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Allgemeinmedizin 16. November 2005

E-Health: Schreckgespenst oder Hilfe?

Seit längerem geistert ein neues Schlagwort durch die Gesundheitssysteme: E-Health. Die damit gemeinte Vernetzung bietet ein breites Spektrum an Verän-derungen, entsprechend groß sind die Hoffnungen in sie. Doch die Umsetzung steckt noch in den Kinderschuhen.

Einen Tag lang besprachen Experten am 8. November 2005 in der Wiener Börse unter dem Titel „E-Health – Wege aus dem Expertendschungel“ den Stand der Entwicklungen. Am Ende stand eine Podiumsdiskussion, in der nicht zuletzt auch ein Resumee des Tages gezogen wurde.

Eine „gruselige“ Vision?

Der Schwerpunkt der Nachmittagsvorträge befasste sich mit konkreten Projekten zur elektronischen Krankenakte (EL-KA) und der Vernetzung der verschiedenen Systeme der Krankenanstaltenholding. Das veranlasste den Journalisten Alfred Worm zu harschen Worten: „Mich hat es bei diesen Vorträgen fast gegruselt. Der KAV sammelt 30 Millionen Daten und hat eine Software, die sich metastasierend verbreitet, aber keine Vernetzung mit dem benachbarten Niederösterreich. „Wer braucht bei 1,6 Millionen Wienern 37 Millionen Daten?“ fragte der Journalist. „Warum muss ich einen Datensatz 30 Jahre aufheben? Das sind Skurrilitäten, die ihresgleichen suchen.“ Der Patient wolle vom Arzt Zuwendung, und der Arzt schaue nicht in den Computer, wenn er dem Patienten Tipps zur Behandlung gäbe, so Worm. Eine Ansicht, die heftigen Widerspruch hervorrief. Schließlich sei die 30-Jahre-Frist eine gesetzliche Vorgabe, gab Dr. Andrea Kdolsky, Geschäftsführerin der im September gegründeten NÖ Landeskliniken-Holding, zu bedenken. Außerdem hält sie eine wissenschaftliche, evidenzbasierte Vorgangsweise, die individuell das Richtige für den Patienten heraussucht, doch für besser als die von Worm offensichtlich bevorzugte generelle Empfehlung.

Systeme in den Kinderschuhen

Von mehreren Seiten wurde auch darauf verwiesen, dass die Systeme noch in den Kinderschuhen steckten. „Das Akquirieren von Daten ist ja nur ein Teil des Ganzen“, erklärte Kdolsky. In Zukunft ginge es auch um die Schaffung von Standards von der Pflege bis zur Spitalsaufnahme bei der Laptop-Visite. Ziel sei, die Qualität durch klare medizinische Pfade zu fördern und von Einflussnahmen wegzukommen. Derzeit sei sicher noch zu erfassen, wer welche Daten braucht beziehungsweise wer Adressat und Empfänger bestimmter Daten sein soll.

Sicher kein Allheilmittel

„E-Health ist sicher nicht das Allheilmittel, als die wir sie manchmal sehen“, so Kdolsky. Aber es sei eine wichtige, begleitende Struktur, die dem Arzt helfen soll, Zeit zu sparen, die dann dem Patienten gewidmet werden kann. Den Arzt könne E-Health freilich nicht ersetzen. Auch Mag. Jan Pazourek, Pressesprecher der Wiener Gebietskrankenkasse, warnte vor einer Überbordung der e-Health. Wenn schon gefragt werde, ob E-Health das Gespräch mit dem Arzt ersetzen oder der Alternativmedizin zum Durchbruch verhelfen könne, dann wären das sicher übertriebene Erwartungen. Aber e-Health könne bei der integrierten Krankenversorgung, beim „disease management“ durch Vernetzung von Spital, Arzt und anderen Betreuungseinrichtungen gute Dienste leisten. Und es könne helfen, den Patienten mit allen Daten als Ganzes zu sehen und über organbezogene Diagnosen hinauszublicken. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass mehr Prävention eine wirkungsvolle Maßnahme zur Senkung der Gesundheitskosten sei. Doch kann E-Health in diesem Sinne einen Beitrag leisten?

Hausarzt und E-Health

Karlheinz Kopf, Generalsekretär des Österreichischen Wirtschaftsbundes: „E-Health kann nicht die notwendigen Handlungen ersetzen, aber eine wesentliche Hilfestellung sein. Ich habe die Vision eines Hausarztes, bei dem alle gesundheitsrelevanten Informationen zusammenlaufen. Wenn meine medizinische Biografie für ihn greifbar ist, wird er besser als bisher mein Lotse sein können.“ Kopf sieht diese Möglichkeit sowohl im Bereich der „Reparaturmedizin“ als auch in der Prophylaxe und vielleicht auch einmal in Form des e-Consulting. In die gleiche Kerbe schlug Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher: „Wenn der Arzt die Entwicklung etwa der Blutwerte über Jahrzehnte beobachten kann, kann er dem Patienten unter Umständen auch bessere Ratschläge geben als mit dem Blitzlicht der aktuellen Untersuchung.“ Nicht zuletzt glaubt Horx aber auch an das Rationalisierungspotential in diesem Bereich, auch wenn dieses derzeit noch nicht bezifferbar sei: „Wir stehen hier da wie 1999, als die große Computerwelle und die New Economy über uns hereingebrochen sind. Auch damals war die Verheißung sehr groß, und erst langsam, nicht zuletzt durch das Scheitern mancher Systeme, lernten wir die eigentlichen Qualitäten des Computers kennen.“

Prävention durch Information

Prof. DDr. Eckhart Nagel, Inst. für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Uni Bayreuth, sieht als eine der großen Vorteile der Vernetzung das zunehmende Maß an Information, die jedem zugänglich ist: „Ein wesentlicher Anspruch der solidarfinanzierten Krankenkasse war nicht nur gleicher Zugang zum Gesundheitssystem für alle, sondern auch gleiche Möglichkeiten zur Gesundheit. Das ist gescheitert. Wie alt man wird, wie gesund man ist, ist nach wie vor vom sozialen Status abhängig.“ Um soziale Gesundheit gesamtgesellschaftlich zu erzeugen, wäre Information ein ganz wesentlicher Punkt. Und hier könne E-Health durch entsprechende Information im Internet einen Beitrag leisten, speziell in der präventiven Medizin.

Daten für die Politik

Auch Kdolsky betonte, dass jeder Jugendliche heute im Internet surfen könne und schon in den letzten Jahren die Zahl der aus dem Internet informierten Patienten ständig zugenommen habe. Und nicht zuletzt sehen Kopf und Horx auch Potenziale im Bereich der Gesundheitspolitik. Es wäre denkbar, die Datenmengen als gesundheitspolitische Steuerungselemente einzusetzen. Horx: „Krebscluster werden erkennbar, Problemgruppen der Gesellschaft können besser gesehen werden, aber auch etwa falsche Behandlungsansätze.“ Nur mit harten Daten könnten auch harte Entscheidungen getroffen werden.

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 46/2005

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