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Allgemeinmedizin 5. Dezember 2005

Werden die Hausärzte ausgehungert?

Durch die Pauschalierung der e-Card-Gebühr verlieren die Patienten den Anreiz, sich bei ihrem Hausarzt eine kostenfreie Überweisung zum Facharzt zu holen. Vor allem in der Stadt wird der Konkurrenzkampf zwischen den Arztgruppen dadurch verschärft.

Die Allgemeinmediziner sehen ihre Fälle davon schwimmen. „Die Leute rennen von einem Facharzt zum anderen. Sie bekommen Medikamente, kommen zu mir retour und ich weiß nicht mehr, was sie nehmen“, klagt Dr. Doris Wiesauer, Ärztin für Allgemeinmedizin und Vorstandsmitglied der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin. Früher sei es besser gewesen. Da seien die Patienten nur mit Überweisung und einer Medikamentenliste zum Spezialisten gegangen, und dieser habe die Praktiker danach via Arztbrief informiert. Schuld an der Misere sei die e-Card, meint Wiesauer. Weil die Patienten nun einen Pauschalbetrag bezahlen, kommen sie nicht mehr wie früher zum Hausarzt, um sich eine „Gratis“-Überweisung für den Facharzt zu holen. „Das war schon ein Steuerungsinstrument“, so Wiesauer. „Seit der e-Card ist der Zugang nun blitzartig völlig unkontrolliert.“
Noch gibt es keine harten Zahlen über die Auswirkung der e-Card. Aber es werden Fälle kolportiert. „Ein Hautarzt in einer Bezirksstadt hatte bis zur Einführung der e-Card einen Überweisungsanteil von zwei Drittel. Nur ein Drittel kam mit weißen Krankenscheinen. Jetzt nach wenigen Monaten ist die Situation umgekehrt“, weiß der steirische Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Routil zu berichten. Auch er sieht die Gefahr, dass die Zusammenarbeit in der ambulanten Medizin abreißen könnte.

Koordinator statt Gatekeeper

„Die Koordinatorenrolle des Allgemeinmediziners muss gestärkt werden“, sagt Routil. Von einem verpflichtenden Gatekeeper-Modell, in dem jeder Patient als Erstes einen Praktiker aufsuchen muss, hält Routil allerdings nichts. Er setzt auf Kollegialität: „Wir Ärzte haben die Verpflichtung, wieder enger zusammen zu arbeiten. Ich appelliere an die Fachärzte, unsere Überweisungen als Zeichen des Vertrauens anzunehmen und auch darauf zu antworten.“ Auch der Jurist Dr. Markus Kletter, Leiter der Vertragsärzteabteilung in der Salzburger Gebietskrankenkasse, meint, dass durch die pauschalierte e-Card-Gebühr „der Hemmschuh fällt, Fachärzte vermehrt und direkt in Anspruch zu nehmen“. Auswertungen für das 3. Quartal 2005 liegen der Kasse noch nicht vor. Kletter erwartet allerdings nicht, dass die Fallzahlen bei den Praktikern spürbar sinken werden.

Fachärzte stärker frequentiert

„Ganz generell steigen aber seit Jahren die Fallzahlen und Kosten pro Fall bei den Fachärzten sig-nifikant und beunruhigend stärker als bei den Allgemeinmedizinern“, sagt er. „Die Praktiker kämpfen jetzt in zunehmend schwieriger Lage um ihren Teil am Honorarkuchen, vor allem in den Städten.“ Eine wesentliche Ursache dafür liegt seiner Ansicht nach „in der teilweisen Erfüllung vehementer Forderungen der Öffentlichkeit, aber auch der Ärztekammer nach einer Vermehrung der Facharztstellen“. Die e-Card, so seine Prognose, werde diese Tendenz verstärken. Die Wiener Allgemeinmediziner meinen die Auswirkungen bereits stark zu spüren. „Im dritten Quartal ist die Zahl der Scheine um durchschnittlich 10 Prozent zurückgegangen“, gibt Dr. Rolf Jens, Vertreter der Allgemeinmediziner in der Ärztekammer, die Rückmeldungen seiner Kollegen wieder. „Einzelne berichten sogar von Rückgängen bis zu 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“ Die Kammer fordert daher bei den derzeit laufenden Honorarverhandlungen, die erst vor kurzem aufgehobene Limitierung der überweisungsfreien Facharztkonsultationen wieder einzuführen.

Beschränkung gefordert

Auch die Bundeskurie der Niedergelassenen in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) will vom Hauptverband eine österreichweit einheitliche Beschränkung fordern. „Die e-Card soll keine automatische Blankoscheckkarte werden“, sagt Routil. Im Hauptverband weiß man davon noch nichts. Es stellt sich auch die Frage, ob er die richtige Adresse ist. Denn diese Limitierungen sind in den Krankenordnungen der jeweiligen Kassen geregelt – und das sehr unterschiedlich. Keine Beschränkungen gibt es derzeit bei der Wiener, der niederösterreichischen, der oberösterreichischen und der Vorarlberger Gebietskrankenkasse sowie bei den meisten Sonderversicherungsträgern. Bei der Tiroler GKK darf ein Facharzt pro Quartal „frei“ besucht werden, bei der burgenländischen, der steiermärkischen, der Kärntner und der Salzburger GKK sind es maximal drei Spezialisten (ohne Zahnärzte).
Die Fachärzte hätten diesen Wunsch der Allgemeinmediziner nach einer Begrenzung von maximal drei „freien“ Facharztbesuchen pro Quartal unterstützt, sagt der Internist Dr. Günther Wawrowsky, stellvertretender Kurienobmann in der ÖÄK. „Wir verstehen die Sorgen der Hausärzte.“ Mit der e-Card würden nun alle Scheine wegfallen, die Patienten „nur abgegeben haben, ohne etwas gebraucht zu haben“ oder die sie brachten, um die Gebühr für den Facharztschein zu umgehen, sagt Wawrowsky. Das Problem seien (Anm.: in Niederösterreich) dabei nicht in erster Linie die Honorareinbußen, sondern die Leistungslimitierungen, die an die Scheinzahlen gekoppelt sind. Das ist ein heikles Thema. „Grundsätzlich ist es erwünscht, dass der Hausarzt wirklich der Koordinator im Gesundheitswesen ist und prüft, ob die Inanspruchnahme eines Facharztes tatsächlich notwendig ist “, sagt Kassenjurist Kletter. „Sollte es in der Praxis aber so laufen, dass die Sprechstundenhilfe die Überweisung ausfüllt, ohne dass der Arzt den Patienten gesehen hat, dann ist dieser Weg zum Praktiker und dessen zusätzliche Honorierung sinnlos.“

Ein anderes Hausarzt-Problem

Es gibt auch Hausärzte, die durch die e-Card keine Rückgänge regis-trieren. Dazu gehört der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs: „Wenn das Schreiben von Überweisungen nicht zur Kernaufgabe der Praxis gehört, scheint das nicht so ins Gewicht zu fallen. Die Patientenbindung in meiner Praxis ist sehr groß.“ Er hat allerdings ein anderes Problem: „Ich liege mit den Überweisungen um 50 Prozent unter dem Durchschnitt, werde von der Kasse aber immer wieder wegen meiner hohen Medikamentenkosten pro Schein gerügt. Diese ökonomischen Beurteilungen sind doch Unsinn. Je intensiver ein Hausarzt seine Patienten selbst betreut, umso höher sind logischerweise die Kosten.“

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