Später wurde e-Health auch übergreifend als Gesamtheit aller webbasierten Anwendungen und Prozessabläufe im Gesundheitswesen interpretiert. Im Jahr 2001 fügte Gunther Eysenbach schließlich den Apsekt einer "Geisteshaltung des globalen vernetzten Denkens zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung" hinzu.

Eingebunden in die Strukturen des e-Health sind z.B. Patienten, Ärzte und Angehörige medizinassoziierter Berufe, Krankenhausbetreiber, öffentliche Verwaltung und die Life Science Industrie. Die neuen Möglichkeiten werden sowohl für den Kontakt zwischen den Gruppen als auch innerhalb einer jeden Gruppe genutzt und ständig erweitert. Durch das Angebot vielfältiger Informations- und Transaktionsmöglichkeiten für alle Partizipanten kann e-Health zu einer qualitativen Verbesserung, Ökonomisierung und Demokratisierung des Gesundheitswesens beitragen. Zugleich birgt es jedoch auch Risiken in Hinsicht auf eine Anonymisierung medizinischer Interaktion, die Verwässerung hochwertiger Information durch unseriöse Angebote und den Datenschutz.

Das vorliegende Buch vermittelt mit seinem interdisziplinären Ansatz und seiner den verschiedensten Fachrichtungen und Branchen zugehörigen Autorenschaft einen Eindruck über die wesentlichsten Bereiche des e-Health. So werden dem Leser die Facetten zukünftig relevanter Handlungsfelder aufgezeigt und die wichtigsten Quellen für eine weiterführende Recherche zugänglich gemacht.

Der erste Abschnitt "Grundlagen und Standards" skizziert zunächst die erheblichen Aktivitäten, die in den letzten Jahren auf nationaler und europäischer Ebene unternommen wurden, um die anderweitig bereits realisierten Chancen der Informations- und Kommunikationstechnologien auch in den medizinassoziierten Branchen zu nutzen. Der Etablierung einer Telematikplattform gehen umfassende Standardisierungsprozesse voraus, die von einer Umgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen begleitet sind.

Die bevorstehende bundesweite Einführung der neuen Krankenversicherungskarte, der sogenannten e-Gesundheitskarte, hat dabei eine besondere Bedeutung. Sie ist als Vorreiter für die in vielen Ländern geforderte Etablierung der e-Patientenakte anzusehen, von der man sich effizientere Begleitdokumentation für den Patienten erhofft. Die Verlagerung der medizinischen Dokumentation und Informationsvermittlung von dezentralen, auf unterschiedlichsten Medien basierenden Archiven und Medienangeboten über geschlossene professionelle Intranets hin zu ortunabhängigen, patientenzentrierten IT-Anwendungen bietet die Chance der Integration von netzwerkunterstützen Kommunikationsformen und entscheidungsunterstützenden Systemen. Davon können informationssuchende Gesundheitsinteressierte (Health Seeker), die interaktiven Dienste, inanspruchnehmende Betroffene (e-Patients) oder Health Professionals gleichermaßen profitieren. Parallel erfährt die begrifflich gegenüber e-Health eher unterzuordnende Telemedizin eine vielversprechende Renaissance.

Der nachfolgende Teil "Informationen und Inhalte" steht vor dem Hinergrund, dass die Flut populärer oder wissenschaftlicher medizinischer Informationen in den neuen wie auch konventionellen Medien ansteigen, ohne dass der einzelne Nutzer damit auch in dem gleichen Maße vermehrte Antworten erhalten würde. Daher steigt der Bedarf an Auswahl, Aufbereitung und struktuierter Bereitstellung medizinischen Wissens in Form validierter Tertiärformation. Bislang werden jedoch neben den zahlreichen seriösen Angeboten auch fragwürdige Inhalte verbreitet.

Mit der Entwickung des Internets zu einem Massenmedium wurden deshalb verschiedene Initiativen zur Qualitätssicherung gesundheitsrelevanter Inhalte entwickelt. Die Bedeutung dieser Initiativen wird weiter steigen, je mehr interaktive Informations- und Kommuniktionssysteme in den Alltag, die Lehre und auch die direkte Behandlungssituation Einzug halten.

In dem Abschnitt "Integrierte Versorgung und Public Health" werden Konsequenzen beschrieben, die sich durch die zunehmende Vernetzung für die Gesundheitsversorgung und die Öffentliche Gesundheit ergeben. Zum einen könnte eine computerunterstützte Qualitätssicherung sowohl Medizinmanagement als auch das diagnostische und therapeutische Handeln unterstützen. Zum anderen könnten die Patienten direkt von einer verbesserten Transparenz der Gesundheitsversorgung profitieren und durch ihre zunehmende Nutzung professioneller Recherchequellen die evidenzbasierte Medizin fördern. Personalisierbare Dienstleitungs- und Monitoringsysteme sind technologisch bereits heute in der Lage, Disease-Management-Programm erfolgreich zu begleiten und die Kommunikation zwischen den Partizipanten im Gesundheitswesen zu optimieren. Dies bringt für die medizinischen Versorgungsleister, die Leistungserstatter und staatlichen Institutionen erhebliche Vorteile, aber auch die Erfordernisse umfassender Umstrukturierungen mit sich.

Der Abschnitt "Transaktionen und Ökonomie" befasst sich mit den Herausforderungen, denen z.B. Krankenhausbetreiber oder Unternehmen der Life-Science-Industrie gegenübergestellt sind. Mit der Integration der Telematik in das Gesundheitswesen wird der Anspruch verbunden, Rationalisierungspotenziale auszuschöpfen und zeitgleich Qualitätsverbesserungen zu erreichen. Zeitgleich entwickeln sich neue Tätigkeits- und Geschäftsfelder, die teilweise auch von bislang nicht in der medizinischen Versorgung tätigen Akteuren besetzt werden könnten. Dies erhöht nicht nur den Innovationsdruck bei bestehendem Rationalisierungszwang, sondern bringt auch gesellschaftliche Konsequenzen mit sich, deren Folgen heute noch kaum abzusehen sind: Während der Kundenbegriff auch im Gesundheitswesen an Bedeutung gewinnt, könnten die bio- und informationstechnologischen Möglichkeiten der "Gesundheitskontrolle" das Verständnis des Krankheitsbegriffs beeinflussen und sich letztlich auch gegen den Patienten richten.

In dem abschließenden Teil e-Patient Relations: "e-Health-Ethik und -Recht" werden Aspekte hervorgehoben, die es bei der Gestaltung der rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen gilt. Telemedizinische Anwendungen, die zunehmend Bedeutung der Patienteninformation über die Medien und die neuen Kommunikationsformen im Internet wirken sich direkt auf die Interaktion zwischen Patient und Arzt aus. Dies wirft konkrete Fragestellungen auf: Bleibt der Schutz gesundheitsrelevanter Daten bei den Bestrebungen zu einer größeren Transparenz im Gesundheitswesen hinreichend gesichert? Sind die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten für Gesundheitsinteressierte und Patienten im Sinne eines Patient Empowerment uneingeschränkt zu begrüßen? Wie sind der immer stärkere Einsatz des Computers in Diagnostik, Beratung und Therapie oder die immer umfassendere Datenverarbeitung medizinisch, ökonomisch, ethisch oder auch rein haftungsrechtlich zu bewerten?

 

Perspektiven: Die Informationstechnologien beinhalten ein Potential, das über ein digitales Patientenbehandlungsmanagement weit hinausreicht. Dieses Potential auszuschöpfen, erfordert erhebliche Entscheidungs- und Umstrukturierungsprozesse für alle Beteiligten im Gesundheitswesen. Alle diese Problemfelder bedürfen einer interdisziplinären wissenschaftlichen Analyse und der gesellschaftlichen Diskussion, bevor die sich rasant ausbreitenden Möglichkeiten einen Informationszwang mit sich bringen, der den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheiten und Behinderungen beeinflusst. Eine derartige Diskussion sollte bereits weit fortgeschritten sein, wenn gemäß der Prognose von Joseph Weizenbaum nch der stattgehabten Verschmelzung des Computers mit der Kommunikation Entwicklungen folgen, in denen die Verknüpfung von Computer- und Biotechnologien neue Verantwortlichkeiten hervorrufen. Mit dem Begriff e-Health werden demnach in diesem Buch verschiedenste Aspekte umschrieben, die sich aus der Kombination der Informations- und Kommunikationstechnologie mit den medizinassoziierten Handlungsfeldern ergeben - mit Focus auf deren Konsequenzen. Gerade vor diesem Hintergrund ist in diesem Buch das Präfix "e" stets klein und der Begriff "Health" groß geschrieben.

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