zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 16. November 2005

Hoffnungsprojekt für Diabetiker

300.000 bis 500.000 Menschen leiden in Österreich an Diabetes. Die Dunkelziffer ist hoch, die Versorgung nach wie vor uneinheitlich und unzureichend. Ein Disease-Management-Plan soll Verbesserungen bringen.

Diabetes droht zu einer weltweiten Epidemie zu werden. In Österreich sind mehr als 300.000 Diabetiker in Behandlung, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch mal so hoch. Seit Jahren klagen Patienten und Ärzte, dass die Versorgung ungenügend ist. Vor allem die Kapazitäten für die Schulung und Ernährungsberatung reichen in den meisten Bundesländern bei weitem nicht aus. „Nur 25 Prozent der Diabetiker werden optimal behandelt“, sagt auch Prof. Dr. Michael Roden, Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft. Ebenso hat der österreichische Diabetesbericht 2004, der zu Jahresende präsentiert wurde, zahlreiche Defizite in Betreuung, Vorsorge, Forschung und Datenerfassung aufgezeigt.
Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat hat darauf reagiert und eine Projektgruppe eingerichtet. 83 Experten, Vertreter von Gesundheitsinstitutionen und Patienten haben darin einen Diabetesplan erarbeitet, der die Grundlage für Verbesserungsmaßnahmen bieten soll. Im Herbst soll die konkrete Umsetzung diskutiert werden. Die nächste Sitzung ist für den 8. September geplant. Diabetes soll auch eines der beiden großen Gesundheitsthemen während der EU-Präsidentschaft Österreichs im ersten Halbjahr 2006 werden, kündigte Rauch-Kallat an. Eines der Kernstücke des Diabetesplans ist ein „Disease Management Programm Diabetes mellitus Typ 2“ (DM-Programm). Er wurde im Auftrag des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger von der Steirischen Gebietskrankenkasse unter Einbindung von Experten der Medizinischen Universität Graz, des Joanneum Research und der Österreichischen Diabetesgesellschaft erstellt. Grundlage sind die Erfahrungen des Patientenschulungsmodells, das in der Steiermark bereits seit einigen Jahren mit Erfolg läuft.

Pilotprojekt für Österreich

Sollte das Projekt in den zuständigen Gremien der Sozialversicherung und der Ärztekammer Zustimmung finden, wäre dies das erste DM-Programm in Österreich. „Wir haben sehr gute Rückmeldungen von den teilnehmenden Ärzten“, zeigt sich Projektleiter DI Fritz Bruner von der Steirischen Gebietskrankenkasse zuversichtlich. Da es keinen Zwang zur Teilnahme geben wird, hofft er auf eine hohe Akzeptanz in der Ärzteschaft. Kein Vorbild waren die DM-Programme, die es in Deutschland bereits seit ein paar Jahren gibt. Dort klagen die Ärzte über enorme bürokratische Belastungen. „Bei diesen Modellen ging es nur um die Verteilung der Gelder der Versicherungen über den Risikostrukturausgleich“, sagt Bruner. In Österreich, so das allgemeine Bekenntnis, soll die Verbesserung der Patientenbetreuung im Mittelpunkt stehen. Um die Versorgung bundesweit einheitlicher zu strukturieren, wurden Behandlungspfade entwickelt. Diese hätten nach heftigen Expertenstreits auch die Zustimmung der Fachgesellschaft gefunden, bestätigt Roden. Mitte September werden die abgestimmten Behandlungspfade in schriftlicher Form vorliegen. Sie sollen den Medizinern als Unterstützung dienen und vor allem auch die Nahtstellen zwischen intra- und extramural optimieren.

Verbindliche Qualitätsauflagen

Ärzte, die an dem DM-Programm teilnehmen, müssen allerdings auch einige verbindliche Qualitätskriterien erfüllen. Dazu gehören unter anderem die Teilnahme an Schulungsprogrammen, der Abschluss von Zielvereinbarungen mit den Patienten sowie eine strukturierte Dokumentation. Dafür sollen sie auch ein zusätzliches Honorar bekommen. In der Steiermark ist das für die Schulung der Patienten bereits der Fall; hier teilen sich Ärzte und Diabetesberaterinnen eine Honorarposition für die Schulung der Patienten. Das Geld kommt aus dem Landesfonds und von den Krankenversicherungsträgern. Für ein österreichweites DM-Programm müsste man rund 17,5 Millionen Euro in die Hand nehmen, schätzt Bruner. Das sind 1,7 Prozent der Kosten von etwa 1 Milliarde Euro, die bisher schon für die Betreuung der Diabetiker inklusive Spätfolgen aufgewendet werden. „Das ist viel Geld, auf lange Frist wird man aber auch mit Einsparungen rechnen können“, so Bruner.
Da die Betreuung in erster Linie im Spital stattfinden wird, sollte auch von dort Geld für das Projekt kommen. Eine Ansicht, die auch die Gesundheitsministerin vertrat. Konkret zuständig sei der Finanztopf der Gesundheitslandesfonds, der für die Umschichtung von Leistungen aus dem stationären in den niedergelassenen Bereich geschaffen wurde.

Endgültiger Sanktus fehlt noch

Dem DM-Programm fehlt allerdings noch der Sanktus innerhalb der Sozialversicherung. „Ich hoffe, dass wir die Zustimmung des Hauptverbandes und der Krankenversicherungsträger noch im September bekommen werden“, sagt Bruner. Dann könnten die Verhandlungen mit der Ärztekammer beginnen. Von dieser gibt es prinzipiell zustimmende Signale, wenn auch Kurienobmann Dr. Jörg Pruckner das Programm nicht weit genug geht. „Das ist ein abgespeckter Plan von dem, den wir bereits in der Steiermark haben. Natürlich ist das besser als nichts, aber wir dürften uns schon mehr trauen“, meint er. Für ihn sei in jedem Fall ein österreichweit einheitlicher Vertrag wichtig, damit sich nicht wieder alles im „lokalen Bereich zersplittert“.

Webtipps: Österreichischer Diabetesplan (www.bmgf.gv.at); Österreichische Dia­betesgesellschaft (www.oedg.org)

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 30/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben