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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Die Lunge ist ein besonderes Organ (Folge 15)

Das Sonderfach Lungenheilkunde entwickelte sich aus der Behandlung der vielen Tausend Tuberkulosekranken, die im 19. Jahrhundert in den entstehenden Industriezentren zu behandeln waren. Aufgrund der einzigartigen Situation der Lunge als Organ, das direkt mit der „Außenwelt“ in Verbindung steht, wird die Lungenheilkunde auch in Zukunft als singuläres Fach eigenständig bleiben.

„Wissen Sie, ich bin mit Leib und Seele Pulmologe“, sagte der Lungenfacharzt Prim. Dr. Norbert Vetter, Leiter der 2. Lungenabteilung am Otto-Wagner-Spital Baumgartner Höhe in Wien, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Die Internisten würden die Pulmologie zwar lieber als Subdisziplin ihres Faches sehen, doch die Selbständigkeit der Lungenheilkunde „hat historische Gründe“, wie Vetter erklärt. „Die ersten Lungenfachärzte waren Tuberkuloseärzte. Das war zu einer Zeit, als diese Erkrankung weit verbreitet und nur schwer behandelbar war.“
Als diese Erkrankung nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Schrecken verloren hatte, rückte die Lunge als wesentlichstes Organ mit all ihren Erkrankungen in den Mittelpunkt des Interesses. „Die Haupterkrankungen der Lunge sind so häufig und so spezifisch, dass es sich hier um ein eigenes Fach handelt“, sagt Vetter. „Da hat man die Bronchitis, da hat man die Lungenentzündungen, da hat man das Bronchuskarzinom. Und dafür sind ganz spezielle Untersuchungen notwendig, um die Diagnose zu stellen, und auch das Wissen um spezifische Behandlungsmöglichkeiten.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, das Fach Lungenheilkunde zu wählen?
Vetter: Ich habe in meiner Turnuszeit gesehen, dass sich die wichtigsten und häufigsten Erkrankungen in der Lunge abspielen: von banalen Erkrankungen, wie Infektionen, Grippe, respiratorische Infekte, bis zur chronischen Bronchitis, dem Emphysem, dem Lungenkrebs. Damals war außerdem ein großer Bedarf an Lungenfachärzten gegeben. Es war die Übergangszeit von den alten Tuberkuloseärzten zu den modernen Pulmologen. Und ich habe mir gedacht, hier kann man etwas tun, was wichtig ist und nicht ausreichend abgedeckt war.

Was begeistert und fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Vetter: Das Spannende ist erstens die Verbindung zwischen sozialem und medizinischem Engagement. Menschen, die an Lungenerkrankungen leiden, kommen häufig aus sozial schwachen Schichten. Außerdem hat mich das „Puzzle“ der Differenzialdiagnose fasziniert. Die Lunge hat viele Verbindungen zu Systemerkrankungen, z.B. Rheuma. Es ist sehr schwierig, eine Differenzialdiagnose zu stellen. Das ist auch eine intellektuelle Heraus-forderung, mehr als vielleicht in anderen Fächern. Darüber hinaus fordert die Pulmologie ganz spezielle Fähigkeiten. Da gibt es zwei Hauptgebiete: Das eine ist die Atemphysiologie, also die Funktion der Lunge bzw. des kardiopulmonalen Systems, das mit speziellen Untersuchungsmethoden evaluiert wird. Und das zweite ist die Bronchologie, die Endoskopie der Lunge, die bestimmte Fertigkeiten verlangt.

Welches waren die größten Veränderungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Vetter: Der erste Meilenstein war die Diagnose und Behandlung von interstitiellen Lungenerkrankungen. Die bronchoalveoläre Lavage als neue diagnostische Methode hat eine Beurteilung des Stadiums der Erkrankung ermöglicht. Mitte der 80-er Jahre kam dann die infektiologische Herausforderung der immunkompromittierten Patienten. Damals sahen wir auch die ersten Patienten mit HIV-Infektion. In den 90-er Jahren folgte die Schlafapnoe als neue Herausforderung. Und am Übergang in das neue Jahrhundert wurde die Bedeutung der COPD und des Emphysems erkannt.

Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren?
Vetter: Ich denke, dass es in der Behandlung der COPD und des Bronchuskarzinoms große Fortschritte geben wird. Neue therapeutische Ansätze werden erforscht, etwa Medikamente, die das Tumorwachstum hemmen. Auch in der Früherkennung des Bronchuskarzinoms sehen wir mit neuen bildgebenden Verfahren Fortschritte. Die Infektionskrankheiten, vor allem aerogen übertragene, wie etwa Grippe und SARS, werden medizinische, hygienische und logistische Herausforderungen für die Zukunft darstellen.

Wie sieht ein „typischer“ Arbeitstag eines Pulmologen aus?
Vetter: Ärzte, die im Spital arbeiten, sind durch die große Zahl der Patienten und durch die kritischen Situationen, in denen die Patienten aufgenommen werden, besonders belastet. Dazu müssen Spitalsärzte Kenntnisse in der Atemphysiologie haben, um respiratorische Insuffizienzen erkennen zu können, sie müssen bronchoskopieren können, was häufig auch eine Notsituation darstellt. Die niedergelassenen Lungenfachärzte haben eine große Anzahl von Patienten zu betreuen, weil es relativ wenige Lungenfachärzte gibt. Ein Pulmologe macht Röntgenbilder, untersucht die Patienten, führt Allergietests und Lungenfunktionsprüfungen durch, er misst den Sauerstoffgehalt im Blut. Aus allen diesen Faktoren kann er dann die Diagnose stellen und die Therapie einleiten.

Welche Voraussetzungen sollte ein Arzt für dieses Fachgebiet mitbringen?
Vetter: Pulmologen müssen gewillt sein, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Sie müssen gute Nerven haben, weil oft auch kritische Situationen auftreten und intensivmedizinische Maßnahmen notwendig sind. Gefordert sind auch intellektuelle Fähigkeiten, um schwierige Differenzialdiagnosen stellen zu können. Letztlich ist auch eine gewisse manuelle Geschicklichkeit erforderlich, um die Feinmanipulationen im Rahmen der bronchologischen Untersuchung erfüllen zu können. Die menschliche Qualifikation besteht darin, gesellschaftspolitisches Interesse, soziales Engagement und eine liebevolle Zuwendung zum Patienten mit zu bringen.

Wie lange dauert die Ausbildung, wie ist sie aufgebaut?
Vetter: Vier Jahre Ausbildung werden im Hauptfach absolviert. Dazu kommen eineinhalb Jahre Innere Medizin mit Kardiologie, drei Monate Pädiatrie und drei Monate Wahlfach.

Wie ist die Ausbildungssituation am Otto-Wagner-Spital?
Vetter: Es gibt neun Ausbildungsstellen allein an meiner Abteilung, dieselbe Zahl an der Schwesternabteilung, weil beide Abteilungen dieses zentralen Lungenkrankenhauses von Wien Vollausbildungsstätten sind. Nach Abschluss der Ausbildung gehen viele Kollegen ihren Weg weiter und machen die Stellen wieder frei für andere. Nur wenn eine Dauerstelle frei ist, was sehr selten vorkommt, kann ein hier ausgebildeter Pulmologe im Otto-Wagner-Spital bleiben. Die meisten lassen sich mit einer Ordination nieder.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Pulmologen?
Vetter: Die Lungenheilkunde ist ein ausbaufähiges Fach, weil es so viele Aspekte gibt, die vom Lungenfacharzt abgedeckt werden. Die traditionellen Einsatzgebiete werden ergänzt durch Umweltmedizin, durch Begutachtung und durch epidemiologische Möglichkeiten in der Prophylaxe von Krankheiten. Während die Situation in den etablierten Segmenten nicht so rosig ist, gibt es immer wieder neue Aspekte und Möglichkeiten in unserem Fach.

Was erwarten Sie von der Reform der Ausbildungsordnung, die noch heuer beschlossen werden soll?
Vetter: Ich glaube, dass man der Röntgendiagnostik eine größere Bedeutung beimessen müsste, was möglicherweise auf Kosten der Inneren Medizin gehen könnte. Bisher waren sechs Monate Radiologie in der Ausbildung vorgesehen.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 39/2005

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