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Allgemeinmedizin 23. November 2005

Diagnostische Neugier ohne Ende (Folge 23)

Schon lange produzieren „Labormediziner“ nicht mehr nur Messwerte. Vielmehr ist der Facharzt für medizinische und chemische Labordiagnostik – so die offizielle Bezeichnung – heute ein unverzichtbarer Partner für nahezu alle anderen Spezialdisziplinen der modernen Medizin.

„Die medizinische und chemische Labordiagnostik ist ein zentrales Fachgebiet, das in sämtliche Bereiche der Medizin hineinspielt. Sie muss daher laufend Schritt halten mit allen Entwicklungen der Medizin, und zwar nicht nur auf diagnostischem, sondern zunehmend auch auf therapeutischem Niveau.“ So beschreibt die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und klinische Chemie und Oberärztin am Institut für medizinische und chemische Labordiagnostik am AKH Wien, Prof. Dr. Ilse Schwarzinger, den Status quo ihres Faches. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE gibt sie Einblick in ihre persönliche Faszination für die Diagnostik, kommende Herausforderungen und den in ihrem Fach herrschenden Kostendruck.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Schwarzinger: Ich kann mich voll und ganz dem widmen, was mich schon während des Studiums am meisten interessiert hat: der Diagnostik. Gerade in meinem Spezialgebiet, der Hämatologie, spielt die Labordiagnostik eine zentrale Rolle. Es ist immer wieder eine Herausforderung, für jede Fragestellung gezielt aus der Vielfalt der zur Verfügung stehenden diagnostischen Methoden jene anzuwenden, die auf dem kürzesten Weg zur richtigen Diagnose führt.

Was waren aus Ihrer Sicht die größten Veränderungen in den vergangenen 20 Jahren?
Schwarzinger: Die medizinische und chemische Labordiagnostik gehört sicher zu jenen Disziplinen, die sich seit Anfang der 80-er Jahre am stärksten verändert haben. Methodologisch haben auf nahezu allen Gebieten der Labormedizin Revolutionen stattgefunden. Eine rasante Entwicklung hat die Automatisation genommen, nicht nur weil für viele Analysen automatische Testsysteme entwickelt wurden, sondern auch weil es zunehmend möglich wird, diagnostische Prozesse im Labor durch Vernetzung verschiedener Analysesysteme („Analysestraßen“) aneinander zu koppeln. Die elektronische Datenverwaltung – vor 20 Jahren nur auf dem Niveau eines „besseren Taschenrechners“ vorstellbar – ist heute zum unverzichtbaren Kernstück der Labororganisation geworden. Auch das inhaltliche Aufgabenspektrum der medizinischen und chemischen Labordiagnostik hat sich enorm gewandelt: von der reinen Produktion von Messwerten hin zu hochkomplexer Spezialdiagnostik für alle klinischen Bereiche.

Was werden die kommenden Herausforderungen für Labormediziner sein?
Schwarzinger: Eine zentrale Rolle in der medizinischen Versorgung wird in Zukunft die Gesundheitsvorsorge einnehmen. Hier ist die medizinische und chemische Labordiagnostik gefordert, zur Verfeinerung und Verbesserung der Prädiktion von Erkrankungen beizutragen. Ein wichtiges Aufgabengebiet wird zukünftig auch die Schaffung diagnostischer Grundlagen für die Anwendung individueller Therapieverfahren im Sinne einer „personalized medicine“ sein. Ein Beispiel dafür ist die Pharmakogenetik, deren Ziel es ist, durch Bestimmung der individuellen Medikamentenempfindlichkeit eine maßgeschneiderte Auswahl und Dosierung von Therapeutika zu ermöglichen und dadurch unerwünschte Nebenwirkungen zu verringern.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für medizinische Chemie und Labordiagnostik aus?
Schwarzinger: Diagnostische Neugier ist eine Grundvoraussetzung für einen guten Laborfacharzt. Technisches Interesse und technische Begabung sind für die Etablierung und Auswahl der optimalen Messmethoden bzw. die Erkennung und Vermeidung von Messfehlern erforderlich. Organisationstalent ist die Voraussetzung dafür, dass die diagnostischen Prozesse effektiv gestaltet werden können. Unverzichtbar ist auch Kommunikation, da die diagnostischen Prozesse nur durch laufenden Kontakt mit den Klinikern für beide Seiten optimal gestaltet werden können. Eigene klinische Erfahrung ist in jedem Fall eine Bereicherung, da das Verständnis für klinische Abläufe die Koordination der immer komplexer werdenden diagnostischen Methoden erleichtert.

Was ist am Fach als besonders anstrengend bzw. herausfordernd zu bezeichnen?
Schwarzinger: Belastend ist vor allem die Unterstellung, dass es sich bei der medizinischen und chemischen Labordiagnostik um eine „patientenfernere“ Disziplin handelt. Dazu kommt der daraus folgende überproportional starke Kostendruck, obwohl der Anteil der Laborkosten in Spitälern zumeist deutlich unter fünf Prozent der Gesamtkosten liegt. Was die Arbeit im Labor betrifft, ist es vor allem für jüngere Kollegen manchmal nicht ganz einfach, den medizinischen Erfolg ihrer Arbeit nicht unmittelbar am Patienten erleben zu können. Sie werden von Klinikern meist sofort kontaktiert, wenn ein Befund unplausibel ist oder zu spät kommt, aber fast nie, wenn der richtige Befund zur rechten Zeit kommt. Auch deshalb ist es hilfreich, wenn ein Laborarzt klinische Erfahrung hat. Er weiß dann, dass die Laborbefunde sehr wohl unmittelbare klinische Konsequenz haben, dass der Kliniker oft aus Zeitmangel nur fehlende Befunde einfordert, aber nicht jeden „erfolgreichen“ Befund bestätigen kann. Schließlich bringt die „Arbeit im Hintergrund“ der Klinik auch Vorteile, z.B. dass die medizinischen Sorgen nicht so unmittelbar miterlebt werden.

Ist nur eine nicht klinische Tätigkeit möglich?
Schwarzinger: Labordiagnostik ist eine klinische Tätigkeit, nicht unmittelbar am Patienten, aber unmittelbar für den Patienten.

Wie gestaltet sich die Ausbildung und welche Gegenfächer sind zu absolvieren?
Schwarzinger: Die Ausbildung zum Facharzt für medizinische und chemische Labordiagnostik dauert sechs Jahre, mindestens vier Jahre sind im Hauptfach zu absolvieren. Pflichtnebenfächer sind in einem Ausmaß von zwölf Monaten vorgeschrieben, neun Monate in der Inneren Medizin, drei Monate in einem anderen klinischen Fach.

Wie viele Ausbildungsplätze gibt es?
Schwarzinger: In Österreich gibt es derzeit 70 Ausbildungsplätze.

Muss der Turnus sein?
Schwarzinger: Der Turnus muss nicht sein, er ist aber, wie jede andere klinische Vorerfahrung, eine wertvolle Basis für eine sinnvolle und sinnerfüllte Tätigkeit im Labor.

Wo ist die Ausbildungssituation am Besten?
Schwarzinger: Die besten Voraussetzungen für eine umfassende Ausbildung sind an einem Schwerpunktkrankenhaus mit breitem labordiagnostischem Spektrum gegeben.

Wie stehen die Chancen für fertig ausgebildete Fachärzte?
Schwarzinger: Der Bedarf ist hoch, die Chancen dennoch schlecht. Es gibt für die Leitung von diagnostischen Labors keine bundesweite Regelung, in einigen Bundesländern werden Labors nach wie vor ohne Laborfachärzte geführt. Diese Tatsache steht im krassen Gegensatz zu den heutigen diagnostischen Inhalten der medizinischen und chemischen Labordiagnostik, die zweifellos nur mit fachärztlicher Kompetenz zu erfüllen sind. Die Chancen für die Errichtung einer eigenen Facharztordination mit Kassenvertrag sind aufgrund des zunehmenden Zentralisierungsdruckes derzeit schlecht. Bedenklich ist außerdem die Entwicklung, in Österreich gewonnene Laborproben zur Analyse ins Ausland zu versenden, obwohl die entsprechenden Tests sehr wohl auch in Österreich durchgeführt werden könnten. Dies wirkt sich nicht nur negativ auf den Arbeitsmarkt aus, sondern widerspricht auch dem Prinzip der freien Arztwahl.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 47/2005

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