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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Die Kunst der Wiederherstellung (Folge 12)

Die Plastische Chirurgie gehört zu den dynamischsten Fächern in der Medizin. Abseits der so genannten „Schönheitschirurgie“ leisten die Fachärzte unverzichtbare Hilfe bei Brand- und Verkehrsverletzungen, nähen Gliedmaßen wieder an und transplantieren Haut mit großer Perfektion und beeindruckenden Resultaten.

Geduld, Akribie, Genauigkeit, Empathie und die Fähigkeit, sich selbst als Teil des Teams und nicht als „Star“ zu begreifen, gehören zu den „Tugenden“, die ein plastischer Chirurg mitbringen sollte. Prof. Dr. Hildegunde Piza steht einem solchen Team an der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck vor. Im Herbst 2006 geht sie in Pension. Die Plastische Chirurgie hat Piza ihr Leben lang als Herausforderung betrachtet, obwohl der Weg, der sie zu diesem Fach geführt hat, ein eher zufälliger war. Als sie ihre Facharztausbildung absolvierte, gab es die plastische Chirurgie noch nicht als eigenes Sonderfach. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE berichtet die im Jahr 1999 als erste Ordinaria des Faches Plastische und Wiederherstellungschirurgie an die Universität Innsbruck berufene Spezialistin ihren Weg und die Veränderungen des Faches in den letzten Jahrzehnten.

 detail

Warum haben Sie sich nach dem Studium für das Fach Chirurgie entschieden?
Piza: In den 60-er Jahren war es überhaupt kein Problem, eine Ausbildungsstelle zu erhalten – Ärzte waren gesucht. Der erste Zufall in meinem Werdegang war, dass ich an der chirurgischen Abteilung in Salzburg gelandet bin. Der zweite, dass der Oberarzt ausgefallen ist, und der dritte, dass bemerkt wurde, dass ich geduldig bin und gut nähen kann. Also habe ich in Salzburg Chirurgie angefangen und bin in den späten 60-er Jahren zu Prof. Wilfingseder nach Innsbruck gekommen, der damals bereits ein Ordinariat für Plastische Chirurgie geführt hat. Später wechselte ich nach Wien zu Prof. Millesi und habe meine Ausbildung dort vollendet.

Was faszinierte Sie an diesem Fach?
Piza: Die Wiederherstellung war sicher das, was mich am meisten interessiert hat und auch heute noch am meisten fasziniert.

Was waren für Sie die größten Veränderungen in diesem Fach im Laufe der letzten vier Jahrzehnte?
Piza: Entscheidend verbessert hat sich das Wissen um die Anatomie der Oberflächen und die Zusammenhänge mit dem großen Gefäßsystem. Die Entwicklung des Mikroskops und der mikrochirurgischen Instrumente sowie von Nahtmaterial, das feiner ist als ein Haar, erlauben uns heute Eingriffe, die zu Beginn meiner Laufbahn nicht möglich gewesen wären, wie etwa Replantationen von Gliedmaßen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Plastische Chirurgie in den nächsten Jahren?
Piza: Ich sehe eine große Zukunft für das Tissue engineering. Diese Technik ist sehr schwierig; sie müssen ja nicht nur Gewebe herstellen, sondern auch Nerven und Blutgefäße in dieses neue Gewebe einbringen. Da werden noch große Anstrengungen notwendig sein. Ein ganz interessanter Bereich werden auch Operationen an Föten sein, um angeborene Fehlentwicklungen noch im Mutterleib zu beseitigen. Hier gibt es bereits erste, Erfolg versprechende Ansätze.

Welche Eigenschaften sollte ein angehender Arzt für Plastische Chirurgie mitbringen?
Piza: Wer in der rekonstruktiven Chirurgie arbeiten will, muss sehr gut mit anderen Fächern kooperieren können. In Österreich ist ja die Teamarbeit noch nicht so hoch geschätzt wie beispielsweise im angloamerikanischen Raum. Der rekonstruktive Chirurg muss mit dem Allgemeinchirurgen, dem Onkologen und anderen Disziplinen reibungslos zusammenarbeiten können. Auch die Kommunikationsfähigkeit ist enorm wichtig, weil der Rekonstruktionschirurg auch oft abseits seiner gewohnten Umgebung arbeiten, sich dort behaupten und durchsetzen können muss. Dazu ist Fingerspitzengefühl notwendig. Häufig sind in der plastischen Chirurgie auch mehrere Eingriffe notwendig, um zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Da ist auch Empathie für den Patienten notwendig und die Fähigkeit, mit ihm oder ihr zu reden, gemeinsam durchzuhalten und immer wieder neue Ideen zu haben. Ein plastischer Chirurg muss auch kreativ sein und sich neue Lösungen vorstellen können.

Was beinhaltet die Ausbildung für Plastische Chirurgie?
Piza: Leider wird derzeit nur ein Jahr Chirurgie gefordert, was ich für zu wenig halte. Vier Jahre wird im Fach ausgebildet. Gegenfächer sind Unfallheilkunde und Anatomie. Mit nur einem Jahr Chirurgie kommt vor allem die chirurgische Grundausbildung zu kurz. Ich hielte es für sinnvoll, die jungen Kollegen erst dann zur Ausbildung zuzulassen, wenn sie mindestens zwei Jahre Chirurgie gelernt haben. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die angehenden Plastischen Chirurgen so viele Zusatzausbildungen wie möglich „sammeln“, etwa Orthopädie, Kieferchirurgie, HNO.

Wie stellt sich die Ausbildungssituation für Ärztinnen dar?
Piza: Für Innsbruck kann ich sagen, dass wir bei 15 Auszubildenden derzeit fünf Frauen haben. Frauen gehen schon anders an die Sache heran. Sie sind ungeheuer einsatzbereit, -fähig und –willig und technisch genauso gut wie Männer. Schwierig wird es für viele Frauen erst nach der Ausbildung, wenn sie vor der Entscheidung stehen: Habilitation oder Kinder? Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es sinnvoll ist, die Kinder möglichst früh zu bekommen. Eine entsprechende Organisation und einen positiv eingestellten Partner vorausgesetzt, ist dann später auch die Habilitation zu schaffen. Beides gleichzeitig zu wollen, würde ich nicht empfehlen.

Wie beurteilen Sie derzeit die Chancen auf einen Ausbildungsplatz?
Piza: Nicht berauschend, schon gar nicht in Innsbruck. Wir haben bis zu 27 Bewerbungen für eine ausgeschriebene Stelle. Wir fordern aber auch viel: Die Bewerber müssen bereits zwei Jahre Chirurgie absolviert und wissenschaftlich gearbeitet haben, sie müssen sehr gut Englisch können und – wenn möglich – schon eine Dissertation geschrieben haben.

Und wie stehen die Chancen nach Absolvierung der Ausbildung?
Piza: Bei mir sind in den letzten Jahren sechs Fachärzte fertig geworden und „wie die warmen Semmeln“, zum Teil nach Deutschland oder Wien, auf Oberarztstellen gegangen. Die Chancen, dass sie nach einer guten Ausbildung auch eine gute Möglichkeit zur Berufsausübung finden, stehen sehr gut. Zwei Kolleginnen, die ich ausgebildet habe, führen jetzt Ordinationen in Wien und können sehr gut von ihrer Arbeit leben.

Was erwarten Sie sich von der neuen Ausbildungsordnung?
Piza: Ich würde es klug finden, wenn die großen Kliniken ausbilden und die kleineren Häuser dazu im Rotationsprinzip bestimmte Arbeitsgebiete lehren. Die Kliniken haben sicher das breiteste Spektrum. Außerdem würde ich die Auszubildenden in zwei Gruppen teilen: Jene, die sich niederlassen und jene, die sich habilitieren wollen.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 36/2005

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