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Allgemeinmedizin 6. Dezember 2005

In neue Dimensionen vorstoßen (Folge 25)

80 Prozent der Erstdiagnosen werden heute im Krankenhaus von Fachärzten für Medizinische Radiologie-Diagnostik gestellt. Zusätzlich zum großen Bereich der bildgebenden Befundung stößt das Fach immer stärker auch in therapeutische Gefilde mit interdisziplinären Anforderungen vor.

„Es gibt zu wenig Fachärzte für Radiodiagnostik“, konstatiert der Präsident der Österreichischen Röntgen-Gesellschaft (ÖRG) und Leiter der Universitätsklinik für Radiodiagnostik am Allgemeinen Krankenhaus in Wien, Prof. Dr. Herwig Imhof, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Wer in Zukunft diese Fachrichtung wählt, sollte Begeisterung für neue Technologien aufbringen und bereit sein, auch unter großem Druck zu arbeiten.

Wenn Sie das Fach „Radiologie“ mit drei Worten charakterisieren müssten, welche wären das?
Imhof: Das sind: Medizin, Technik und Innovation.

Welche Herausforderungen bietet die Medizinische Radiologie-Diagnostik?
Imhof: Die größte Herausforderung ist sicher die gewaltige technologische Entwicklung, die das Fach in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat und immer noch erlebt. Das begann 1972 mit der Erfindung der Computertomographie, welche die bis dahin übliche konventionelle Radiodiagnostik in weitem Ausmaß ergänzt bzw. auch abgelöst hat. Die Magnetresonanztomographie stellte rund 15 Jahre später die nächste Revolution dar – denken Sie dabei an die Abbildung des Gehirns. Als ich begonnen habe, war eine Darstellung der Gehirnstrukturen mit bildgebenden Verfahren nicht möglich. Heute ist das ein Vorgang von wenigen Minuten, der ein aussagekräftiges Bild ergibt, das zur Diagnostik eingesetzt werden kann. Die Digitalisierung bedeutet ebenfalls eine Umstellung. Heute wird in der Radiologie kaum noch Film verwendet, alles läuft über den Computer. Eine der größten Herausforderungen ist allerdings die Erweiterung des Faches von der reinen Diagnostik zur therapeutischen Intervention. Das ist einer der größten Wachstumsbereiche in unserem Fach. Lange Zeit galt die Radiologie als wichtige Ergänzung diagnostischer Verfahren aus anderen medizinischen Disziplinen, heute fußen bis zu 80 Prozent aller Diagnosen auf einer radiologischen Erstuntersuchung. Das sind ge-waltige Veränderungen, die jeden Radiologen herausfordern.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Imhof: Ich wollte immer eine ärzt-liche Tätigkeit mit neuen technologischen Entwicklungen kombinieren. Am Beginn meiner Tätigkeit als Radiologe war von CT keine Rede, es gab keine MR, der Ultraschall steckte noch in den Kinderschuhen. Die Entwicklung ist gewaltig. Deshalb war und ist das Fach für mich spannend.

Was werden die kommenden Herausforderungen in der medizinischen Radiologie-Diagnostik sein?
Imhof: Interessante Neuerungen erwarten wir vor allem im Bereich molekulare Diagnostik und in weiterer Folge im Bereich molekulare Therapie. Dazu brauchen wir geeignete Kontrastmittel. Erste Entwicklungen sehen vielversprechend aus. Wir arbeiten mit eisenhältigen Kontrastmitteln, die sich in den Zellen anreichern. Damit können wir beispielsweise atherosklerotische Plaques darstellen. Wir können damit feststellen, ob eine Plaques gefährlich ist, ob sich Teile davon lösen und periphere Gefäße verschließen können. Vielleicht wird es bald möglich sein, auch eine Therapie anzubieten, um diese Gefahr zu „entschärfen“.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für Medizinische Radiologie-Diagnostik aus?
Imhof: Ein Radiologe muss heute Freude an der Bildschirmarbeit haben, weil alle Aufnahmen nur mehr digital verarbeitet werden. Eine wichtige Eigenschaft ist sicher auch die Fähigkeit, interdisziplinär zu denken und zu arbeiten. Gefordert werden außerdem ein großes Interesse an der Technologie, um mit den Entwicklungen auf diesem Gebiet Schritt halten zu können, und der Wille zur Fortbildung.

Ist es gefährlich, als Radiologe zu arbeiten – Stichwort: Strahlenbelastung?
Imhof: Nein, bei Einhaltung aller Sicherheitsbestimmungen ist es nicht gefährlich. In einzelnen Teilbereichen der Radiologie, wie etwa in der Angiographie und der Intervention, müssen sie zwar im Strahlenbereich arbeiten, allerdings erlauben es unsere modernen Geräte, die Strahlendosis entsprechend zu reduzieren.

Was ist besonders „anstrengend“ oder „herausfordernd“ in diesem Fach?
Imhof: Es besteht ein Mangel an Fachärzten für Radiologie. Dies bedeutet für jeden einzelnen Facharzt eine große Belastung. Denken Sie an die Unfallopfer. In modernen Notfallzentren, wie auch das AKH eines bietet, landet jedes schwer verletzte Unfallopfer nach der Erstversorgung sofort im CT. Mit einer Ganzkörperaufnahme, die nur wenige Minuten dauert, kann festgestellt werden, wo der Patient verletzt ist und welche Maßnahmen sofort eingeleitet werden müssen. Auf unserer Klinik stehen jederzeit entsprechende Teams für diese Einsätze zur Verfügung. Da ist Genauigkeit, Schnelligkeit und Effizienz gefragt. Das bedeutet viel Stress. Auch Patienten, die sich stationär einer umfangreichen Diagnostik und Therapie unterziehen müssen, fordern unsere höchste Aufmerksamkeit. Aufgrund der aufwändigen Untersuchungsmethoden gestalten sich die Befundungen immer zeitintensiver.

Wie sieht die Ausbildung aus, welche Gegenfächer sind zu absolvieren?
Imhof: Fünf Jahre dauert die Ausbildung in der Radiologie, ein Jahr sind Gegenfächer zu absolvieren, davon sechs Monate Chirurgie, drei Monate Innere Medizin und drei Monate ein Wahlfach. Derzeit stehen in ganz Österreich rund 150 Ärzte in Ausbildung. Wünschenswert wäre, dass die Kandidaten zuerst die Gegenfächer absolvieren und erst dann die Radiologie-Ausbildung beginnen. Ich plädiere außerdem dafür, dass die jungen Ärzte zuerst Allgemeinradiologie in einem generalisierten Bereich, etwa einem Institut oder einem Standardspital lernen, und sich erst dann den Herausforderungen einer Ausbildung in einem Schwerpunktkrankenhaus stellen. Derzeit ist das allerdings in vielen Fällen leider nicht möglich. Auch in die Novelle zur Ausbildungsordnung konnte ein derartiger Vorschlag noch nicht eingearbeitet werden.

Muss der Turnus sein?
Imhof: Der Turnus ist durchaus vorteilhaft, weil er ein Verständnis für interdisziplinäres Arbeiten fördert. Allerdings möchte ich auch die Frage nach der sinnvollen Dauer der Ausbildung stellen: Derzeit dauert das Medizinstudium im günstigsten Fall sechs Jahre. Es folgen drei Jahre Turnus und sechs Jahre Facharzt­ausbildung. Das ist eine sehr lange Zeit, und die Wartezeiten sind hier noch gar nicht eingerechnet. Selbstverständlich ist eine umfassende Ausbildung in der Medizin von enormer Bedeutung. Trotzdem glaube ich, dass bezüglich der Dauer der medizinischen Ausbildung ein Zenit erreicht ist. Die Ärzte sind heute, wenn sie mit ihrer Facharztausbildung fertig sind, meist schon Mitte 30. Ich würde mir wünschen, dass für unser Fach auch jüngere Mediziner zur Verfügung stünden.

Wie stehen die Berufschancen für fertig ausgebildete Fachärzte?
Imhof: Die Radiologie ist ein expansives Fach. Das bedeutet, dass wir in Zukunft mehr Ausbildungsstellen und mehr Fachärzte für Radiologie brauchen werden.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Das Gespräch führte

Sabine Fisch, Ärzte Woche 22/2001

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