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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Gesundheitsreform: Keine Anreize für die Hausärzte

Der Hausarzt soll zur Drehscheibe in einem integrierten Gesundheitssystem werden. Mehr Geld will man ihm dafür allerdings nicht geben, Verbesserungen zum Minustarif wären den politisch Verantwortlichen am liebsten. Ärztevertreter sind jedenfalls skeptisch, dass der niedergelassene Bereich eine Aufwertung erfährt.

Die Slogans der Politik sind bekannt: „Der gute alte Hausarzt spielt eine wichtige Rolle im Gesundheitswesen und soll in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen“, kündigte etwa Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat vor fast genau einem Jahr im Vorfeld ihrer Gesundheitsreform an. Auch im Programm der schwarz-blauen Regierung steht es Schwarz auf Weiß: Die Allgemeinmediziner sollen aufgewertet werden. „Das stand schon in den letzten 20 Regierungserklärungen drinnen“, meint Dr. Rolf Jens, Vertreter der Allgemeinmediziner in der Ärztekammer für Wien, resignierend. Passiert sei allerdings genau das Gegenteil: „Weitere Spezialisierungen, Kompetenzabschneidungen und Diminutionen. Man spricht uns Hausärzten immer mehr Kompetenzen ab, und das Geld fließt in die Spitäler“, kritisiert er.

Eindeutige Abwertung der Hausärzte

Auch Dr. Otto Pjeta, Präsident der Ärztekammer für Oberösterreich, ärgert sich: „In der gesamten Gesundheitsreform kommen die Allgemeinmediziner nicht vor.“ Sollten ihre Rolle, ihre Kompetenzen und ihre Bezahlung nicht erweitert werden, dann sei das eine „eindeutige Abwertung“. Den Ärzten drohe ganz allgemein nach der Gesundheitsreform die Gefahr, „ins Vorzimmer geschickt zu werden“, meint Pjeta. Dafür gäbe es deutliche Anzeichen. „Die Ärztekammer ist zwar in der neuen Bundesstrukturkommission (Anm.: Gremium der Bundesagentur) vertreten, aus dem wichtigen Arbeitskreis für Strukturveränderungen allerdings ausgeschlossen. Dahinter steckt eine eindeutige Absicht“, so Pjeta. Ein weiteres Alarmsignal ist für ihn die geplante Auslagerung der Ge­riatrie als Fachbereich. Damit werde die Rolle des Hausarztes noch weiter untergraben. Die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin sei eine Möglichkeit zur Aufwertung der Hausärzte, die „allerdings nichts nützt, wenn man uns alle Aufgaben wegnimmt“, so Pjeta. Auch der Präsident der Allgemeinmedizinischen Fachgesellschaft (ÖGAM), Dr. Erwin Rebhandl, ist nicht wirklich zufrieden: „Die Gesundheitsreform war bisher sehr am Spitalsbereich orientiert. Wir hoffen, dass nun auch der niedergelassene Arzt Thema wird.“ Es sei allerdings nicht Aufgabe der Fachgesellschaft, sich darum zu kümmern, betonte er bei einer Presskonferenz anlässlich des 1. Kongresses zur Integrierten Gesundheitsversorgung in der Vorwoche in Wien.

Selbsthilfegruppen stützen Rolle der Allgemeinmediziner

Die Ärzte sollten ausreichend „personelle und strukturelle Ressourcen“ haben, sagte Mag. Monika Maier, Sprecherin der ARGE Selbsthilfegruppen. Dies sei unumstritten auch im Sinne der Patienten. Die Allgemeinmediziner seien wichtig, da sie „die Patienten in ihrem Lebenszusammenhang sehen“. Maier warnte allerdings vor einer „Monopolstellung“ des Hausarztes: Vor allem bei chronisch Kranken übernehme oft der Facharzt die Rolle des Gesundheitsmanagers. Aus Sicht der Sozialversicherung ist es die Aufgabe der Hausärzte, die Koordination in einem „Integrierten Gesundheitssystem“ zu übernehmen. Mehr Geld soll er dafür allerdings nicht bekommen. „Das gehört sowieso zu seinen Aufgaben“, meint Mag. Beate Hartinger, Stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Ein zusätzliches Anreizsystem, beispielsweise durch Hausarztmodelle, wie es sie in einigen europäischen Ländern gibt, hält sie für nicht sinnvoll. Ein Standpunkt, der Jens ärgert: „Wenn man dem Hausarzt die Drehscheibenfunktion in einem integrierten System geben will, dann braucht man auch die Rahmenbedingungen dazu. Die Politik will immer nur Veränderung zum Minustarif.“ Sein Nachsatz: „Uns Hausärzten kann man allerdings nichts mehr wegnehmen – wir sind schon hart an der Grenze des Überlebens.“

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 23/2005

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