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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Mehr ambulante Möglichkeiten schaffen (Folge 11)

Lange Zeit zu Unrecht als „Salbenschmierer“ abgetan, konnten die Dermatologen in den vergangenen 20 Jahren bahnbrechende Entwicklungen auf dem Gebiet der kausalen Therapie erreichen. In der Dermato-Onkologie verlor etwa das Melanom aufgrund früherer Diagnose und besserer Therapie viel von seinem Schrecken.

Akribie, ein gutes Auge und interdisziplinäres Denken sind für Prof. Dr. Elisabeth Aberer von der Universitätshautklinik Graz wichtige Voraussetzungen für den Beruf der Dermatologin, für den sie sich, wie sie im Interview mit der ÄRZTE WOCHE erzählt, jederzeit wieder entscheiden würde.

War die Dermatologie Ihre erste Wahl als Fachgebiet?
Aberer: Nein. Ursprünglich wollte ich Kinderärztin werden. Allerdings war es sehr schwer, nicht zu viel mit den kranken Kindern mit zu leiden. Ich habe mich dann umorientiert und mich für die Dermatologie entschieden.

Welche Überlegungen führten zu dieser Entscheidung?
Aberer: Ich habe eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, interessiere mich für Mikroskopie und schätze interdisziplinäre oder eigentlich multidisziplinäre Zusammenarbeit. Dies finde ich in der Dermatologie verwirklicht. Meinen Turnus absolvierte ich in Wien und der Steiermark und meine Facharztausbildung im AKH in Wien.

Was fesselt Sie an Ihrem Fachgebiet?
Aberer: Es ist faszinierend, den Verlauf verschiedener Erkrankungen an der Haut zu studieren. Ich bin ja auch histopathologisch geschult, da lässt sich dann die Diagnose viel besser stellen, einfach in der Zusammenschau mit den Befunden. Ein gutes Beispiel ist der Lupus erythematodes, der primär über die Haut diagnostiziert wird und bei dem sich oft erst im Laufe der Erkrankung feststellen lässt, dass auch innere Organe wie etwa die Nieren betroffen sind. Auch beim Diabetes finden wir Spätfolgen der Erkrankung an der Haut, wie etwa Geschwüre oder auch Juckreiz. Pastöse Veränderungen der Haut zeigen sich bei Erkrankungen der Schilddrüse. Hier ist also immer auch die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Fächern angezeigt.

Vor welchen Herausforderungen steht die Dermatologie in den kommenden Jahren?
Aberer: Ich glaube, dass vor allem das von vielen Menschen gewünschte jugendliche Aussehen eine maßgebliche Rolle spielen wird. Es wird ja oft alles unternommen, um etwa Falten zu korrigieren – die ganze Palette von der Kosmetik bis zu operativen Eingriffen. Hier werden die Dermatologen sicher stark gefordert sein. Eine wichtige Rolle wird auch die immer frühere und exaktere Tumordiagnose spielen. Patienten sind heute viel besser informiert und kommen daher oft früher zur Untersuchung und damit Therapie. Bei älteren Patienten, die immer mehr Medikamente einnehmen müssen, führt das nicht selten zu Wechselwirkungen und zu Reaktionen auf der Haut. Diese dann optimal zu behandeln, sehe ich als ganz besondere Herausforderung für die Dermatologie.

Welche Rolle spielt in ihrem Fachgebiet die Ökonomiediskussion, die derzeit im Gesundheitswesen stattfindet?
Aberer: Eine große. Ständig werden Betten reduziert, ich denke da an Patienten mit Ulcera oder etwa adipöse Patienten, die derzeit stationär aufgenommen werden und in Zukunft diese Betten nicht mehr bekommen können. Hier müssen einfach mehr ambulante Einrichtungen geschaffen werden, um diese Patienten auch in Zukunft optimal zu betreuen.

Welche Voraussetzungen sollte ein Arzt für das Fach Dermatologie mitbringen?
Aberer: Gute PC-Kenntnisse und Zehnfingersystem! Mal ganz abgesehen vom absolvierten Turnus, der eine gute Basis für unser Fach darstellt, ist die Dokumentationspflicht in der Dermatologie in den vergangenen Jahren ein ungeheurer Aufwand geworden. Wir müssen ja alle unsere Befunde selber schreiben, und wer die gängigen PC-Programme dann nicht beherrscht, kämpft schnell auf verlorenem Posten. Eine ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit ist auch sehr wichtig. Gerade bei der Haut werden die Patienten oft von Kopf bis Fuß durchuntersucht. Da ist es wichtig, Netzwerke mit anderen Fächern aufzubauen.

Wie haben Sie Ihre Facharztausbildung erlebt?
Aberer: Ich war am AKH in Wien, an der zweiten Hautklinik. Dort herrschte ein sehr positives Arbeitsklima. Ich hatte viel Freiheit, um auf meinem Spezialgebiet, der Borreliose, zu forschen. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen war gut. Schwierig war zu Beginn dieser „Learning by doing-Gedanke“. Man war anfangs ziemlich sich selbst überlassen. Aber ich denke, das ist ein allgemeiner Trend, denn Lehren ist ja immer auch eine Zeitfrage. Bei mir ist es nicht anders: Ich habe oft auch nicht so viel Zeit für meine jungen Kollegen, wie ich gerne hätte. Das bringt in der Ausbildung allerdings oft Vorteile, weil man sich die Ausbildungsinhalte eben auch selbst erarbeiten muss.

Wie stellt sich die Ausbildungssituation für Frauen dar?
Aberer: In Wien habe ich überhaupt keine Unterschiede bemerkt. Da war ich als Frau genauso akzeptiert wie meine männlichen Kollegen. In Graz läuft es etwas autoritärer, und ich habe schon den Eindruck, dass es da männliche Netzwerke gibt. Auch die Diskussionsbereitschaft ist weniger da als in Wien. Der Mut zur freien Meinungsäußerung ist einfach nicht etabliert. Das betrifft aber auch die Männer. Ich versuche die jungen Kollegen eben dahingehend zu bestärken, dass sie sich eine Meinung bilden und diese auch äußern. Aber das ist sicher noch ein längerer Prozess.

Welche Gegenfächer sind für die Dermatologie zu absolvieren?
Aberer: In Graz wird der Turnus gefordert. Pflichtgegenfächer sind zwölf Monate Innere Medizin, neun Monate Chirurgie und drei Monate Wahlnebenfächer. Ich empfehle den Turnus, weil man da die Möglichkeit hat, in jedes Fach „hinein zu schnuppern“. So ist beispielsweise die Gynäkologie wichtig, weil wir ja auch für Erkrankungen der Schleimhäute und sexuell übertragbare Erkrankungen zuständig sind. Generell würde ich sagen: Je breiter die Ausbildung, desto besser. Ich habe vor meiner Ausbildung den Turnus und ein halbes Jahr Pathologie absolviert.

Wo sind derzeit die Chancen auf einen Arbeitsplatz am besten?
Aberer: Wichtig ist ein profiliertes Grundwissen. Man sollte wissenschaftlich arbeiten und versuchen, schon vor der Ausbildung an einer Klinik oder einer Krankenhausabteilung mitzuarbeiten, damit die zukünftigen Mitarbeiter eine Chance haben, einen kennen zu lernen. Dabei kann auch festgestellt werden, ob jemand teamfähig ist, wie der Umgang mit Kollegen und Patienten ist. Dann hat man eher eine Chance, einen Platz zu erhalten, als wenn man zwar eine tolle Publikationsliste hat, sonst aber unbekannt ist.

Welche Zusatzausbildungen erweisen sich in Ihrem Fach als günstig?
Aberer: Wichtig ist medizinisches Englisch und, wie bereits erwähnt, gute PC-Kenntnisse. Dazu halte ich Kommunikationstraining, Präsentationstechnik und Rhetorikkurse für sehr wichtig. Auch die Ausbildung zum klinischen Prüfarzt erweist sich als sinnvoll.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Dermatologie?
Aberer: Nicht sehr gut. Es gibt sehr wenig Ausbildungs- und Kassenstellen. Wenn sich ein fertig ausgebildeter Dermatologe dann in die Wahlarztpraxis begibt, kann er nur überleben, wenn er eine solide Ausbildung hat und gut mit den Patienten umgehen kann.

Was erwarten Sie sich von der Novellierung der Ausbildungsordnung, die noch heuer verabschiedet werden soll?
Aberer: Bei der Haut ist die Bandbreite sehr groß: Tumoren, Allergien, Infektionen, Venenleiden, und sexuell übertragbare Erkrankungen, das sollte auch erhalten bleiben.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 35/2005

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