zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 16. November 2005

Alkoholfragebogen macht Probleme in der Praxis

Der Alkoholfragebogen in der neuen Vorsorgeuntersuchung ärgert viele Ärzte. Sind so viele Fragen wirklich notwendig oder eine reine Schikane? Die „Erfinder“ verstehen die Aufregung nicht, die Anwender geben offen Akzeptanzprobleme zu.

„Unübersichtlich, durcheinander und ärgerlich“ – so findet der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Reinhard Dörflinger die Formulare der neuen VU. Mit dieser Kritik steht er nicht alleine da. Besonders unzufrieden sind viele Kollegen mit dem Alkoholfragebogen. „Das ist ein Bürokratiemonster“, ärgert sich MR Dr. Erich Berger, Allgemeinmediziner und Sprecher des 1. Badener Qualitätszirkels. „Für eine einzige Frage bedarf es 18 Bearbeitungsschritte. An welchen Blödsinn müssen wir uns denn noch gewöhnen?“ Die meisten seiner Patienten würden den Fragebogen ablehnen, sagt Berger. Außerdem wüssten die Hausärzte sowieso, wo die Alkohol-Problemfälle zu finden sind.
Die mediale Diskussion um die Auswertung der sensiblen VU-Daten habe zusätzlich viele Patienten beunruhigt. Das sieht auch der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs so: „Der Fragebogen passt eher zu einer epidemiologischen Studie als zu einer Gesundenuntersuchung. Das inquisitorische Moment entsteht aber erst so richtig durch die fehlende Anonymisierung der personenbezogenen Daten.“ Sowohl seitens des Gesundheitsministeriums als auch des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger wird zwar beteuert, dass der Aufbau einer personenbezogenen Alkoholikerdatei nie geplant war. Dennoch: Bis heute ist nicht geklärt, ob und – wenn ja – wo die Daten der Befundblätter gespeichert und ausgewertet werden sollen.

Prim. Dr. Gert Klima, leitender Arzt der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse und federführend bei der Neukonzeption der VU, versteht die Aufregung nicht: „Dieser Fragebogen ist ja nicht unsere Erfindung, sondern ist evidenzbasiert und international erprobt. Er soll Vorstufen der Alkoholabhängigkeit erkennen helfen.“ Für die, die ihn ernst nehmen, sei er eine Chance. „Wenn allerdings der Arzt sagt, das ist ein Blödsinn, dann wird ihn der Patient auch nicht akzeptieren“, meint Klima.

Kaum Feedback von Probanden

Ob der Fragebogen bei den Probanden ankomme, wisse man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. In den Ambulatorien der GKK werde er, so Klima, von den Probanden bisher bereitwillig und „relativ kommentarlos“ ausgefüllt.„Der gewählte AUDIT-Fragebogen ist aufgrund seiner hohen Sensitivität und Spezifität für die Früherkennung am besten geeignet“, sagt Prof. Dr. Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-In­stitutes in Wien, dessen Team unter der Leitung von Dr. Wolfgang Beiglböck diesen Fragebogen wissenschaftlich beratend begleitet hat. Er sei gut mit Studien belegt (siehe Kasten), international im Einsatz und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehle ihn neuerdings statt des bisher weit verbreiteten CAGE-Fragebogens. Vor allem in den niedergelassenen Arztpraxen habe der AUDIT-Screeningtest zu besseren Ergebnissen geführt. Der in der alten VU verwendete Parameter Gamma GT schneidet im Vergleich dazu noch weit schlechter ab: Seine Sensitivität liegt lediglich zwischen 33 und 60 Prozent.
„Die besondere Stärke des AUDIT-Fragebogens liegt in der frühen Erkennung des Risikokonsums“, sagt der Public Health Experte Dr. med. Franz Piribauer, der ebenfalls an der VU-Reform beteiligt war. „Zum ersten Mal haben jetzt Hausärzte zu einem Zeitpunkt ein Instrument in der Hand, wo man noch etwas bewegen kann. Bisher wurden zumeist nur die bereits Alkoholkranken entdeckt.“

Evidenz allein ist zu wenig

Soweit die Wissenschaft. Es bleibt allerdings wieder einmal die Frage stehen: Was nützt die beste Evidenz, wenn sie in der Praxis nicht angenommen wird? Kassenarzt Klima sieht das pragmatisch: Sollte sich herausstellen, dass der Alkoholfragebogen tatsächlich nicht akzeptiert wird, könnte er auch wieder aus dem VU-Programm gestrichen werden. „Ich stehe dieser Frage völlig neutral gegenüber“, betont er. Könnte gut sein, dass bei ihm demnächst Vorschläge von Berger und dem 1. Badener Qualitätszirkel einlangen. Sie haben sich nämlich zum Ziel gesteckt: „Weg mit der Zettelwirtschaft und Ersatz durch einen einfachen Fragebogen mit maximal sechs Fragen.“

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 45/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben