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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Neuauflage EKO: Vier von fünf Chefarztanfragen sollen entfallen

Statt fünf Millionen Chefarzt-Bewilligungen soll es nach optimistischen Schät­­zungen künftig nur mehr eine Million geben. Das war das Ziel der Neuauflage des Heilmittelverzeichnisses, das in den kommenden Tagen auf Ihrem Ordinationstisch landen sollte. Die Wünsche der Ärzte sind dabei allerdings nur eingeschränkt in Erfüllung gegangen.

Ab 1. Juli 2005 gilt eine neue Printversion des Erstattungskodex (EKO). Laut Hauptverband sollte damit die Zahl der chefärztlichen Bewilligungen von derzeit fünf Millionen auf eine Million reduziert werden. Der Erstattungskodex neu hatte zu Jahresbeginn für große Irritationen in den Arztpraxen gesorgt. Unter Mithilfe der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) hat der Hauptverband nun versucht, die wesentlichen Schwachpunkte zu beseitigen. Das scheint allerdings nur teilweise geglückt zu sein. Zuerst die guten Nachrichten: Das Layout ist etwas übersichtlicher geworden. Die gelbe Box ist nun tatsächlich auf gelbem und die grüne Box auf grünem Papier gedruckt. Die Schrift ist einheitlich schwarz und nicht mehr abschnittsweise unleserlich rot auf gelbem Grund. Im alphabetischen Verzeichnis der Medikamente ganz zu Beginn des Buches finden sich nun auch Seitenangaben sowie Hinweise auf IND-Regelungen, RE1, RE2 und Facharztbeschränkungen. Die Zeilen sind gepunktet, sodass man nicht mehr drei Hände und ein Lineal braucht, um das Präparat im hinteren Teil zu finden. Auch inhaltlich gab es einige Veränderungen. Diese sollen nach optimistischen Schätzungen des Hauptverbandes die Zahl der chefärztlichen Bewilligungen drastisch reduzieren. 123 Produkte sind aus dem „dunkelgelben“ (RE1) in den „hellgelben“ Bereich (RE2) gewandert. Das heißt, keine Vorabbewilligung, sondern Dokumentation in der Patientenkartei. Damit sollen rund 320.000 chefärztliche Bewilligungen pro Jahr wegfallen.

Diverse Beschränkungen fallen in Zukunft weg

Ein weiterer Punkt ist der Wegfall der Facharztbeschränkung: Bei 122 Produkten, das entspricht rund 1,7 Millionen Verordnungen pro Jahr, ist künftig eine Weiterverschreibung durch Allgemeinmediziner ohne Chefarztbewilligung möglich. Voraussetzung: Diagnose, Therapiekonzept und regelmäßige Kontrollen durch den Facharzt. Auch Altersbeschränkungen fallen weg: Die Verordnung von Kleinkind- bzw. Kinder-gerechten Therapien (z.B. Saft, Dosierung ...) muss künftig (auch bei älteren Patienten) nur – so wie RE2 – dokumentiert werden. Damit sollen rund 1,3 Millionen Chefarztbewilligungen wegfallen. Eine Prognose, die viele Allgemeinmediziner allerdings nicht nachvollziehen können.

Ausweitung des Ampelprinzips

700.000 Chefarztbewilligungen sollen die Ärzte durch eine Ausweitung des „Ampelprinzips“ und der Langzeitbewilligungen einsparen. Im Klartext: Alternativverschreibungen aus „hellgelb“ und „grün“. Auch einige „Großpackungen“ dürfen für chronisch kranke Pa-tienten ab 1. Juli wieder auf Krankenkassen-Rezept verschrieben werden, allerdings nur mit chefärztlicher Bewilligung. Die gibt es, wenn der individuelle Monatsbedarf nicht mit den üblichen Packungsgrößen abgedeckt werden kann und/oder wenn er das Medikament bereits drei Monate lang eingenommen, gut vertragen und es ihm tatsächlich genutzt hat. Über die Definition des Nutzens wird es wohl die eine oder andere Auslegungsstreitigkeit geben.

IND-Regelungen bleiben

Nun die schlechte Nachricht: Definitiv nicht erreicht wurde ein deklariertes Ziel der Ärztekammer, nämlich die Aufhebung sämtlicher Beschränkungen in der „Green Box“. Diese Forderung hatte ÖÄK-Präsident Dr. Reiner Brettenthaler zu Jahresbeginn lautstark erhoben, nun allerdings seinen Sanktus zu einer weniger rigorosen Regelung gegeben.„Einige IND-Regelungen konnten wir beseitigen, und der Hauptverband ist uns in vielen Teilen ent-gegengekommen“, verteidigt Kurienobmann Dr. Jörg Pruckner den Kompromiss. Alle Forderungen seien nicht erfüllbar gewesen. „Das lag aber nicht an uns und dem Hauptverband. Wenn die Pharmafirmen ihre Produkte nicht in einer anderen Box haben wollen, dann können wir nichts tun. Das ist eben ein knallhartes Geschäft“, sagte Pruckner zur ÄRZTE WOCHE. Als Beispiel nannte er Medikamente zur Drogensubstitution: Nur ein Anbieter habe sein Präparat in der grünen Box, alle anderen würden dort gar nicht hineinwollen. In Wien sieht man die Durchsetzungskraft der ÖÄK, wie gewohnt, etwas kritischer. „Wir sind mit dem Ergebnis nicht zufrieden“, sagt MR Dr. Rudolf Hainz, Allgemeinmediziner und Funktionär der Ärztekammer für Wien. „Wir haben in den ersten Monaten des Jahres umfangreiche Verbesserungsvorschläge ausgearbeitet, die aber fast nicht berücksichtigt worden sind.“ Ende Mai habe man den neuen Erstattungskodex fix und fertig auf den Tisch bekommen. Zu spät, um nochmals Änderungen zu urgieren.„Die IND-Regelungen in der grünen Box sind noch immer ein Wahnsinn“, so Hainz. Die Verla-gerungen der Präparate aus dem dunkelgelben in den hellgelben Bereich brächten zwar eine gewisse Erleichterung, seien aber auch nicht der „große Wurf“. Denn viele Verschreibungshürden, z.B. bei den Statinen, Plavix, Xalatan, Nocutil, Gabapentin und NaCl-Infusionslösungen, seien geblieben. Vor allem kritisiert Hainz, dass auch diesmal eine befriedigende elektronische Version mit einem in allen Softwaresystemen funktionierenden „Ökotool“, das automatisch alle günstigeren Alternativpräparate auflistet, fehle. Auch das sei eine Forderung gewesen, die bereits Mitte Jänner von Präsident Brettenthaler erhoben worden sei.

Mankos in der EDV

Laut Hainz sei das eine essentielle Voraussetzung für eine ökonomische Verschreibweise und für eine exakte Dokumentation. Bisher bieten nur einige Softwarefirmen Programme an, die auf Basis des ATC-Codes auch Alternativen für „gelbe“ Präparate aus der grünen Box aufzeigen. Auch Pruckner räumte ein, dass es in diesem Bereich noch Schwierigkeiten gäbe. Dass die Zahl der Chefarztbewilligungen tatsächlich um vier Millionen zurückgehen wird, hält Pruckner für realistisch. Das ist auch nach wie vor eine Forderung der Ärztekammer zur Einführung der chefärztlichen Bewilligung per e-card-Leitung (ABS = Arzneimittel Bewilligungs Service). Laut letztem Verhandlungsstand soll dieses bundesländerweise drei bis sechs Monate nach dem Ende des e-card-Roll-Outs verbindlich werden. Im Burgenland läuft dazu bereits ein Probebetrieb, an dem unter anderem auch der Allgemeinmediziner Dr. Christian Euler, Präsident des Hausärzteverbandes, teilnimmt. Sein bisheriges Resümee: Technisch funktioniere es einwandfrei, der Vorgang sei aber noch unpersönlicher geworden. „Die Kommunika-tion ist auf das Niveau eines Computerspiels herabgerutscht. Das ‚Nein’ fällt dem Chefarzt jetzt noch leichter als früher“, meint Euler. Die Kassenärzte trügen nur noch die Verantwortung für die Einhaltung der Richtlinie und nicht mehr für die Behandlung der Patienten.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 25/2005

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