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Allgemeinmedizin 13. Dezember 2005

Gefechte um neuen Diabetes-Plan

Die niedergelassenen Ärzte sollen endlich mehr Geld für die Versorgung der Dia-betiker bekommen. Allerdings wehrt sich die Ärztekammer gegen „verordnete“ Qualitäts- und Dokumentationsauflagen.

Seit Jahren klagen Patienten, Ärzte und Public-Health-Experten über die unzureichende Versorgung von Diabetikern. „Nur 25 Prozent werden optimal behandelt“, meint Prof. Dr. Michael Roden, bis vor kurzem Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft. Auch der Österreichische Diabetesbericht 2004, der zu Jahresende präsentiert wurde, hat zahlreiche Defizite in der Betreuung, Vorsorge, Forschung und Datenerfassung aufgezeigt.
Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat hat daraufhin einen Österreichischen Diabetesplan erstellen lassen. Dieser liegt in Grundzügen seit dem Sommer vor. Nun wird um die Umsetzung gerangelt. Vor allem das Kernstück des Diabetesplans, das „Disease-Management-Programm Diabetes mellitus Typ 2 (DMP)“, steht derzeit im Zentrum einiger Gefechte zwischen Ministerium, Ärztekammer, Fachgesellschaft und Sozialversicherung. Erstellt wurde es im Auftrag des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger von der Steirischen Gebietskrankenkasse unter Einbindung von Experten der Medizinischen Universität Graz, des Joanneum Research und der Österreichischen Diabetesgesellschaft.

Erfolgreiche Vorerfahrungen

Das DMP basiert auf den Erfahrungen des Patientenschulungs-modells, das in der Steiermark bereits seit einigen Jahren erfolgreich läuft. Der Hauptverband hat 1,7 Millionen Euro für die österreichweite Umsetzung des Projektes flüssig gemacht. Die zusätzlichen Mittel sollen aus den Töpfen der Gesundheitslandesfonds kommen.

Aufgaben der Niedergelassenen

Ziel des DMP ist die „systematische, kontinuierliche und qualitativ hochwertige Behandlung der Diabetiker“, sagt der ärztliche Leiter der Steirischen GKK, Prim. Dr. Gert Klima. Die niedergelas-senen Ärzte sollen eine Art „Betreuungshonorar“ für jeden Patienten bekommen, der am DMP teilnimmt. Die Teilnahme ist sowohl für die Ärzte als auch die Patienten freiwillig. Die Extra-Honorierung ist allerdings an einige Qualitäts- und Dokumentationsvoraussetzungen gekoppelt. So sieht der DMP unter anderen bestimmte Leistungen für die Erstbetreuung sowie für die Weiterbetreuung vor (siehe Kasten). „Ein wichtiger Bestandteil des DMP ist auch das Patienten-Em­powerment“, sagt Klima. Das soll durch eine umfassende Patientenschulung inklusive Ernährungs- und Bewegungsberatung gefördert werden. Ein EDV-gestütztes „Reminder-System“ soll Ärzte und Patienten an „vergessene“ Kontrolluntersuchungen erinnern. Sollte ein Patient aus dem DMP aussteigen, erhält der Arzt kein weiteres Honorar mehr. Werden die Zielvereinbarungen nicht erreicht, gibt es aber keine Abzüge.

Zankapfel Dokumentation

Klima weiß, dass die Dokumentation ein unbeliebtes Kind ist. „Für eine optimale Behandlung ist eine personenbezogene Auswertung der Daten aber notwendig“, sagt er. Die Sozialversicherung sollte seiner Meinung nach aber nur beschränkt darauf Zugriff haben und „nicht den Polizisten spielen“. Sein Vorschlag: Auswertung der anonymisierten Daten durch eine unabhängige Stelle, um regionale Benchmarks erstellen zu können. Die Ergebnisse sollen den Ärzten als Anhaltspunkte für lokale Qualitätszirkel zur Verfügung gestellt werden.
Die Reaktionen der Ärzte auf die DMP-Pläne sind gespalten. Während einzelne Praktiker sie durchaus interessant finden, bezeichnet die Kammer sie derzeit als inakzeptabel. Und zwar vor allem deshalb, weil die Gesundheitsministerin die Rahmenbedingungen in einer Verordnung zum Gesundheitsqualitätsgesetz festlegen möchte.

Ärztekammer wehrt sich gegen Verordnung

„Grundsätzlich ist ein Disease-Management-Programm, das auf dem fußt, was wir in der Steiermark schon lange machen, eine ausgesprochen positive Geschichte. Wogegen wir uns querlegen, ist die Zwangsbeglückung per ministerieller Verordnung“, sagt Dr. Jörg Pruckner, Kurienobmann der Niedergelassenen in der Österreichischen Ärztekammer. Derzeit laufen dazu noch Verhandlungen mit dem Ministerium. Auch innerhalb der Österreichischen Diabetesgesellschaft herrscht nach wie vor keine wirkliche Einigkeit. Prinzipiell gibt es aber einen Konsens über den DMP inklusive der darin enthaltenen Behandlungspfade. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, sagt Prof. Dr. Monika Lechleitner, seit wenigen Wochen Präsidentin der Österreichischen Diabetesgesellschaft. „Es gibt keine Publikationen, die den Benefit dieser Strukturveränderung belegen könnten. Diesen sollten wir aber objektiv prüfen, bevor wir gewachsene Strukturen zerstören.“

Endlich etwas weiterbringen

Der Diabetologe und ärztliche Leiter der Medizinuniversität in Graz, Prof. Dr. Thomas Pieber, sieht das anders: „Seit Jahren klagt man in der Fachgesellschaft über die massiven Defizite in der Versorgung der Diabetiker. Das Disease-Management-Programm wäre ein guter Ansatz, endlich etwas weiterzubringen“. Allein durch eine bessere Koordination zwischen stationärem und niedergelassenem Bereich könnte sich die Zahl der Folgeerkrankungen senken lassen. Er fordert seine Kollegen auf, „ein bisschen offener zu sein“, und nicht jede Änderung von vornherein abzulehnen: „Wir müssen es ausprobieren, und dann können wir erst messen, ob es etwas gebracht hat.“Mag. Andrea Fried n

Webtipps: Österreichischer Diabetesplan (http://www.bmgf.gv.at/)
Österreichische Diabetesgesellschaft (http://www.oedg.org/)

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 50/2005

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