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Allgemeinmedizin 29. November 2005

Rauchertherapie ist harte Arbeit

Das Zigarettenrauchen stellt eine der wichtigsten und vermeidbaren Ursachen für viele chronische Erkrankungen und frühzeitigen Tod dar. Tabakmissbrauch erfüllt alle Kriterien einer Sucht und wurde im ICD-10 als eigenständige Kategorie aufgenommen.

Das Nikotininstitut des Instituts für Sozialmedizin, Universität ­Wien, widmet sich seit 1998 der Diagnostik und Therapie der Nikotinabhängigkeit mit dem Ziel der Reduktion tabakassoziierter Erkrankungen. Ausgehend vom Spannungsfeld Sucht und chronische Erkrankungen referierte Prof. Dr. Michael Kunze beim 36. Kongress für Allgemeinmedizin vergangene Woche in Graz über die Anbahnung einer Raucherentwöhnung in der allgemeinmedizinischen Praxis sowie über Maßnahmen, Ziele und gesundheitspolitische Perspektiven der Rauchertherapie.

Wie interferieren diverse Suchtformen mit chronischen Erkrankungen?
Kunze: Suchtverhalten kann chronischen Erkrankungen ursächlich zugrunde liegen oder als Ko-Morbidität bestehen. Es ist in jedem Fall eine therapeutische Herausforderung – egal, ob es sich um Tabakrauchen, Alkoholabhängigkeit oder illegalen Drogenkonsum handelt, um das „Carbohydrate Craving“ oder um pathologisches Spielen („Problemgambling“), das neben der psychischen und finanziellen Belastung oft in die Depression führen kann.

Welchen Stellenwert haben Allgemeinmediziner in der Rauchertherapie?
Kunze: Im Management von Nikotinabhängigkeit nimmt der Allgemeinmediziner eine Schlüsselfunktion ein. Spezialisierte Einrichtungen wie das Wiener Nikotininstitut können nur einen marginalen Beitrag zur Patientenversorgung leisten. Allgemeinmediziner verfügen in der Regel über eine langjährige Beziehung zum Patienten; sie kennen das familiäre und psychosoziale Umfeld. Bereits ein kurzer Rat des Arztes kann viele Raucher zu einem Entwöhnversuch motivieren. Generell sollte der Raucherberatung und -therapie der gleiche Stellenwert beigemessen werden wie z.B. der Behandlung eines erhöhten Blutdrucks oder Cholesterinspiegels.

Welche Indikationen für die Raucherentwöhnung sind zu beachten?
Kunze: Wenn Erkrankungen bestehen, die ursächlich durch Tabakkonsum ausgelöst wurden oder dadurch negativ beeinflusst bzw. aggraviert werden, z.B. Atemwegs- und kardiovaskuläre Erkrankungen. Die präventive Indikation der Rauchertherapie bei noch Gesunden ist ebenso wichtig; im Bereich der Vorsorgemedizin etwa das Vorliegen anderer Risikofaktoren, wie Hypercholesterinämie, Adipositas oder Hypertonie und gynäkologisch die Schwangerschaft. Die Raucherentwöhnung stellt oft eine kausale Therapie dar und sollte stärker als bisher in die allgemeine Behandlung integriert werden.

Wie kann der Allgemeinmediziner den Weg zur Raucherentwöhnung bahnen?
Kunze: Am Beginn stehen das Erfragen und die Dokumentation des Rauchverhaltens sowie Information und Beratung hinsichtlich des Rauchstopps. Mittels Fagerström-Test lässt sich der Grad der Abhängigkeit erfassen. An sich reicht schon die erste Frage: „Wie lange dauert es, bis Sie nach dem Aufwachen Ihre erste Zigarette rauchen?“
Zusätzlich sollte auf jeden Fall der Kohlenmonoxidgehalt in der Ausatemluft mittels Smokerlyzer bestimmt werden. Die Messung stellt eine einzigartige Gesprächsebene für den Arzt dar, da sie die körperliche Belastung objektiv vor Augen führt. CO-Wert und Fagerström-Test sind ein Minimalprogramm, mit dem bereits ein guter Eindruck vom Rauchverhalten zu gewinnen ist. Der Allgemeinmediziner sollte dann das individuelle Motiv zum Rauchstopp verstärken. Übergeordnetes Therapieziel ist die Risikoreduktion, das heißt neben der totalen Abstinenz der reduzierte Konsum, die temporäre Abstinenz, Substitution und Rückfallprophylaxe.

Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen zur Verfügung?
Kunze: Wie überall in der Lebensstilmedizin ist eine Mischung aus psychologischem Angebot und gegebenenfalls eine medikamentöse Therapie gefragt. Die einfachste Medikation stellen Nikotinersatzpräparate dar, die je nach Präferenz unterschiedlich applizierbar sind; häufigster Anwendungsfehler dabei ist die Unterdosierung. Seit fünf Jahren ist Bupropion verfügbar, wobei eine Reihe von Kontraindikationen und Risikofaktoren zu beachten sind. Neue Substanzen sind Rimonabant und Varenecline. Ein Zukunftsszenario mit großer Hoffnung für die Rückfallprophylaxe ist die Immunotherapie zur Bildung von Antikörpern gegen das Nikotin. Mit den derzeitigen Verfahren besteht eine Erfolgs-chance von 80 Prozent, am Ende der Therapie abstinent zu sein.

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