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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Hände weg von „Psychiatrie light“!

In Österreich werden an drei Standorten größere psychosomatische Stationen bzw. Häuser eingerichtet – ein nicht unumstrittenes Vorhaben. Kritische Stimmen aus der Ärzteschaft befürchten, dass so eine „Psychiatrie zweiter Klasse“ entsteht.

Die Vorgehensweise beim Ausbau des heimischen Angebots an psychosomatischen Spitalsbetten wird in ungewohnt scharfer Form kritisiert. Praktisch alle Ärzte, die in Österreich eine Abteilung für Psychiatrie leiten, brachten ihre Bedenken in einem Brief an das Gesundheitsministerium bzw. an das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) zum Ausdruck. „Letztlich gibt es keine Krankheit ohne psychosomatische Elemente“, erklärt der Ärztliche Leiter der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, Prim. Dr. Werner Schöny. Bei manchen Erkrankungen hätten die Zusammenhänge zwischen psychologischen und psychosozialen, verursachenden bzw. aufrecht erhaltenden Faktoren und körperlichen Symptomen einen besonderen Stellenwert. Dazu zählen beispielsweise Essstörungen und chronische Schmerzzustände. „Auch darüber hinaus wäre es wichtig, dass der Psychosomatik im Gesundheitswesen ein höherer Stellenwert als bisher zukommt“, betont Schöny.

Wohnortnahe Versorgung hat große Bedeutung

Im Brief der leitenden Psychiater wird insbesondere auf die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit kleiner psychosomatischer Departments oder Abteilungen an Allgemeinspitälern hingewiesen. So könnte psychosomatisches Denken und Handeln, die ganzheitliche Sichtweise des Menschen, deutlich stärker Einzug halten. „Darüber hinaus handelt es sich dabei tatsächlich um eine wohnortnahe Versorgung, die dem wichtigen Gedanken der Dezentralisierung entspricht“, so Schöny. Dies würde auch große Bedeutung für die Nachsorge und eine intensive Kooperation, vor allem mit niedergelassenen Allgemeinmedizinern der jeweiligen Region, haben. Doch der Zug fährt in eine an-dere Richtung. „Die drei in Aufbau befindlichen Einrichtungen für Psychosomatik haben eher den Charakter von Bettenburgen“, kritisiert Schöny. Die leitenden Psychiater befürchten, dass in Bad Aussee, Eggenburg (NÖ) und Spital an der Drau eine „Psychiatrie light“ betrieben werden könnte, bei der die Grenzen zur Psycho-somatik nicht klar genug gezogen werden. Dies berge die Gefahr, dass psychiatrische Diagnosen übersehen bzw. nicht entsprechend umfassend behandelt würden.

Unbegründete Sorge?

„Diese Gefahr besteht überhaupt nicht“, meint Prof. Dr. Paul Bratusch-Marrain, Leiter der im Waldviertel Klinikum Standort Eggenburg (Niederösterreich) im Aufbau befindlichen psychosomatischen Abteilung. „Zunächst hat es bei uns schon lange Tradition, dass an die Interne eine Psycho-somatik angeschlossen ist, die jetzt erweitert wird.“ Bratusch-Marrain betont, dass vor allem Fachärzte bzw. Abteilungen für Psychiatrie zu den Zuweisern nach Eggenburg gehören und er bisher noch keinerlei Klagen gehört hätte: „Ganz im Gegenteil – der Ausbau des Angebotes sorgt für Erleichterung.“ Jeder Patient werde vor der tatsächlichen Aufnahme sowohl internistisch als auch psychiatrisch abgeklärt und dann entschieden, wo die beste Betreuung möglich sei. Laut Bratusch-Marrain werden „derzeit gerade auf vielen internen Abteilungen Patienten behandelt, die eigentlich psychiatrische oder psychosomatische Diagnosen haben“. Wenn die Gefahr einer schlechten Versorgung bestünde, dann hier. Auf seiner psychosomatischen Station würden jedenfalls keine psychiatrischen Patienten behandelt. „Es wäre ja kontraproduktiv, etwa alle Menschen mit Depressionen quer durch das ganze Land zu schicken, damit sie eine adäquate Behandlung bekommen“, argumentiert Bratusch-Marrain. Deshalb sei die Versorgung vor Ort sehr wichtig – mit spezialisierten Einrichtungen für Psychosomatik, an der entsprechend ausgebildete Ärzte und Pflegepersonen arbeiten.
Ein gewisses Verständnis für die Befürchtungen der Psychiater zeigt Dr. Rainer Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK): „Psychosomatische Aspekte bekommen auch im Alltag niedergelassener Ärzte eine immer größere Bedeutung.“ Wichtig dabei sei die Kooperation mit speziell ausgebildeten Ärzten, mit Psychiatern bzw. Abteilungen für Psychiatrie sowie diversen Behandlungs- und Begleitungsangeboten im extramuralen Bereich.„Gleichzeitig kann es durchaus Sinn machen“, räumt Brettenthaler ein, „auch Kompetenzzentren für Psychosomatik zu schaffen.“ Er plädiert dafür, genau zu prüfen, inwieweit die Befürchtungen der Psychiater gerechtfertigt sind. Ein wichtiger Punkt dabei wäre die Frage der Schnittstellen und der Weiterbetreuung von Patienten im extramuralen Bereich. „Diese Patienten dürfen nach der Betreuung durch Spezialisten nicht einfach in der Luft hängen“, betont der ÖÄK-Präsident.
Mittel, die anderswo fehlen Genau das befürchtet aber Schöny: „Wir reden so viel davon, Patienten vor Ort zu betreuen und bauen dann große zentrale Bettenburgen.“ Dazu käme das Problem, dass schon früher Fachabteilungen das „Mäntelchen“ Psychosomatik bekommen hätten, um das „Stigma“ der Psychiatrie zu vermeiden. So besteht laut Schöny aber die Gefahr, „dass eine Zwei-Klassen-Psychiatrie entsteht, die noch dazu Elemente mit zentralistischem Charakter hat“. In diese würden außergewöhnlich viele Mittel aus diversen „Sondertöpfen“ investiert.

Dass die psychosomatischen

und psychotherapeutischen Ver-sorgungskapazitäten vor Ort nicht ausreichen, steht für Schöny außer Frage: „Immer öfter müssen Einrichtungen im extramuralen Bereich Menschen teils monatelang vertrösten oder überhaupt abweisen.“ Er schlägt deshalb vor, zuerst maximal einen der drei geplanten Standorte mit Schwerpunkt Psychosomatik fertig zu stellen und diesen genau zu evaluieren, bevor weitere Mittel fließen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 24/2005

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