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© Juliane Werner
Dr. Anika Geisler wurde in München geboren und hat an der Berliner Charité Medizin studiert. Seit dem Jahr 2000 ist Geisler als Medizinredakteurin beim Hamburger Magazin „stern“ tätig. Seit 2013 betreut sie die Rubrik „Diagnose“.

 

 

Die Diagnose

Penguin Verlag 2017, 256 S., Softcover 10,30 Euro

ISBN 978-3-328-10165-9

 

 

 
Allgemeinmedizin 19. Juni 2017

Schlangenbauch und Pesthund

Interview. Dr. House, der geniale TV-Grantler, ist eher Fiktion. Der einzelgängerische, mit detektivischem Spürsinn ausgestattete Superarzt existiert so nicht, knifflige Fälle werden meist im Team gelöst. Das sagt Dr. Anika Geisler, die seit Jahren außergewöhnliche Krankengeschichten für den „stern“ recherchiert. Jetzt gibt es die besten Rubriken auch in Buchform.

Was haben Sie in den vergangenen Jahren, seit Ihrer ersten „Diagnose“-Kolumne 2013, über die Ärzte und ihr Selbstverständnis gelernt?

Geisler: Was ich gelernt habe, dass die Ärzte, denen es gut gelingt schwierige Fälle zu lösen, dass die gar keine Götter in Weiß sind – und sich auch nicht so sehen, obwohl sie natürlich viel Erfahrung brauchen und Fachwissen –, aber viele der schwierigen Fälle wurden als Teamarbeit gelöst. Wenn man alleine nicht weiterkommt, dass man sich nicht zu fein ist, zu sagen, ich setze mich mit meinen Kollegen zusammen.

Das klingt so selbstverständlich, ist es aber nicht. Man braucht nämlich Zeit dafür und man muss sich darauf einlassen. Dr. Jürgen Schäfer, der deutsche Dr. House, den ich in Marburg besucht habe, der macht das einmal die Woche, setzt sich mit bis zu 15 Ärzten zusammen, vom Allgemeinmediziner über den Pharmakologen bis zum Radiologen, um knifflige Fälle durchzusprechen.

Es ist nicht selbstverständlich für einen Arzt, sich über die Schulter schauen zu lassen, was machen diese Ärzte anders?

Geisler:Wir haben auch Fälle in der Rubrik, bei denen der einzelne Arzt in der Notaufnahme aufgrund seiner Erfahrung und seines Wissens selbst auf die richtige Diagnose kommt, oder weil er es schafft, sich die Zeit für die richtigen Fragen zu nehmen. Oft aber wird ein Fall im Team gelöst, oder weil man einen Kollegen um Rat gefragt hat, weil man nicht weiter weiß. Diese Ärzte gestehen sich ein, dass sie zwar eine Ahnung haben, aber den Fall noch einmal durchsprechen müssen mit einem Kollegen. Das ist schon eine besondere Fähigkeit.

Manche der Fälle, die sie beschreiben sind so ausgerissen, dass man fast bezweifeln möchte, dass es die Menschen dahinter wirklich gibt, etwa den Maurer, einen Patienten ihres „deutschen Dr. House“, der beinahe an einer Kobaltvergiftung durch ein abgeriebenes Metall-Hüftgelenk gestorben wäre.

Geisler: Diesen Patienten habe ich für die aktuelle Titelgeschichte im „stern“ getroffen, da steht ein echter Mensch dahinter. Das Bizarre ist, dass die Veröffentlichung seiner Geschichte andere Patienten, denen es genauso ergangen ist, helfen konnte. Aber er ist auch der einzige, der vor Gericht noch um eine Entschädigungszahlung kämpfen muss. Alle anderen haben Entschädigungen bekommen, weil es ein Behandlungsfehler der jeweiligen Kliniken war. Er muss aber seit Jahren vor Gericht um eine Entschädigung kämpfen, das ist schon bitter.

Wie ist die Idee zu der Rubrik „Die Diagnose“ entstanden?

Geisler: Man hört immer wahnsinnig gern ganz lange Patientengeschichten, bei denen man mitleidet und am Ende kommt dann doch etwas raus, das Rätsel wird gelöst und es gibt ein Happy End. Wenn es am Schluss heißt, wir wussten zwar was er hat, aber leider ist der Patient dann doch an der Pest gestorben, das funktioniert in der Rubrik nicht.

Gibt es einen anderen Fall, der Ihnen näher gegangen ist als die anderen?

Geisler: Eigentlich gibt es da drei Fälle. Zum einen ist das der Pest-Fall in Amerika. Ein junger Farmer hatte ganz schwere Atemnot und musste sofort auf der Intensivstation beatmet werden. Letztlich stellte sich heraus, dass der sich mit dem Pest-Erreger infiziert hatte und zwar über seinen Hund. Der Hund hat sich seinerseits über Erdhörnchen mit der Pest infiziert. Das Tier musste eingeschläfert werden. Das ist mir nahe gegangen, weil man sich als Europäer über die Pest keine Gedanken macht, ich war einfach so verwundert, dass es diese Krankheit in der westlichen Welt noch gibt.

Ein anderer Fall, den ich charmant fand, behandelte eine junge Frau, die mit einem anaphylaktischen Schock in die Notaufnahme kam und man wusste nicht worauf sie allergisch reagiert hatte. Dann kam heraus, dass sie in einem Meeresfrüchte-Restaurant gearbeitet hat, obwohl sie eine Allergie hat. Sie hat dort nie etwas gegessen und immer mit Handschuhen gearbeitet. Wie kann das dann sein? Schließlich kam heraus, dass sie einen neuen Freund hatte, der auch dort gearbeitet hat als Kellner und dass der Shrimps gegegessen hatte, bevor er sie geküsst hat. Und nur über diesen Kuss wurde dieser anaphylaktische Schock ausgelöst.

Der letzte Fall, den ihn ganz außergewöhnlich finde, ist der Mann, der mit Bauchschmerzen zum Gastroenterologen gekommen ist. Der Arzt hat während der Gastroskopie im Magen etwas dunkles Eingekringeltes gesehen, das wie eine verkohlte Riesenbratwurst ausgesehen hat. Die vermeintliche Wurst war so hart, das sie chirurgisch entfernt werden musste. Letztlich hat sich die Wurst als Schlange entpuppt. Die liegt heute beim Pathologen im Schrank, die gibt es wirklich.

Wie um alles in der Welt kommt eine steinharte, unverdaute Schlange in den Bauch eines Mannes?

Geisler: Als die Ärzte den Patienten genau das fragten, erinnerte er sich, dass er als junger Mann in Südamerika tätig war, wo gekochtes Schlangenfleisch als Delikatesse gilt. Bei einer Feier hat er die kleine tote Schlange roh runtergeschluckt. Die Ärzte und Pathologen können sich den genauen Mechanismus der Mineralisierung nicht ganz erklären. Ihre Theorie lautet. Die Schlange muss sich so vor die Mündung des Gallengangs gelegt haben, dass sie mineralisiert wurde über die Jahre. Die Spitze des Schwanzes scheuerte an der Magenschleimhaut, hat ein Geschwür verursacht und das hat ihm weh getan und deswegen ist er zum Arzt gegangen. Sonst wäre es gar nicht aufgedeckt worden.

Einem Arzt sollte nichts Menschliches fremd sein?

Geisler: Wenn man Geschichten hört wie jene vom Zahnstocher in der Harnröhre, wo zunächst ein autoerotischer Verdacht bestand (Anmerkung: die Lösung dieses Falls finden Sie im Buch, nur so viel: der Patient war ein Rollmopsliebhaber), stimmt der Befund. Die Geschichten kommen aus dem prallen Leben.

Ist Arzt auch hehute noch ein Traumberuf?

Geisler: Ja, nach wie vor. Wenn man neben den alltäglichen Sorgen und der Bürokratie solche Geschichten erlebt und lösen kann, ist das ein sehr befriedigendes Gefühl.

Anika Geisler

 

Mit Anika Geisler hat Martin Křenek-Burger gesprochen

, Ärzte Woche 25/2017

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