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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Vorsorge-Check fühlt auch auf den Zahn

Im neuen Programm der Vorsorgeuntersuchung wird auch das Parodontitis-Risiko der Probanden gecheckt. Damit soll das Problembewusstsein bei der Bevölkerung für diese Erkrankung und ihre möglichen Folgeerscheinungen steigen.

„Das Parodontitis-Problem wurde in Österreich in den letzten Jahrzehnten übersehen“, sagt einer der geistigen Väter der neuen VU und Public Health Experte Dr. Franz Piribauer. Anders als in den USA und in vielen europäischen Ländern besitze das Thema hierzulande in der Zahnmedizin keinen hohen Stellenwert.
Dabei ist das Problem massiv: „Rund 40 Prozent der Bevölkerung leiden an Parodontitis, bei den über 35-Jährigen ist der Anteil noch höher“, schätzt Piribauer und beruft sich auf Untersuchungen aus den USA. Aus Österreich gibt es keine Daten. Die Schweizerische Gesellschaft für Parodontologie geht davon aus, dass etwa drei von vier Menschen irgendwann in ihrem Leben daran leiden. Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnbettes, die zur Zerstörung des Stützgewebes der Zähne führt. Im fortgeschrittenen Stadium wird auch das Knochengewebe abgebaut. Der betroffene Zahn verliert dadurch den Halt, wird locker und fällt aus. Die Vorstufe der Erkrankung ist die Gingivitis.

Risiko für die Gesundheit

„Die Parodontitis ist nicht nur ein zahnmedizinisches Problem“, sagt der Zahnarzt Dr. Willhelm Schein, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. „In der Wissenschaft gibt es bereits starke Hinweise, dass Erkrankungen im Mund ein hohes Risikopotenzial für Allgemeinerkrankungen haben.“ Die Ursachen der Entstehung von Parodontitis sind komplex: Sowohl genetische Prädispositionen als auch das Immunsystem spielen eine große Rolle. Erhöht wird das Risiko durch Zahnstein und bakterielle Zahnbeläge (Plaque), durch Rauchen, hormonelle Veränderungen (Schwangerschaft, Klimakterium) und Diabetes mellitus. Auch Menschen, die aufgrund einer Behinderung ihre Zähne nicht ausreichend reinigen können, sind besonders gefährdet. Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung sollen nun Allgemeinmediziner und Internisten nach ersten Anzeichen für eine Parodontalerkrankung suchen. Auf den Anamnesebögen finden sich dazu vier Fragen, die die Probanden selbst ausfüllen müssen. Diese Selbsteinschätzung soll der Arzt durch eine Untersuchung der Mundhöhle überprüfen und ergänzen (siehe Kasten).

Überweisung an Zahnärzte

Die weitere Therapieempfehlung ergibt sich aus dem geschätzten Risiko. Gibt es mindestens ein „Ja“ auf dem Fragebogen und sind erste Anzeichen einer Entzündung zu sehen, ist die Zuweisung an einen „parodontologisch orientierten Zahnarzt“ empfohlen. „Die Zeiten, wo die Zahnmedizin vor der Uvula aufgehört und die Humanmedizin erst dahinter begonnen hat, sind vorbei“, sagt DDr. Stefan Hienz von der Abteilung für Parodontologie und Prophylaxe an der Medizinischen Universität Wien. „Die Ärzte müssen enger zusammenarbeiten. Falsch wäre allerdings, wenn nun Allgemeinmediziner oder Internisten glauben, die Parodontitis mit Antibiotika selbst behandeln zu müssen.“ Dafür sind die Zahnärzte zuständig.
Bakterienkoloniebildung durch genaues Putzen verhindern Weil die richtige Zahnhygiene ein wesentlicher Präventionsfaktor ist, sollten allerdings auch Probanden ohne sichtbares Risiko über die fachgerechte Reinigung von Zähnen und Zahnzwischenräumen informiert werden. „In Österreich vertraten bisher viele Zahnärzte den Standpunkt, dass man gegen Parodontalerkrankungen nichts tun kann. Darum ist es so wichtig, dass das Problem nun stärker thematisiert wird“, sagt Dr. Claudia Luciak-Donsberger. Sie hat ein vierjähriges Studium für Dentalhygiene in den USA absolviert und lehrt an der Abteilung für Parodontologie und Prophylaxe an der Medizinischen Universität Wien. Die Prophylaxe sei bisher viel zu sehr auf die Kariesprävention abgestimmt gewesen – ganz nach dem Motto: Oft putzen und nicht naschen. „Um Parodontitis zu verhindern, ist es wichtig, einmal in 24 Stunden die Bakterienkoloniebildung zu stören. Dazu muss man sorgfältig und mit den richtigen Hilfsmitteln jeden einzelnen Zahn und die interdentalen Zwischenräume reinigen“, sagt Luciak-Donsberger.

Prophylaxe will gelernt sein

Parodontal-Prophylaxe muss gekonnt werden. In 17 europäischen Ländern ist die Berufsgruppe der DentalhygienikerInnen darauf spezialisiert. Sie haben eine mindestens dreijährige Ausbildung nach der Matura, zumeist an Hochschulen. Auch in Österreich wird die Einführung dieses Berufsbildes diskutiert. Derzeit ist quasi als „Miniversion“ ein Gesetz in Begutachtung, das die Ausbildung und Tätigkeit der in den Zahnarztpraxen angestellten Prophylaxe-AssistentInnen regelt. Pikant ist, dass nun in der Vorsorgeuntersuchung eine Empfehlung für eine fachgerechte Parodontalbehandlung ausgesprochen wird, diese Leistung aber derzeit von den Kassen so gut wie nicht bezahlt wird. Das könnte sich allerdings bald ändern. Der Chefzahnarzt der Wiener Gebietskrankenkasse und Berater des Hauptverbandes, Prof. Prim. Dr. Wolfgang Jesch, kann sich vorstellen, dass die Parodontalbehandlung künftig im Leistungskatalog in „geeigneter Weise zu berücksichtigen sein wird“. Im Augenblick gebe es allerdings noch keine diesbezüglichen Verhandlungen mit der Ärztekammer.

Komplexe Erkrankung mit unterschiedlichen Befallmustern

„Es ist gut, dass die Vorsorge-untersuchung auf das Problem der Parodontitis aufmerksam macht“, meint auch Zahnarzt Schein. Beachtet werden müsse dabei allerdings, dass es eine komplexe Erkrankung mit unterschiedlichen Befallmustern sei und es neben aktiven auch ruhende Phasen gebe. „Für das ungeschulte Auge ist daher nur eine deutlich ausgeprägte Entzündung erkennbar“, betont Schein, „und die Gefahr der falsch negativen Befunde bei Beurteilung durch Nichtzahnärzte ist hoch.“ Deshalb sollte in jeden Fall eine zahnärztliche Kontrolle mit gezielter Fragestellung nach Parodontitis empfohlen werden.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 42/2005

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