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Allgemeinmedizin 23. November 2005

Peering Point: Unnötige Mautstelle?

Während sich die e-card stetig „ausrollt“, formiert sich innerhalb der Ärzteschaft, aber auch seitens der EDV-Ausstatter der Widerstand gegen die Peering Point-Gesellschaft. Auf die Ärzte lauern zusätzliche Kosten.

Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) und der Hauptverband der Sozialversicherungsträger haben seit kurzem eine gemeinsame Tochter: die Peering Point Betriebsges. mbH. (PPG). Die Eintragung ins Firmenbuch soll in diesen Tagen erfolgen. Ungewohnt brüderlich teilt man sich halbe-halbe: Geschäftsführerposten (nicht extra bezahlt), Kosten (je 500.000 Euro im ersten Jahr) und – sollte es einmal so weit kommen – auch den Gewinn. Gegenstand der Gesellschaft ist „die Errichtung und Führung einer technischen Einrichtung, die sicherstellen soll, dass der Datenaustausch zwischen Ärzten, Sozialversicherung und ihren Partnern auf einer gesicherten Infrastruktur erfolgt“. „Das ist wie eine Autobahn oder ein Eisenbahnnetzwerk“, versucht der Salzburger Arzt, Kurienobmann und EDV-Experte, Dr. Josef Lohninger, es einfach zu erklären. Die Datenpakete sollen darauf von ihrem jeweiligen Ausgangspunkt (z.B. Ordination) bis zum Endpunkt (z.B. Hauptverband, Apotheke, Spital etc.) wie in einem Tunnel flitzen – ohne Abzweigungen, an denen sich böse Hacker einklinken können.

Die Kanäle des Datentunnels

Dieser Datentunnel – also die ADSL-Leitung, die bald in den meisten Arztpraxen installiert wird – hat zwei Kanäle: einen für Sozialversicherungsfunktionen wie e-card, Chefarztbewilligungen (ABS) oder e-Rezept, die via GINA-Box laufen. Einen zweiten gibt es für so genannte Mehrwertdienste, wie Befundübermittlung, E-mail, Internet, Software-Fernwartung, Teleworking oder Bankomat.„Unsere Aufgabe ist es, diesen ‚Mehrwertkanal’ sauber zu halten“, sagt Mag. Gerhard Holler, Stellvertretender Kammeramtsdirektor der ÖÄK und einer der beiden Geschäftsführer der Peering Point Gesellschaft. Das will man durch eine große „Firewall“ rund um das geschlossene Netz erreichen und durch eine strenge Auswahl der Provider-, Befundübermittlungs- und Softwarefirmen. Wer in das Netz hinein will, muss die Bedingungen der PPG erfüllen.

Mehrkosten für EDV-Anbieter

Einige EDV-Firmen haben einen Verband der Medizin-Softwarehersteller (ÖMS) gegründet – die meisten von ihnen wollen allerdings anonym bleiben – und wehren sich öffentlichkeitswirksam gegen diese ihrer Ansicht nach „diktatorischen“ Vorgaben und die „Monopolisierung“ in der Branche. Was sie besonders stört: Die Peering Point Gesellschaft (PPG) verlangt auch „Nutzungsgebühren“ für den Mehrwertkanal. Rund einen Euro sollen die Firmen monatlich pro Arzt, der ihre Dienste empfängt, bezahlen. Der endgültige Preis steht allerdings noch nicht fest. Er soll in den kommenden Wochen mit den Firmen verhandelt werden, betont Holler. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Fernwartung der Ordinationssoftware künftig Zusatzkosten für die EDV-Firmen bringen wird, die diese wohl letztlich auf die Kunden abwälzen werden. Die Ärzte zahlen also ADSL-Gebühr, das Entgelt für die Zusatzdienste und die Peering-Point-Gebühr.

Wofür die Ärzte zahlen sollen

Derzeit ist auch noch geplant, ihnen zusätzlich fünf Euro pro Monat abzuknöpfen. „Es wird aber bereits überlegt, statt dieses Pauschalbetrages nur die Gebühr nach dem tatsächlichen Verbrauch einzuheben“, sagt Holler. Insgesamt kostet der Peering Point die Ärzte in jedem Fall eine Menge Geld: Den halben Betrieb bezahlen sie durch ihre Kammerumlagen. Jene Einnahmen, die diese Kosten re-duzieren sollen, kommen ebenfalls aus ihren Taschen. Als Gegenleistung, sagt Holler, erhalten sie ein System mit einer höheren Sicherheit als bisher. Das stellen einige EDV-Firmen in Abrede und wehren sich lautstark gegen die „preisliche und technische Knebelung“ des Peering Points. „Wir wollen keinen Vertrag mit der PPG, weil wir uns dieser Diktatur nicht unterwerfen wollen. Das ist eine Geiselhaft“, sagt ÖMS-Präsident Ing. Klaus Propst, Geschäftsführer der Firma MCW (Medical Computer Ware). Das Argument der Datensicherheit hält er für vorgeschoben. Auch in einem offenen System, wie beispielsweise dem Internet, könne man Daten zumindest genauso sicher versenden. Das sei auch in der Vergangenheit schon geschehen.

Firewall, Viren- und Spamschutz

Auch Holler räumt ein, dass ein offenes System prinzipiell möglich sei: „Aber jeder Arzt bräuchte dann eine eigene Firewall, was sehr aufwändig und teuer wäre. Der Peering Point nimmt ihm diese Aufgabe ab.“ Auch bisher hätte jeder ADSL-Anschluss in einer Arztpraxis gesichert werden müssen, was allerdings in der Praxis oft nicht geschehen sei. Dafür wolle nun der Peering Point sorgen. Für den Viren- und Spamschutz seien allerdings auch weiterhin die Ärzte und ihre Softwarelieferanten selbst verantwortlich. Denn eingeschleuste verschlüsselte Viren könne auch der Peering Point nicht erkennen. Die müssten bereits am PC abgefangen werden. Durch die Auswahl und Zertifizierung der EDV-Firmen seien allerdings nun einheitlich hohe Standards bei den Schutzvorrichtungen garantiert, sagte Holler.

Zweiter ADSL-Anschluss?

Was bedeutet das nun für Ärzte, deren Software von einer Firma stammt, die sich nicht am Peering Point beteiligen will bzw. kann? Die Übertragung der e-card-Daten im ersten Kanal (via GINA) seien in jedem Fall problemlos möglich, sagt Holler. Der „Mehrwertkanal“ stünde allerdings nur zertifizierten Anbietern offen. Das heißt, die Fernwartung der Software, die Befundübermittlung oder Teleworking-Konfigurationen müssten dann über einen weiteren, völlig abgetrennten Anschluss erfolgen. Dafür müsste der Arzt allerdings extra bezahlen und auch die Haftung für die Datensicherheit übernehmen, betont Holler. Manche Ärzten scheinen das allerdings in Kauf nehmen zu wollen. „Ich werde meinen privaten E-Mail-Verkehr sicher nicht über den Peering Point laufen lassen. Ich behalte mir meinen bisherigen ADSL-Anschluss“, sagt der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Werner. „Wir brauchen den Peering Point nicht. Er dient einzig unserer Überwachung.“

Kontrollen notwendig

Diesen Vorwurf weist Holler zurück. Weder Hauptverband noch Ärztekammer hätten Zugriff auf die Inhalte, versichert er. Datenpakete, die via GINA laufen, seien außerdem verschlüsselt und nur für die Empfänger lesbar. Er räumt allerdings ein, dass man ursprünglich vorgehabt hatte, den Internet-Verkehr im „Mehrwertkanal“ auf „gefährliche Inhalte“ zu scannen. Diese Idee sei jedoch aus „Kostengründen“ fallen gelassen worden. Geblieben ist allerdings das Faktum, dass sich Hauptverband und Ärztekammer mit dem Peering Point eine Machtposition mit theoretischer Zugriffsmöglichkeit auf viele Daten geschaffen haben. Es wäre unfair, ihnen zu unterstellen, dass sie diese auch wider alle Gesetze und Datenschutzregelungen missbrauchen werden. Aber es wird wachsame Augen geben müssen, die das auch kontrollieren.

Veranstaltungstipp: Am 7. Juni 2005 um 19.30 Uhr findet in der Gesellschaft der Ärzte, Frankgasse 8, 1090 Wien, eine Informationsveranstaltung des Hausärzteverbandes zum Thema „Peering Point“ statt.
Telefontipp: Hotline für e-card Fragen: 0501/243-322. Informationstelefone auch bei den meisten Landesärztekammern

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 22/2005

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