zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 6. Dezember 2005

„Neurologen sind Mangelware!“ (Folge 24)

Bildgebende Verfahren und die Entwicklungen in der Pharmakotherapie haben das Sonderfach Neurologie zu einem der zukunftsträchtigsten Fächer in der Medizin gemacht. Auch die demographische Entwicklung hält neue Herausforderungen bereit. Nach Schlaganfällen steht die Neurorehabilitation im Vordergrund, bei Alzheimer-Patienten kann mit kognitivem Training einiges erreicht werden.

„Die Magnetresonanztomographie hat die Neurologie erheblich weitergebracht“, erzählt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, Prof. Dr. Franz Aichner aus Linz, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Als ich vor 30 Jahren begonnen habe, konnte nur mittels Luftfüllung indirekt auf Veränderungen im Gehirn geschlossen werden.“
Bildgebende Verfahren ermöglichten eine genaue Lokalisation von entzündlichen Prozessen im Gehirn, was beispielsweise für Diagnose und Beobachtung des Therapieverlaufs bei der Multiplen Sklerose von enormer Bedeutung ist. Auch die Entwicklungen in der Molekulargenetik sind für den Vorstand der neurologischen Abt. der OÖ-Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz „Meilensteine“ in seinem Fach: „Damit gelingt es, viele hereditäre neurologische Erkrankungen genetisch zu erfassen, zu lokalisieren und Diagnosen zu präzisieren.“ Junges Fach Erst seit 1998 ist die Neurologie ein eigenes Sonderfach der Medizin. Bis zu diesem Zeitpunkt bildeten Neurologie und Psychiatrie ein gemeinsames Fach. Aufgrund unterschiedlicher Aufgaben und Zielsetzungen wurden die Fächer in der letzten Novelle zur Ausbildungsordnung im Jahr 1998 getrennt.
Die Verbesserung von Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen in den vergangenen 20 Jahren führte zu einem massiven Aufschwung des Sonderfachs Neurologie. „Ich zähle das Fach zu den zukunftsträchtigsten in der Medizin“, zeigt sich Aichner überzeugt. „Wenn Sie einen Blick auf den österreichischen Gesundheitsplan werfen, werden Sie feststellen, dass für die Neurologie zukünftig eine Erhöhung der Bettenanzahl geplant ist. Das gibt es, außer in der Orthopädie, für kein anderes Fach.“ Als Gründe für die Verstärkung der Kapazität nennt Aichner unter anderem auch die demographische Entwicklung. Aufgrund der älter werdenden Bevölkerung werden Schlaganfälle, die eine neurorehabilitative Behandlung notwendig machen, zunehmen.
Mit der Schaffung von Stroke Units konnte zudem die Behandlung von Schlaganfällen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert werden. Aichner rechnet mit weiteren therapeutischen Meilensteinen: „Wir werden in Zukunft sicher auch im Akutstadium beim Schlaganfall interventioneller therapieren, etwa mit dem Einsatz von Stents.“

Mehr Medikamente

Eine wesentliche Rolle in der Neurologie spielt auch die Pharmakotherapie, von der Vorbeugung von Erkrankungen bis hin zur wirksamen Behandlung. Aichner verweist etwa auf Medikamente gegen Epilepsie, Parkinson und pharmakologische Strategien zur Vorbeugung von Schlaganfall. Die Interferone, die heute erfolgreich in der Therapie der Multiplen Sklerose eingesetzt werden, sind für ihn dabei besonders hervorzuheben.
„Zur Erforschung bleiben noch viele Therapiegebiete übrig“, meint der Neurologe und nennt als Beispiel die Alzheimer-Krankheit. „Diese Erkrankung ist für die wissenschaftlich tätigen Neurologen eine besondere Herausforderung. Im Mittelpunkt der Forschungsbemühungen stehen nicht nur Medikamente, die das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, sondern auch die Entwicklung eines Impfstoffs.“ Auch im Bereich der Molekularbiologie und -genetik sieht Aichner noch interessante Forschungsaufgaben für die Neurologie: „Ein ganz großer Bereich ist hier die Neuroimmunologie, die Multiple Sklerose ist ein Paradebeispiel für eine immunologische Erkrankung.“ Wer forschen will, findet hier ein breites Betätigungsfeld vor, von dem sich Aichner in Zukunft „noch viel erwartet“.
Nicht zuletzt bietet das große Gebiet der Neurorehabilitation interessante Aufgaben für junge Neurologen. „Mit der Entdeckung, dass das Gehirn lernfähig ist, haben sich hier ungeheure neue Möglichkeiten aufgetan“, so Aichner. „Das Gehirn kann aufgetretene Schäden nicht nur kompensieren, sondern ganz neu lernen. Das ist ein Potenzial, das sicher noch nicht ansatzweise vollständig genutzt wird.“

Strukturiert denken

Wer Facharzt für Neurologie werden will, muss laut Aichner vor allem strukturiert denken können: „Das ist für die Statuserhebung und die lokalisatorische Zuordnung eines neurologischen Problems unerlässlich.“ Ein Neurologe muss aber immer auch Case-Manager sein, um ein neurologisches Problem von Grund auf verstehen und therapieren zu können. „Gerade in der Schmerzbehandlung ist es nicht damit getan, nur den Schmerz zu therapieren. Wir müssen auch versuchen, die Ursache des Schmerzes zu finden“, betont Aichner. Eine besonders große Rolle spiele dies bei chronischen Schmerzen, die meist multifaktoriell sind. Hier ist Interdisziplinarität gefragt, denn „für den Neurologen sind Psychiater, Neurochirurgen, Neuroradiologen und Internisten wichtige Partner in der täglichen Arbeit“ (Aichner).
Vier Jahre dauert die Ausbildung im Fach Neurologie, bisher waren als Gegenfächer je ein Jahr Innere Medizin und ein Jahr Psychiatrie vorgeschrieben. „In der neuen Ausbildungsordnung werden auch andere Fächer als Gegenfächer zugelassen“, erklärt Aichner. „Besonders wichtig sind Neurochirurgie, Intensivmedizin und Orthopädie.“

Mehr Rotation

Für eine umfassende Ausbildung im Fach wünscht sich Aichner eine stärkere Rotation der auszubildenden Fachärzte: „Die Ausbildung in einem Schwerpunktkrankenhaus bietet andere Herausforderungen als die Arbeit in einem kleinen Spital. Warum sollte es daher nicht möglich sein, dass ein Kollege aus Mistelbach auch in Wien und Salzburg hospitiert?“ Eine Rotation ist schon bisher möglich, aber aufgrund der unterschiedlichen Krankenhausträger nicht einfach. Hier wünscht sich Aichner, Leiter der neurologischen Abt. der OÖ-Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, eine intensivere Zusammenarbeit der einzelnen neurologischen Abteilungen: „Das ist sicher machbar und in meinen Augen auch erstrebenswert, weil es die Qualität der Ausbildung verbessern wird.“ 30 Ausbildungsstellen sind in Oberösterreich verfügbar. „Derzeit sind aber alle besetzt“, so Aichner. In ganz Österreich stehen laut Ärztekammer-Statistik insgesamt 137 Ausbildungsstellen zur Verfügung.

Gute Chancen

Ausgezeichnete Chancen räumt Aichner fertig ausgebildeten Fachärzten ein: „Neurologen sind Mangelware“, hält der Präsident der ÖGN fest. „Ich bin sicher, dass es derzeit in Österreich 15 bis 20 Stellen in Krankenhäusern gibt, die mit Neurologen zu besetzen wären.“ Als Ursache für die Schwierigkeiten, geeignete Bewerber für Facharztstellen im Krankenhäusern zu finden, identifiziert Aichner die Kumulation von Neurologen an Universitätskrankenhäusern: „Dort ist ein großer Anteil an Neurologen zu finden. Außerhalb der Unikliniken ist es schwer, Fachärzte für Neurologie zu bekommen.“ Auch für den niedergelassenen Bereich sieht Aichner durchaus Chancen, wenn auch limitiert durch die vorhandenen Kassenverträge: „Hier haben sich aber in den vergangenen Jahren schon durch die Möglichkeit der Wahlarztpraxen neue Optionen zur Niederlassung ergeben.“ Klar ist jedenfalls, dass auch in diesem Bereich immer noch zu wenig Fachärzte für Neurologie tätig sind.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 48/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben