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Allgemeinmedizin 23. November 2005

Streit um „Pille danach“ ohne Rezept

In den USA ist ein wahrer Krieg um den so genannten „Plan B“ entbrannt. In Österreich soll im Dezember über die Rezeptbefreiung der „Pille danach“ entschieden werden. Erfahrungen aus der Praxis von Ärzten und Apothekern zeigen, dass es hier um ein ernstes Anliegen geht.

Medizin kann sehr politisch sein. In den Vereinigten Staaten erhitzt derzeit „Plan B“ die Gemüter. Einflussreiche, konservative Kreise wollen um jeden Preis eine rezeptfreie Abgabe der „Pille danach“ verhindern. Ende August kam es zum Eklat: Die Medizinerin Susan Wood trat als Leiterin der Abteilung für Frauengesundheit der Food and Drug Administration (FDA) zurück. Sie tat dies aus Protest, weil sich die übergeordnete Behörde gegen die eindeutige Empfehlung der FDA, die „Pille danach“ rezeptfrei abzugeben, hinweggesetzt habe. In den USA ist tatsächlich ein ideologischer Krieg um „Plan B“ entbrannt. Die Gegner argumentieren, dass eine freie Abgabe zu einer höheren Promiskuität bei Teenagern führe. In Einzelfällen könne es auch zur Abtreibung bereits befruchteter Eizellen kommen. Damit werde bestehendes Leben vernichtet, meinen die Kritiker, die zumeist aus religiösen Gruppen stammen. Die Befürworter halten dem entgegen, dass durch eine rezeptfreie Abgabe die Rate der unerwünschten Schwangerschaften vor allem bei sehr jungen Mädchen reduziert werden könnte. In mehr als 40 Staaten weltweit sei die „Pille danach“ bereits ohne ärztliche Verordnung erhältlich. In Großbritannien werde sie sogar in Schulen abgegeben. Auch in Österreich wird das Thema gerade diskutiert. Derzeit ist die „Pille danach“ (Vikela®) rezeptpflichtig. Die Firma Gerot hat einen Antrag auf freie Abgabe in der Dosierung 0,75 mg gestellt. Noch im Dezember soll die Rezeptpflichtkommission darüber entscheiden.

„Nicht die Linie der Politik“

Im Gesundheitsministerium hat man allerdings gewisse Vorbehalte. „Aufgrund der Nebenwirkungen ist die rezeptfreie Abgabe schon sehr bedenklich“, sagt Prof. Dr. Robert Schlögel, Leiter der Abteilung für medizinische und pharmazeutische Angelegenheiten. Und er gibt offen zu: „Es liegt nicht auf der Linie der Politik, das zu befürworten“. Die Entscheidung in der Rezeptpflichtkommission werde aber nach rein medizinischen Kriterien getroffen, betont er. Im Vorfeld hat sich auch der Oberste Sanitätsrat (OSR) mit dem Thema beschäftigt. Über den medizinischen Standpunkt war man sich weitgehend einig. „Die ,Pille danach‘ ist reines Gestagen und hat kein medizinisches Risiko“, sagt Prof. DDr. Johannes Huber, Vorstand der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung im Wiener AKH.

Medizinisch unbedenklich

Auch die Leiterin des Frauengesundheitszentrums in Graz, Mag. Sylvia Groth, MAS, die als Expertin in den OSR geladen worden war, ist von der medizinischen Unbedenklichkeit der Notfallverhütung überzeugt: „Die neuen ‚Pillen danach’ sind sehr niedrig dosiert. Alle Studien deuten darauf hin, dass es eine wirksame Methode mit nur wenigen Nebenwirkungen ist.“ Die Geister schieden sich jedoch an der Frage, ob es nun erwünscht sei, dass auch junge Mädchen einen niederschwelligen Zugang zu diesen Hormonpräparaten bekommen. Die Pille danach sollte spätestens innerhalb von 72 Stunden nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Eine frühere Einnahme wird von der Firma empfohlen. Vor allem in der Nacht und am Wochenende liegt da die Nachtapotheke näher als der nächste Facharzt. „Vom medizinischen Standpunkt aus gesehen ist es vertretbar, dass man einem armen Mädel das Medikament auch ohne Rezept gibt“, sagt Huber. Vom ethischen Standpunkt aus meine er allerdings, dass das „Personale“ mehr in den Vordergrund gerückt werden sollte. „Sexualität ist nicht nur Akrobatik“, so Huber. Das sollten Eltern, Ärzte und Psychologen den jungen Leuten nachhaltiger vermitteln. Für Groth ist die rezeptfreie Abgabe eine Frage der Selbstbestimmung: „Ich bin sicher, dass Frauen klug genug sind, um die ‚Pille danach’ eigenverantwortlich einnehmen zu können.“ Den Hinweis auf die mögliche Gefahr einer höheren Promiskuität oder Nachlässigkeit in Verhütungsfragen hält sie für absurd. „Man sollte allerdings dringend das Aufklärungsangebot in den Schulen verstärken. Es sollte unparteiisch sein und keinesfalls in den Händen von selbst ernannten Lebensschützern“, betont Groth.

Notfall-Erlass des Ministeriums

Aufgrund der Empfehlung des OSR wurde im vergangenen August vom Gesundheitsministerium ein Erlass herausgegeben, der die Apotheken in „Notfällen“ zu einer Abgabe der „Pille danach“ ohne ärztliche Verschreibung berechtigt. Die Apotheker haben zu prüfen, ob eine „besondere psychische Belastung an der Schwelle der Gesundheitsgefährdung“ vorhanden und der Zeitfaktor von Relevanz ist. „Damit haben wir den Zugang in Notfällen erleichtert“, sagt Schlögel. Man wisse aber auch, dass dieser Erlass von den Apotheken österreichweit unterschiedlich gehandhabt wird. „Im Osten bekommt man sie lockerer als im Westen“, so Schlögel (siehe Kasten). Auch Groth kritisiert die Pharmazeuten: „Alle Studien deuten darauf hin, dass es eine wirksame Methode mit nur wenigen Nebenwirkungen ist. Diese Information scheint in vielen Apotheken noch nicht angekommen zu sein. Dort hält man sie oft noch für so gefährlich wie die alten hochdosierten Östrogen-Gestagen-Pillen.“ Bleibt abzuwarten, wie die Rezeptpflichtkommission die Sache einschätzen und auf welche Seite sich Österreich schlagen wird: Auf jene der USA oder auf eine liberalere.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 47/2005

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