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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Freie Arztwahl ohne Einschränkung?

Seit mehreren Jahren gibt es Bemühungen, die freie Arztwahl im Privatbereich gesetzlich zu verankern. Als Option für alle Krankenversicherten bei Spitalsauf-enthalten kommt sie nicht wirklich in Frage. Der Anspruch auf bestmögliche Behandlung sollte dennoch gewahrt sein.

„In der Sonderklasse gibt es im Prinzip die freie Arztwahl, sie ist auch ein Verkaufsargument für Zusatzversicherungen. Gesetzlich ist die freie Arztwahl bisher allerdings nicht verankert“, analysiert Dr. Felix Wallner, Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Oberösterreich und Experte für Medizinrecht.„Eigentlich garantiert die Zusatzversicherung die Art der Unterbringung im Spital und nicht, wer mich dort betreut“, ergänzt Prof. DDr. Peter Steiner, Verwaltungsdirektor der TILAK und Professor für Medizinrecht an der privaten Universität für Gesundheitswissenschaften in Innsbruck. Nach Maßgabe der Möglichkeiten würde versucht, Wünsche der Patienten bezüglich ihres Behandlers zu berücksichtigen. Zur rechtlichen Verankerung der freien Arztwahl im Privatbereich gab es bereits zwei Gesetzesentwürfe; einer basiert auf dem Zivilrecht, der zweite auf dem Dienstrecht. Deren Umsetzung wäre also Ländersache bzw. von den Ordensspitälern gesondert zu regeln. „Von Seiten einiger Primarärzte gibt es Befürchtungen, dass sie damit zu viel ihrer organisatorischen Verantwortung abgeben müssten“, berichtet Wallner. Ängste, die aus seiner Sicht eher unberechtigt sind. Er wünscht sich eine einheitliche Lösung für ganz Österreich und alle Spitäler. Damit verbunden ist aber auch ein verfassungsrechtliches Problem. Würde der Vertrag – entgegen der derzeitigen Praxis – zwischen einer Institution und einem Patienten abgeschlossen, dann wäre fraglich, „ob dies auf die Ebene zwischen Arzt und Patient kommt“ (Wallner). Unklar sei dann auch, wie sich die Verteilung der Sonderklassemittel entwickeln würde. Eine weitere Frage ist der Umgang mit Akut- und Notfallsituationen, in denen es um unmittelbar nötige medizinische Hilfe geht.

Generell freie Arztwahl?

Da die gesundheitspolitischen Prioritäten momentan bei anderen Themen liegen, bewegt sich in der gesetzlichen Verankerung der freien Arztwahl im Sonderklassebereich derzeit sehr wenig. Es gibt aber auch Diskussionen darüber, ob die Freiheit bei der Auswahl des betreuenden Arztes nicht generell gelten sollte. Aktuelle Erhebungen in Deutschland zeigen, dass bis zu einem Viertel der Patienten ein Spital bzw. einen dort tätigen Arzt ganz bewusst auswählen – Tendenz steigend. „Ein primäres Problem ist zunächst die organisatorische Machbarkeit“, betont Steiner. Spitalsärzte sind im Operations- und Ambulanzbereich sowie auf den Stationen tätig. „Ziel ist“, so der Medizinrechtler, „ihre jeweilige Kompetenz optimal einzusetzen. Es muss gewährleistet sein, dass Spezialisten ihre Kenntnisse auch tatsächlich jederzeit anbieten können.“ Für die Patienten geht es um die Garantie einer adäquaten Behandlung. Grundsätzlich ist durchaus verständlich, wenn Patienten sich bestimmte Ärzte als Behandler wünschen. Dies bedeutet aber nicht automatisch, dass diese dann auch die fachlich bzw. von ihren praktischen Erfahrungen her Besten sind. Für Wallner spielt dabei auch die Art und Weise, wie öffentliche Mittel eingesetzt werden, eine Rolle: „Jeder soll die bestmögliche Behandlung bekommen.“ Die Mittel aus der Sonderklasse kämen dem gesamten Gesundheitswesen zugute. Eine generelle freie Arztwahl würde keine qualitative Verbesserung bringen und eher dazu führen, dass deutlich weniger Anreiz für die Inanspruchnahme einer Zusatzversicherung besteht. „Ich bin nicht der Meinung, dass die öffentliche Hand auch im Spitalsbereich die freie Arztwahl finanzieren muss“, betont Wallner.

Freie Wahl in Teilbereichen

„Eine freie Arztwahl im Spitalsbereich ist im vollen Umfang sicher nicht machbar“, meint Dr. Jörg Pruckner, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte auf Österreichebene. Er verweist darauf, dass auch der Bereich der Pflege eine sehr große Rolle für die Qualität der Behandlung bzw. die Zufriedenheit des Patienten spiele. Zu überlegen wäre allerdings, die freie Arztwahl in gewissen Teilbereichen stärker zu ermöglichen. Eine Konkurrenz für niedergelassene Ärzte befürchtet Pruckner dadurch nicht. Für manche Wahlärzte, die auch im Spital arbeiten, würde es allerdings leichter werden, Patienten vor, während und nach der Spitalsbehandlung zu begleiten. „Schon jetzt besteht ein entscheidender Teil unserer Aufgabe als niedergelassene Ärzte darin, die Patienten bei der Suche nach der adäquaten Behandlung zu unterstützen – also das umfassende Gesundheitsmanagement“, so Pruckner. In manchen Fällen – abhängig von Art und Ausmaß der jeweiligen Symptome – würde es darum gehen, auf bestimmte Personen zu verweisen, die auf ihrem Gebiet Experten sind.

Bloß kein Personenkult

Manchmal ginge es um die Empfehlung bestimmter Einrichtungen im Gesundheitswesen, hinter denen eher Teams und deren Kompetenz als Einzelpersonen stehen. Jedenfalls sollte auf keinen Fall ein Personenkult gefördert werden, maßgeblich sei vielmehr die Sicherstellung einer möglichst optimalen Behandlung. Zu beachten wäre auch die Frage, wie mobil und flexibel Patienten und deren Angehörige sind bzw. wie die Nachbehandlung und Rehabilita-tion laufen kann.
Der Wunsch nach Behandlung durch einen bestimmten Arzt ergibt sich oft aus dem Bedürfnis der Patienten nach kontinuierlicher Betreuung. „Gerade in operativen Fächern ist es durchaus schon üblich, dass der aufnehmende, operierende und nachbehandelnde Arzt ein und dieselbe Person sind“, so Steiner. Dies könnte aus seiner Sicht noch in einigen Aspekten durch organisatorische Maßnahmen intensiviert werden. Auch für das Schnittstellenmanagement zum niedergelassenen Bereich würde eine solche Praxis oft Vorteile bringen. Falsch wäre es aber, betont Steiner, Garantien für das Angebot einer kontinuierlichen Begleitung durch einen Arzt abzugeben. Bei bestimmten Erkrankungen müssten verschiedene Ärzte die Verantwortung für Diagnose und Behandlung übernehmen. Im Sinne einer übergreifenden Betreuung versteht Wallner das Konzept des Stationsarztes: „Zu dessen Aufgabe gehört auch, ein Wegbegleiter durch die Spitalszeit und Ansprechpartner für Angehörige zu sein.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28/2005

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