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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Der Internist ist Spezialist … (Folge 14)

Kaum ein anderes Fach hat sich in den vergangenen 20 Jahren derart verändert wie die Innere Medizin. Heute gibt es allein in Österreich mehr als 20 Subdisziplinen, vom Kardiologen über den Rheumatologen bis hin zum Gastroenterologen, Infektiologen und Diabetologen.

„Die Innere Medizin ist für mich das, was ich als die ‚wirkliche’ Medizin bezeichnen möchte“, sagt der Internist und Diabetologe Prof. Dr. Hermann Toplak, Leiter der Diabetes-Ambulanz an der Universitätsklinik Graz. „Das Fach umfasst den ganzen Menschen, es fordert ein wirklich umfassendes Verständnis vom Organismus.“ Nach mittlerweile 20-jähriger Tätigkeit erklärt Toplak im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE, was ihn an seinem Fach auch heute noch fasziniert, und berichtet über die wichtigsten Veränderungen der letzten Jahre. Junge Mediziner, die sich für die Interne entscheiden, müssen laut Toplak vor allem eines haben: einen langen Atem.

Was begeistert Sie an Ihrer Tätigkeit?
Toplak: Herauszufinden, welche Probleme ein Patient hat, ist immer wieder eine besondere Herausforderung. Es ist ein bisschen wie ein „Detektivspiel“. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Ein Patient mit Bauchschmerzen und Blähungen stellt sich vor. Die Ursachen können unglaublich vielfältig sein, von der Fruchtzuckerunverträglichkeit bis zu einer chronischen Erkrankung im Darm. Abgesehen vom diagnostischen Instrumentarium setzt dies auch voraus, dass ein Internist gute kommunikative Fähigkeiten hat und ein bisschen „hört“, was der Patient nicht sagt.

Welche Herausforderungen kommen auf die Innere Medizin in den nächsten Jahren zu?
Toplak: Aus der Inneren Medizin haben sich in den vergangenen 20 Jahren eine ganze Reihe von Spezialdisziplinen entwickelt. Heute ist es für einen Internisten nicht mehr möglich, alle diese Subbereiche zu überblicken. Diese Entwicklung wird in Zukunft sicher nicht zurückgehen, sondern es werden weitere Spezialfächer dazukommen. Mit dieser Entwicklung bin ich nicht wirklich zufrieden, denn ein Mensch ist nicht so einfach in Spezialgebiete zu gliedern. Bei einem Patienten mit einer Ersterkrankung ist es sicher sinnvoll, den ganzen Menschen anzuschauen. Es könnte ja sein, dass auch noch andere Erkrankungen vorliegen. In Zukunft wird es jedenfalls immer schwieriger werden, neben dem eigenen Spezialfach den Überblick über die wichtigsten Elemente der übrigen Inneren Medizin zu behalten. Ich fände es sinnvoll, wenn auch der Spezialist zumindest so weit mit der gesamten Inneren Medizin vertraut wäre, dass er entsprechend zuweisen kann.

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Welche diagnostischen und therapeutischen Neuentwicklungen erwarten Sie?
Toplak: In vielen Bereichen wird die Stammzellen-Therapie Einsatzmöglichkeiten finden, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Sicher werden damit in naher Zukunft Krankheiten heilbar sein, gegen die wir heute noch weitgehend machtlos sind oder die wir nur symptomatisch behandeln können. Neben der Genetik werden auch immer mehr biologische Medikamente auf den Markt kommen. In der Tumortherapie wird damit bereits viel gearbeitet. Hier werden wir allerdings bald vor einer Kostenfrage stehen, weil diese Therapeutika sehr teuer sind. Dann wird zu klären sein, ob das finanziert wird und wer sich diese Medikamente leisten können wird.

Was hat sich denn seit Beginn Ihrer Tätigkeit als Internist in Ihrem Fach verändert?
Toplak: Die Medizin ist zweifellos unpersönlicher geworden. Die Dokumentationsarbeit hat sich vervielfacht und fordert Zeit. Diese Zeit fehlt uns für die Patienten, die ja nicht weniger, sondern eher mehr werden.

Was hat sich medizinisch getan?
Toplak: Als ich begonnen habe, steckte zum Beispiel die gesamte kardiovaskuläre Prävention noch in den Kinderschuhen. Außer einigen blutdrucksenkenden Medikamenten war damals nichts auf dem Markt. Heute haben wir eine effektive lipidsenkende Therapie, die sicher ein Meilenstein war. Auch die verschiedenen gerinnungshemmenden Therapeutika können durchaus als Meilensteine bezeichnet werden. In der Kardiologie sind die invasiven Verfahren zu nennen, wie die Dilatation von Herzkranzgefäßen und die Stents. Auch die Schlüssellochchirurgie, beispielsweise in der Gastroenterologie, hat viele aufwändige und für den Patienten schmerzhafte Operationen unnötig gemacht. Die Entwicklung der Insulinanaloga brachte eine ungeheure Verbesserung für die Patienten.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines klinisch tätigen Internisten aus?
Toplak: Es beginnt morgens um sieben Uhr zuhause mit dem Abrufen der E-mails. In der Klinik fange ich mit den organisatorischen Tätigkeiten in der Diabetes-Ambulanz an. Dann folgt die Visite, und anschließend setze ich meine Arbeit in der Ambulanz fort. Wie bereits erwähnt, ist sehr viel Dokumentationsarbeit nötig. Ich schreibe meine Befundbriefe selbst, damit der Patient sie gleich mitnehmen kann. Mindestens zweimal im Monat mache ich Dienst in der Erstaufnahme, wo vom Harnwegsinfekt über Bauchweh bis zum rupturierten Aortenaneurysma alles dabei ist. Das ist zwar sehr interessant, aber auch ungeheuer anstrengend.

Welche Voraussetzungen sollte ein Mediziner für die Innere Medizin mitbringen?
Toplak: Eines der wichtigsten „Talente“ für die Innere Medizin ist die Fähigkeit zur Kommunikation. Ein Internist ist auf das Wort angewiesen, um die Erkrankung eines Patienten zu explorieren. Es ist auch sinnvoll, viel Geduld mitzubringen, weil es manchmal schwierige Fälle gibt, mit denen man sich regelrecht „abmühen“ muss, bis eine adäquate Diagnose und Therapie gefunden ist. Außerdem ist die Bereitschaft, immer wieder Neues zu lernen, unbedingt erforderlich. Die Innere Medizin ist sicher das arbeitsintensivste Fach in der gesamten Medizin und erfordert viel Literaturstudium, Internetrecherchen, Kongressbesuche und Vorträge hören.

Wie lange dauert die Ausbildung, wie ist sie aufgebaut?
Toplak: Fünf Jahre dauert die Ausbildung in der Inneren Medizin, ein Jahr sind Gegenfächer zu absolvieren, wobei ich unbedingt die Chirurgie und die Neurologie empfehle. Auch die Pathologie hat sich als sinnvoll erwiesen.

Wie ist die Ausbildungssituation derzeit?
Toplak: Ganz problematisch, weil österreichweit fast alle Ausbildungsstellen mit Fachärzten besetzt sind. Dies ist gerade in Landspitälern unbedingt notwendig, um den Routinebetrieb aufrechterhalten zu können. Wahrscheinlich werden wir in einigen Jahren vor dem Problem stehen, dass es keine nachrückenden Kollegen mehr gibt, weil derzeit zu wenig ausgebildet wird.

Wo sind die Ausbildungschancen derzeit am Besten?
Toplak: Im Ausland. Viele junge Kollegen gehen ja schon nach Deutschland, England oder Norwegen. Die Kollegen brauchen jedenfalls eine ordentliche Portion Durchhaltevermögen und Mobilität, wenn sie Internisten werden wollen. Es ist sicher nicht für jeden so einfach möglich, im Ausland seine Ausbildung zu absolvieren.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 38/2005

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