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Allgemeinmedizin 16. November 2005

„Ein Kinderchirurg muss Idealist sein!“ (Folge 22)

Von Eingriffen an Frühgeborenen, die nur 500 Gramm wiegen, bis hin zu onkolo-gischen Operationen an Pubertierenden – die Kinderchirurgie umfasst ein extrem breites Spektrum. Die Tätigkeit in diesem Fach erfordert einen ausgezeichneten Überblick über die gesamte Chirurgie sowie sehr gute manuelle Fähigkeiten – und neben Zuneigung auch eine gewisse Distanz zum kindlichen Patienten.

„Idealismus und eine ausgeprägte soziale Ader“ gehören für den Vorstand der Universitätsklinik für Kinderchirurgie am AKH Wien, Prof. Dr. Ernst Horcher, zu den wichtigsten Eigenschaften, die ausbildungswillige Jungärzte für das Sonderfach Kinderchir-urgie mitbringen sollten. Denn die Honorierung ist nach Horchers Angaben eher gering, die Herausforderungen, die an den Kinderchirurgen gestellt werden, sind dagegen sehr groß.

Wie unterscheidet sich die Kinder- von der Erwachsenenchirurgie?
Horcher: Der Kinderchirurg führt Eingriffe an einem wachsenden Organismus durch. Im Gegensatz zum Erwachsenen haben wir es bei Kindern nur selten mit klar definierten Krankheitsbildern zu tun. Außerdem sind auch die Strukturen sehr viel feiner und erfordern gute manuelle Fähigkeiten. Gerade im Bereich angeborener Anomalien sind außerdem Kenntnisse aus der Embryologie gefordert, weil bestimmte Erkrankungen sonst gar nicht verstanden werden können. Wir operieren Kinder vom Frühgeborenen mit 500 Gramm bis zum 18-Jährigen, manchmal auch Erwachsene mit Problemen aus der Kindheit. Das erfordert ein sehr breites Spektrum an Fähigkeiten und vor allem eine umfassende chirurgische Ausbildung.

Was begeistert und fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Horcher: Das Fach hat ein unglaublich breites Spektrum und fordert viel Kreativität. Natürlich nehmen wir auch in der Kinderchirurgie Routineeingriffe vor, hauptsächlich ist allerdings der Intellekt gefordert, um für schwierige Probleme kreative Lösungen schaffen zu können. Das reizt. Wir können mit Operationen dafür sorgen, dass ein todkrankes Kind eine normale Lebenserwartung von 80 Jahren und mehr erreicht, das ist immer wieder ein schönes Erlebnis.

Was ist im Fach als „schwierig“ oder „anstrengend“ zu bezeichnen?
Horcher: Die Kommunikation mit den Eltern kranker Kinder gehört zum Schwierigsten in unserer Tätigkeit. Oft empfinden Eltern Eingriffe an ihren Kindern als aggressiven Akt. Sie wollen ihre Kinder schützen, und dieser Schutzmechanismus kommt dann häufig als aggressiver Akt uns Kinderchirurgen gegenüber an. In einer solchen Situation zählt nur reden, reden, reden. Sigi Bergmann hat mir einmal erklärt, dass ein Boxer, der einen Schlag erhält und wütend wird, schon verloren hat: Wer einen Schlag bekommt, muss erst mal einen Schritt zurück machen, nachdenken und dann reagieren. Das ist bei uns ähnlich: Kinderchirurgen müssen sein wie Boxer. Wenn Eltern uns aggressiv gegenübertreten, müssen wir gedanklich einen Schritt zurück machen. Das heißt noch einmal erklären, Zeit vergehen lassen, ein zweites oder gar ein drittes Gespräch führen, bis die Eltern überzeugt werden können. Das ist aufwändig und kostet viel Kraft und Zeit.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Kinderchirurgen aus?
Horcher: Ein guter Kinderchirurg sollte primär ein guter Allgemeinchirurg sein, der sein Handwerk versteht. Er braucht Geduld, Einfühlungsvermögen und eine ausgeprägte soziale Ader, denn unser Aufwand steht in keinem Verhältnis zur finanziellen Abgeltung. Gute Kinderchirurgen sind für mich Idealisten, die Befriedigung aus der Heilung von schwerkranken Kindern ziehen. Auch das ist eine Form von Honorar.

Muss man Kinder lieben?
Horcher: Wir sollten sie mögen, aber eine gewisse Distanz zum Kind ist notwendig. Besonders bei aufwändigen Eingriffen ist die Belastung für das Kind sehr groß. Wenn sie da zu viele Gefühle hineinlegen, können sie nicht mehr mit genügend Abstand arbeiten und machen Fehler. Ein guter Zugang zu Kindern ist natürlich unbedingt notwendig. Jemand, der es nicht wagt, ein Kind anzugreifen, ist sicher fehl am Platz.

Welches waren die größten Veränderungen in der Kinderchirurgie in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Horcher: Die operativen Techniken haben sich enorm verbessert. Anästhesie- und Intensivmedizin ermöglichen heute Eingriffe, die noch vor wenigen Jahren nicht durchführbar waren. Zu Beginn meiner Tätigkeit als Kinderchirurg lag ein Kind mit Leistenbruch sieben Tage lang im Spital. Heute wird es morgens aufgenommen, operiert und am nächsten Tag nach Hause entlassen, ohne Schmerzen und Krankheitsgefühl. Die atraumatische Gewebebehandlung hat dazu einen wichtigen Teil beigetragen.
Große Fortschritte verzeichnen wir auch in der Neugeborenenchirurgie, die Sterblichkeit ist drastisch reduziert worden. Auch in der Kinderonkologie gibt es große Fortschritte. Ein Beispiel: Kinder mit Wilmstumoren überleben heute in über 90 Prozent der Fälle und haben eine normale Lebenserwartung.

Welche Herausforderungen kommen auf das Fach in den nächsten Jahren zu?
Horcher: Die Zukunft liegt in der Schaffung spezialisierter Zentren, die sich selbst die Kompetenz für bestimmte Erkrankungen schaffen (Kinderchirurg mit Zusatzausbildung) oder Organspezialisten müssen eingebunden werden. Dazu sind gute Kinderchirurgen essentiell notwendig. Diese sind allerdings nur dann zu bekommen, wenn sie auch entsprechend honoriert werden, was derzeit leider nicht der Fall ist. Zusätzlich beobachten wir Tendenzen, die Abteilungen für Kinderchirurgie in die allgemeinpä­diatrischen Bereiche zu integrieren. Das halte ich für eine falsche Entwicklung, weil es die Attraktivität des Faches mindert. Wir fürchten um den Fortbestand unseres Faches, das macht auch vielen jungen Kollegen Sorgen.

Wie lange dauert die Ausbildung, wie ist sie aufgebaut?
Horcher: Die formale Ausbildung dauert im Hauptfach drei Jahre, es folgen zwei Jahre Allgemeinchirurgie, drei Monate Unfallchirurgie, sechs Monate Urologie und drei Monate Kinder- und Jugendheilkunde. Um das Fach einigermaßen zu beherrschen, benötigt man zehn Jahre und lebenslanges Lernen.

Wie gestaltet sich die Ausbildungssituation in Österreich?
Horcher: Wir haben zwei Abteilungen in Wien, die Universitätsklinik und eine Abteilung am Donauspital. Graz hat ein Ordinariat für Kinderchirurgie. Weitere Abteilungen gibt es in Innsbruck, Linz, Salzburg und Klagenfurt. Es gibt genügend Ausbildungsplätze. Wir beschränken uns sogar freiwillig, was die Ausbildungssituation angeht, da nur eine entsprechend hohe Frequenz an operativen Eingriffen eine exzellente Ausbildung ermöglicht. Jede Abteilung bietet heute nur noch so viele Ausbildungsplätze an, wie Fachärzte auf der Station sind. Trotzdem haben wir derzeit zu wenige qualifizierte Kandidaten für die Ausbildung zur Kinderchirurgie.

In der Kinderchirurgie dürfte es nicht so ein Gerangel um Ausbildungsplätze geben?
Horcher: Das ist richtig. Das Fach Kinderchirurgie gilt finanziell als wenig lukrativ. Sie können sich nicht niederlassen. Die Zukunft des Faches ist, wie bereits erwähnt, nicht gesichert. Das sind keine besonders guten Voraussetzungen, um potenziell gute Leute zur Ausbildung an die Kliniken zu locken.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte?
Horcher: Jeder Abteilungsleiter ist froh, wenn er ein bis zwei gute Oberärzte hat. In Deutschland sind zahlreiche Oberarztstellen vakant und Chefstellen schwierig nachzubesetzen. Der Nachwuchs fehlt. Die Chancen für gut ausgebil-dete, motivierte und fähige Kinderchirurgen stehen also bestimmt nicht schlecht. Nur die Besten und nicht Second-hand-Chirurgen sind gerade gut genug für die Kinder, die unser wichtigstes Potenzial sind.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 46/2005

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