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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Gezieltes Training wirkt bei jedem (Folge 21)

Das Sonderfach medizinische Leistungsphysiologie ist eine sehr junge Disziplin. Bis dato haben erst acht Mediziner diese Ausbildung, die zurzeit nur in Wien möglich ist, absolviert. Die Freude an körperlicher Betätigung und ein hohes Motivationspotenzial gehören zu den herausragendsten Eigenschaften der Vertreter dieses Faches.

„Gesund bleiben ist sicher besser, vor allem aber auch billiger als gesund werden“, stellte Dr. Valentin Leibetseder, Facharzt für medizinische Leistungsphysiologie, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE fest. Er umschreibt damit einen der Bereiche seines Faches, nämlich die Motivation gesunder Menschen zu regelmäßigem Training, um ihre Fitness zu erhalten oder sogar zu steigern. Wesentlich herausfordernder ist der zweite Bereich dieser jungen Disziplin: die Trainingstherapie für kranke und/oder alte Menschen. „Dabei geht es nicht um Sport, sondern um regelmäßige, richtige Bewegung“, hält Leibets-eder fest und nennt als Beispiel die weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten, wie Adipositas, Diabetes mellitus und Hypertonie. Die medizinische Leistungsphysiologie geht davon aus, dass gezieltes Training bei diesen Erkrankungen oft besser wirkt als Medikamente. Leibetseder illustriert das am Beispiel Hypertonie: „Der Patient muss sich entscheiden: Will er dreimal in der Woche für eine halbe Stunde schwitzen oder jeden Tag ein Medikament gegen Bluthochdruck einnehmen?“ Je nach Ausprägung der Hypertonie, sei sie mit regelmäßigem Training mitunter wieder normalisierbar.

Die üblichen Verdächtigen

Seit rund sieben Jahren existiert das Sonderfach medizinische Leistungsphysiologie. Acht Absolventen dieser Ausbildungsrichtung gibt es inzwischen in ganz Österreich. Ins Leben gerufen wurde das Fach von Prof. Dr. Norbert Bachl (Sport- und Leistungsphy­siologie in Wien, „auf der Schmelz“) und Prof. Dr. Wolfgang Marktl (Institut für Physiologie an der Medizinuniversität Wien). An Marktls Institut forscht Leibetseder – neben seiner Tätigkeit an der Privatklinik Döbling – unter anderem über Training als medizinische Therapie bei Patienten. Als besondere Herausforderung sieht Leibetseder die intensive Motivationsarbeit, die notwendig ist, um Menschen mit herabgesetzter Leistungsfähigkeit zu kleinen Änderungen ihres Lebensstils zu ermutigen. Das Wichtigste dabei ist eine Politik der kleinen Schritte. „Jemanden, der jahrelang nichts gemacht hat, kann und darf ich nicht so einfach jeden Tag eine Stunde auf das Fahrradergometer setzen“, erklärt der Trainingsspezialist. Diagnostiziert wird die körper-liche Leistungsfähigkeit mittels ausbelastender Ergometrie und danach eine maßgeschneiderte Trainingstherapie verordnet. Das beginnt bei extrem schwachen Menschen mit dreimal pro Woche je 15 Minuten Leertreten am Ergometer. Ein untrainierter „Normalverbraucher“ hingegen sollte bei einer Stunde pro Woche beginnen und sich über mehrere Wochen langsam auf drei Stunden pro Woche steigern. „Wer dieses Pensum ein Leben lang beibehält, hat schon unglaublich viel für seine Gesundheit getan“, so Leibetseder.

Arbeit mit Krebspatienten

Neben der Arbeit mit Menschen, die ihre Fitness erhalten oder verbessern wollen, betreuen Leistungsphysiologen auch kranke Menschen, etwa Krebspatienten. „Durch Studien ist abgesichert“, so Leibetseder, „dass ein korrektes Trainingsprogramm als adjuvante Krebstherapie den Krankheitsverlauf nicht nur durch Veränderungen im Immunsystem günstig beeinflusst, sondern zusätzlich psychisch stabilisierend und antidepressiv wirkt.“ Auch bei alten, pflegebedürftigen Patienten werden schöne Erfolge erzielt. „Wenn mir ein älterer Patient sagt, dass er nun wieder mit seinem Enkelkind spazieren gehen kann, was vor dem Training nicht möglich war, ist das immer wieder Motivation und Freude für mich“, so die Erfahrung des Facharztes. Als eine Methode mit nur günstigen Nebenwirkungen beschreibt Leibetseder die medizinische Trainingstherapie: „Ich kann jedem Patienten in die Hand versprechen, dass die Trainingstherapie wirken wird. Training wirkt bei jedem, wenn auch beim einen schneller, beim anderen vielleicht etwas langsamer.“

Fit bis ins hohe Alter

Als besondere Herausforderung für die Zukunft gilt für den Leistungsphysiologen, die Fitness bis ins hohe Alter aufrecht zu erhalten. „Es ist eine Irrmeinung zu glauben, dass alte Menschen immer gebrechlich sein müssen“, betont Leibetseder. „Denn gerade bei Älteren ist der Erhalt der Fitness wichtig und oft dafür entscheidend, ob jemand pflegebedürftig wird oder eben nicht. Leider ist dieser Prophylaxegedanke weder unter Medizinerkollegen noch in der Politik schon so richtig durchgedrungen.“ Natürlich ist die medizinische Leistungsphysiologie kein Allheilmittel. Das weiß auch Leibetseder: „Es ist wichtig, sich seiner Grenzen bewusst zu sein. Ein Leistungsphysiologe muss abschätzen können, was mit einer Trainingstherapie erreicht werden kann und wann medikamentöse Interventionen notwendig sind.“

Vorbild für die Patienten sein

Angehenden Ärzten dieses Faches kann ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper und Freude an Bewegung „sicher nicht schaden“, meint Leibetseder. „Ein Leistungsphysiologe, der selbst einen guten Zugang zu Bewegung hat, tut sich mit der Motivation seiner Patienten sicher leichter.“ Nicht zuletzt seien Einfühlungsvermögen und Beratungskompetenz in diesem Fach gefordert. Leider müssen dabei auch „Niederlagen“ hingenommen werden, etwa wenn ein Patient nicht von den Vorteilen einer Trainingstherapie zu überzeugen ist. „Das ist enorm schade“, so Leibetseder, „vor allem wenn ich als Arzt hundertprozentig sicher bin, dass sie ihm nützen würde.“ Sechs Jahre dauert die Ausbildung zum Facharzt für medizinische Leistungsphysiologie. Vorgeschrieben sind, wie in jedem anderen Sonderfach auch, vier Jahre Ausbildung im Fach und zwei Jahre Gegenfächer. Ein Jahr muss auf einer Abteilung für Innere Medizin absolviert werden. Dazu kommen jeweils drei Monate Orthopädie, Neurologie und physikalische Medizin sowie drei Monate Wahlfach. Der Turnus ist nicht Voraussetzung: „Die medizinische Leistungsphysiologie ist ein klinisches Fach, das mit dem Facharzttitel und dem ius practicandi abschließt“, erläutert Leibetseder, der selbst allerdings den Turnus absolviert hat. Herausfordernd ist die Suche nach einer Ausbildungsstelle. „Bis dato kann dieses Sonderfach nur am Institut für Sportmedizin der Universität Wien und an unserem Institut an der Medizinischen Universität Wien absolviert werden“, erklärt Leibetseder. Die Medizin­universität in Wien ist österreichweit vorerst die einzige Einrichtung, an der die Ausbildung zum Facharzt für medizinische Leistungsphysiologie möglich ist. „Dazu muss es an der Universität eine eigene entsprechende Abteilung geben, deren Leiter ein Facharzt für Leistungsphysiologie ist und an der ein weiterer fertiger Facharzt angestellt sein muss“, präzisiert Leibetseder. „Das ist derzeit weder in Graz noch in Innsbruck der Fall.“ Eigeninitiative wird von jenen verlangt, die das Fach erfolgreich abschließen. „Es gibt weder in den Krankenhäusern Posten, für die man sich bewerben könnte, noch Kassenstellen“, sagt Leibetseder. Möglich ist eine Privatordination oder die Arbeit an einer Privatklinik. Auch Kassenstellen könnte es irgendwann geben. Allerdings sei dazu das Wissen über die medizinische Leistungsphysiologie in den anderen medizinischen Disziplinen derzeit noch zu gering.„Das wird sich aber bald ändern“, zeigt sich Leibetseder überzeugt. Im neuen Medizincurriculum ist „Bewegung und Leistung“ (mit medizinischer Trainingstherapie) ein Pflichtprüfungsfach. „Somit sollten alle Ärzte, die in zwei Jahren und danach mit ihrem Studium fertig werden, dieses Sonderfach und das Konzept einer Trainingstherapie kennen“, meint Leibetseder. Derzeit ist die Konkurrenzsituation jedenfalls noch gut überschaubar. „Wir sind österreichweit acht Kollegen“, resümiert Leibetseder. „Und ich gehe davon aus, dass der Bedarf an unserer Tätigkeit in den nächsten Jahren steigen wird.“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 45/2005

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