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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Forschergeist und Mut zu neuen Wegen (Folge 18)

Was haben Physiker und Immunologen gemeinsam? Sie wissen, wo sie am meisten erreichen, in einem relevanten Feld und mit realisierbaren Mitteln. Denn die Forschung ist das tägliche Brot für einen nicht-klinisch tätigen Facharzt für Immunologie – und das gilt für den überwiegenden Teil.

Sie sind nur eine „kleine Commu-nity“, die auf dem Gebiet der Immunologie tätigen Fachärzte. Sie kommen Abwehrschwächen auf die Spur, erforschen allergische oder Autoimmunerkrankungen und sind eigentlich „24 Stunden im Einsatz – zumindest mental“, erklärte der auch klinisch tätige Immunologe Doz. Dr. Hermann Wolf von der Immunologischen Tagesklinik in Wien im ÄRZTE WOCHE-Gespräch.

Welche Herausforderungen bietet die Immunologie?
Wolf: Die Immunologie ist eine junge Wissenschaft, die in vielen klinischen Bereichen Relevanz hat und ein weites Spektrum von der Basis- bis zur angewandten Wissenschaft aufweist. Sie bietet zudem multidisziplinäre Zusammenarbeit; das Fach betrifft ja nicht nur die Medizin, sondern schließt auch Biologie, Biochemie, Molekularbiologie und Genetik mit ein.

Welche Aufgaben hat der Facharzt für Immunologie?
Wolf: Wir unterstützen Spitalsärzte und niedergelassene Fachärzte mit Laboruntersuchungen und Diagnosemethoden. Ein Beispiel dafür ist etwa ein Patient, der zweimal im Monat Bronchitis hat. Hier überlegt sich der Lungenfacharzt, dass diesen häufigen Infektionen eventuell eine angeborene Abwehrschwäche zugrunde liegen kann und überweist ihn zu uns an die Immunologische Tagesklinik. Der klinische Immunologe hat sowohl die Methoden als auch das Wissen, wie die Testergebnisse zu interpretieren sind. Daraus kann dann der Pulmologe in unserem Beispiel seine Schlüsse ziehen und eine entsprechende Therapie einleiten.

Bleiben wir bei diesem Patienten: Was wären das für Untersuchungen?
Wolf: Am häufigsten ist in diesen Fällen eine Antikörperdefizienz. Deshalb untersuchen wir Immunglobuline, IgG-Subklassen und die Antikörperbildung. Wenn beispielsweise Letztere entsprechend pathologisch reduziert ist, dann werden zur Therapie Immunglobulin-Infusionen eingesetzt.

Was waren die größten Veränderungen in den letzten 20 Jahren?
Wolf: Zu den aktuellen Meilensteinen gehören sicher die Versuche mit der Gentherapie, auch wenn diese im Augenblick noch nicht den erwünschten Erfolg bringen. Aber allein die Tatsache, dass es versucht wird, ist schon ein Meilenstein. Gelingt die Therapie eines Tages, dann haben wir erstmals eine kurative Behandlung für angeborene Immundefekte. In der Theorie verfügen wir über das Wissen und die Techniken, es fehlen allerdings noch die geeigneten Vektoren, um die Reparaturgene einzubringen. Das muss noch entwickelt werden.

Welche anderen Errungenschaften haben die Immunologie verändert?
Wolf: Hier sind sicher jene zu nennen, von denen kranke, aber auch gesunde Menschen direkt profitieren. Dazu zählt die Entwicklung moderner Impfstoffe oder immunsuppressiver Medikamente, aber auch die Anwendung menschlicher Immunglobuline. Wir können heute Immunglobuline aus dem Plasma gesunder Spender gewinnen. Das klingt zwar nicht so spektakulär wie die Gentherapie, konnte aber die Lebenssituation für eine große Zahl von Patienten mit angeborenen Immundefekten deutlich verbessern. Auch in der Allergologie hat sich, z.B. durch die rekombinanten Antiallergene, einiges für die Patienten verbessert, vor allem in Hinblick auf die Diagnostik und die Möglichkeit der Hyposensi-bilisierung.

Was werden die kommenden Herausforderungen in der Immunologie sein?
Wolf: Das wird die Umsetzung der Erkenntnisse aus der immunologischen Grundlagenforschung in neue Therapien für Krankheiten wie Krebs, Rheuma und Autoimmunerkrankungen, z.B. des Nervensystems, sein. Auch die Behandlung der Allergie ist nach wie vor eine entscheidende Herausforderung. Wir können heute über 90 Prozent der Immundefekte diagnostizieren, jetzt müssen wir die Therapie auch optimal für alle gestalten.

Über welche Themen könnte sich ein junger Immunologe profilieren?
Wolf: Interessante Themen für die Zukunft sind in der Transplantationsimmunologie zu finden, in der Erforschung der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, aber auch in der Allergologie und in der Frage der Anwendung rekombinanter Allergene bei der Hyposensibilisierung. Ein weites Betätigungsfeld bietet die Immundefektdiagnostik und die Therapie dieser Erkrankungen.

Hat die Immunologie auch„Schattenseiten“?
Wolf: Da fällt mir im Moment nur das Thema Ökonomie ein, also die Finanzierung von Forschungsprojekten, aber auch von Therapien. Das bedeutet eine manchmal frus­trane Auseinandersetzung mit Versicherungsträgern. Auch um Forschungsgelder muss gekämpft werden, zunehmend wird die Frage nach der möglichen Anwendung der Forschung gestellt. Das ist in-sofern ein Problem, weil es gerade in der Immunologie viele Beispiele dafür gibt, wo zweckungebundene Grundlagenforschung zu praktisch wertvollen Ergebnissen geführt hat. Ein Beispiel ist die Entdeckung der monoklonalen Antikörper, die aus der heutigen immunologischen und klinischen Praxis nicht mehr weg zu denken sind.

Muss ein Immunologe immer auch forschen oder kann er nur klinisch tätig sein?
Wolf: Die meisten Immunologen sind nur in der Forschung tätig, das gilt auch für die Mediziner unter den Immunologen. Patientenkontakt ist eher die Ausnahme.

Ist der Facharzt für Immunologie an die Universität gebunden?
Wolf: Üblicherweise sind Immunologen im Rahmen der Immunologie-Institute an den medizinischen Universitäten Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck tätig. An nicht unversitären Einrichtungen gibt es Allergieambulatorien oder Ambulanzen bzw. Laboratorien für Immunologie. Die Immunologische Tagesklinik in Wien, an der ich tätig bin, ist österreichweit einzigartig.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Immunologen aus?
Wolf: Ein guter Immunologe muss ein guter Forscher sein. Ein guter Forscher weiß, wo er das meiste erreicht, in einem relevanten Feld, mit überschaubaren und realisierbaren Mitteln. Das gilt natürlich für den Physiker genauso wie für den Immunologen. Wenn man als Facharzt für Immunologie klinisch tätig ist, muss man wie jeder klinisch tätige Arzt bedenken, dass man in einem Dienstleistungsberuf steht, und die menschliche Natur verstehen. Geduld ist jedenfalls genauso wichtig wie ein starker Enthusiasmus für Projekte, die anfangs oft unmöglich erscheinen. Neue Gebiete zu beforschen und neue Wege zu gehen, ist das Um und Auf der Immunologie.

Wie sieht ein „typischer“ Tagesablauf aus?
Wolf: Labor- und Büroarbeit bestimmen den Alltag. Laborexperimente sind durchzuführen, Zellen zu isolieren und zu kultivieren; dazu kommen molekularbiologische und immunchemische Experimente. Den Büroteil der Arbeit bestimmen Publikationen, die zu schreiben sind, und das Auftreiben von Forschungsgeldern.

Muss der Turnus als Basisausbildung sein?
Wolf: Auf alle Fälle wird es vor der Ausbildung zum Immunologen gerne gesehen, wenn der Turnus absolviert wurde. Bei stark forschungsorientierten Positionen ist der Turnus nicht unbedingt notwendig. Wenn Sie allerdings in einem Spital, zum Beispiel an einer Abteilung für Hautkrankheiten, als Immunologe tätig sein wollen, was in den meisten Fällen dann bedeutet, dass Sie eine Ausbildung zu einem klinischen Facharzt anstreben, sollten Sie den Turnus schon absolviert haben.

Wie stehen die Chancen für fertig ausgebildete Immunologen?
Wolf: Man muss wissen, dass die medizinische Immunologie ein ganz enges Betätigungsfeld hat. Es besteht die Möglichkeit, eine Forschungsstelle an einem Universitätsinstitut anzustreben. Aber insgesamt ist der Bedarf an Immunologen in Österreich recht klein.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 42/2005

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