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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Verhandlungsreigen um die Vorsorgekolonoskopie

Ab Oktober soll die Kolonoskopie im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung-Neu auch als Vorsorgeleistung von den Krankenkassen bezahlt werden. Doch der Vertrag liegt noch nicht auf dem Tisch. Wie üblich wird ums Geld gestritten. Und darum, ob auch Wahlärzte die Leistung abrechnen dürfen.

Das Programm der neuen Vorsorgeuntersuchung, das in rund einem Monat starten soll, sieht ein Kolorektalkarzinom-Screening für Probanden ab dem 50. Lebensjahr vor. Konkret sollen jährlich ein Hämoccult-Test und alle zehn Jahre eine Kolonoskopie abgerechnet werden können. Bisher war die Darmspiegelung als rein kurative Leistung kategorisiert und wurde österreichweit jährlich rund 120.000 Mal (davon etwa 80.000 Mal stationär) durchgeführt. Nicht immer mit ganz stichfesten Diagnosen, wie alle Beteiligten wissen. Im Hauptverband schätzt man, dass rund 30.000 bis 40.000 davon bereits „versteckte“ Vorsorgeleistungen waren. Das Vorsorgeuntersuchungs-Programm, so schätzt man hier, werde rund 30.000 zusätzliche präventive Untersuchungen pro Jahr bringen. Die Berechnungen orientieren sich an Deutschland, wo rund 2,5 Prozent der relevanten Bevölkerung zur Vorsorge-Kolonoskopie gehen. Das würde in Österreich etwa 65.000 bis 70.000 Untersuchungen pro Jahr entsprechen.
Seit Jahresbeginn laufen nun die Verhandlungen zwischen dem Hauptverband und der Ärztekammer über den Kolonoskopie-Vertrag. Auch Vertreter der Fachgesellschaften wurden hinzugezogen. Weitgehend geeinigt hat man sich auf einige Qualitätsstandards, die gemeinsam von Hauptverband, Ärztekammer und Fachgesellschaften evalueirt werden sollen. Dabei geht es vor allem um die verpflichtende Reinigung der Geräte mittels chemisch thermischer Waschmaschinen, um halbjährliche Hygienekontrollen sowie um eine Mindestfrequenz von 300 Untersuchungen in drei Jahren, die jeder Arzt nachweisen muss.

Hauptverband stellt hohe Qualitätsanforderungen

„Eine hohe Qualität zu fordern ist in Ordnung“, sagt Prim. Dr. Friedrich Anton Weiser, Vorstand der chirurgischen Abteilung des Herz-Jesu-Krankenhauses, der nebenbei eine Wahlarzt-Praxis führt, in der er auf Kolonoskopien spezialisiert ist. „Aber die erhöhten Kosten müssen sich auch im Honorar niederschlagen“, fordert er. Denn hohe Qualität kostet Geld. Alleine die neue Waschmaschine, die er gerade geordert hat und die selbst Prionen abtöten kann, werden sich in seiner Einnahmen-Ausgaben-Rechung jährlich mit 10.300 Euro an Leasinggebühren inklusive Wartung und Vollkaskoversicherung zu Buche schlagen. Dazu kommen auch hohe Summen für Investitionen, die bereits in der Vergangenheit notwendig waren, um am letzten Stand der Medizin zu sein. Da muss auch ein Arzt betriebswirtschaftlich denken.

Der Streit ums Geld

„Bei einem Honorar von 200 Euro und 800 Untersuchungen pro Jahr geht sich die Kalkulation aus“, sagt Weiser. Das letzte Angebot des Hauptverbandes vor der sommerlichen Verhandlungspause lag allerdings um einiges darunter. Über die genaue Höhe will niemand offiziell reden. Es wurde Stillschweigen vereinbart. OA Dr. Ernst Kerstan, der als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie auch im Verhandlungsteam saß, sagt nur so viel: „Mit diesem Angebot wären wir permanent in der Verlustzone. Die Vorsorgekolonoskopie ist ein gesetzlicher Auftrag. Das Geld dafür ist da.“ In der Sozialversicherung sieht man das naturgemäß anders. „Die Ärzte haben sich eine Honorierung auf Basis einer Kalkulation gewünscht, und wir haben unser Angebot danach gestaltet“, sagt Dr. Peter Scholz, zuständiger Abteilungsleiter im Hauptverband. Sein Ziel ist der Abschluss eines bundesweiten Vertrages mit einheitlichen Tarifen. Sollte allerdings bei der nächsten Verhandlungsrunde im September keine Einigung erzielt werden, dann geht der Ball an die Sozialversicherungsträger, die dann einzeln mit den Landesärztekammern verhandeln müssen. Damit würde allerdings der Starttermin der Vorsorgekolonoskopie im Oktober kräftig wackeln.

Kein Vertrag für Wahlärzte

Neben der Honorarfrage gibt es auch noch einen weiteren Knackpunkt in den Verhandlungen, der allerdings auch die Ärzteschaft selbst spaltet: Der Hauptverband und die Ärztekammer wollen die Vorsorgekolonoskopie auf jene spezialisierten Internisten und Chirurgen beschränken, die bereits kurative Kassenverträge haben. „Nur wenn es regionale Versorgungslücken geben sollte, sollen die Sozialversicherungsträger auch mit Wahlärzten Abrechnungsübereinkommen schließen“, sagt Scholz. Ausnahmsweise befindet er sich damit auch im Gleichklang mit der Ärztekammer. „Wir wollen die Vorsorgekolonoskopie primär über die Vertragsärzte laufen lassen“, bestätigt Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Dr. Jörg Pruckner, auf Nachfrage der ÄRZTE WOCHE. Für Weiser ist diese Vorgangsweise nicht nachvollziehbar. „Es kann doch nicht das Kriterium sein, ob jemand schon einen Vertrag hat oder nicht. Sondern es muss doch die Qualität sein, die zählt“, kritisiert Weiser. Seiner Ansicht nach sei bei entsprechend steigender Nachfrage jeder qualifizierte Spezialist notwendig, um die Leistung im niedergelassenen Bereich anbieten zu können. Im Hauptverband ist man derzeit noch dabei die tatsächlichen Kapazitäten zu überprüfen. Sollte es tatsächlich zu großen Mengenausweitungen kommen, werde der Hauptverband den Kassen empfehlen den Kreis auszuweiten, betont Scholz.

Imagearbeit tut Not

Ob die vorsorgewilligen Österreicherinnen und Österreicher tatsächlich die Ordinationen stürmen werden, wird unter anderem auch eine Frage der Vermarktung sein. Derzeit ist die Kolonoskopie eine Untersuchung, um die sich niemand wirklich reißt, gilt sie doch als unangenehm in der Vorbereitung, schmerzhaft und riskant. Dass sie zu den nachweislich effizienten Vorsorgemaßnahmen gehört, wird dabei oft verdrängt. Imagearbeit tut hier Not, sie wird allerdings vermutlich auch keine Wunder bewirken. Das zeigt auch ein Blick über die Grenze: Obwohl in Deutschland die finanzstarke Felix Burda Stiftung seit Jahren mit medialer Unterstützung diverser Prominenter für die Darmkrebsvorsorge wirbt, liegt die Beteiligung nur bei 2,5 Prozent der über 55-Jährigen. In Österreich ist vorerst weder seitens des Hauptverbandes noch des Gesundheitsministerium mit einer Werbeoffensive zu rechnen. Man möchte lediglich im Gesundheitspass, bei der Vorsorgeuntersuchung und mittels Folder die Bevölkerung „aufklären“. Das wird allerdings vermutlich nicht reichen, um auch die Wahlarzt-Ordinationen zu füllen.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 35/2005

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