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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Bilder zum Sprechen bringen (Folge 13)

Die Histologie zählt zu jenen vorklinischen Fächern, ohne die profunde Diagnostik in der Medizin heute undenkbar wäre. Neue Mikroskopie und die interdisziplinäre Zusammenarbeit sowohl mit nicht klinischen als auch klinischen Fächern machen dieses Sonderfach heute auch zu einem wichtigen Partner bei der Erforschung von Krankheitsursachen und deren Therapie.

„Ich war immer ein Tüftler“, erklärt Prof. Dr. Wilhelm Mosgöller, Histologe und außerordentlicher Professor am Wiener Institut für Krebsforschung, die Entscheidung für sein Fach. Er ist – auch nach vielen Jahren Tätigkeit – von den Möglichkeiten der Histologie begeistert: „Seeing is Believing“, sagt er im Interview mit derÄRZTE WOCHE und ist davon überzeugt, dass Histologen Bilder zum Sprechen bringen können.

Was hat Sie denn dazu bewogen, Histologe zu werden?
Mosgöller: In der Histologie braucht man einen guten Blick für Bilder. Und wenn man den hat, dann sprechen die Bilder zu einem, sie erzählen eine Geschichte. Ein Histologe erzeugt Bilder vom Gewebe, von der Zelle, vom Leben der Zelle und von den Krankheiten. Die Histologie – ich bin da sicher voreingenommen – ist die Königsdisziplin unter den vorklinischen Fächern. Die Physiologie könnte ohne Histologie gar nicht existieren. Die Molekulare Biologie würde gar keinen Sinn machen. Viele andere Fächer sind von uns abhängig, die Kinderheilkunde, Gynäkologie und manche Chirurgen brauchen embryologisches Rüstzeug.

Wenn Sie zurückschauen – was waren denn die wesentlichsten Veränderungen in Ihrem Fach?
Mosgöller: Die klassische Histologie ist, ähnlich der Anatomie, erforscht. Im Prinzip ist alles besprochen. Wir müssen nicht mehr, so wie Karl Landsteiner, über dem Mikroskop sitzend die Blutgruppen analysieren. Wir haben es heute viel bequemer. Wir haben bessere Geräte, bessere Optik, bessere Auflösung. Wir können immer nur Momentaufnahmen machen. Auch der beste Film besteht aus Einzelbildern. Histologen erzeugen diese Bilder, und in der Zeitserie ergibt das eine Geschichte. Es ist auch spannend, mit einem Biochemiker, der ein neues Molekül entdeckt hat, zusammenzuarbeiten, oder mit einem Molekularbiologen, weil dieser irgendwann an Grenzen stößt und dann wieder die gute alte Histologie braucht. Die wirklich nennenswerten Fortschritte in der Forschung sind ein Zusammenspiel aus Histologie und den anderen Fächern.

Welche Fähigkeiten sollte ein angehender Histologe mitbringen?
Mosgöller: Eine gute zellbiologische Ausbildung; die bekommt man an der Universität. Ein junger Histologe, der nicht von Neugier getrieben ist, wird nie gut werden, glaube ich. Er braucht aber auch ein gewisses Gefühl für Gewebe, was man aber lernen kann. Es kommt der Moment, wo man sich mit seinen Präparaten anfreundet, die dann zu einem sprechen. Man braucht in gewisser Weise ein optisches und graphisches Gedächtnis.

Welche menschlichen Voraussetzungen muss ein Histologe mitbringen?
Mosgöller: Der typische Histologe ist ein bisschen detailverliebt, er macht ganz kleine Wichtigkeiten ganz groß. Wir haben die normale Lichtmikroskopie und die modernen mikroskopischen Verfahren, die Laser- und die Elektronen-Mikroskopie. Da braucht man eine gewisse Liebe zu Computern. Die generierten Bilder sind ja oft computergenerierte Bilder. Da ist es hilfreich, wenn man sich mit der elektronischen Technik auskennt.

Wie teamfähig muss ein Histologe sein?
Mosgöller: Der Histologe ist kein Star, er ist ein Teamarbeiter. Wie ich es vorher schon gesagt habe: Moderne Histologie muss mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten. Wir arbeiten fast nur noch interdisziplinär. Genetik, Molekularbiologie, Biochemie und gewisse Bereiche der klinischen Forschung kommen ohne Histologen nicht aus.

Was kommt in Zukunft an Herausforderungen auf die Histologie zu?
Mosgöller: Die Herausforderung wird sicher sein, dass man sich interdisziplinär organisiert. Die Histologie als reines Fach ist, genauso wie die Embryologie, ausgereizt. In Zukunft wird es aber so sein – und das ist ein breites Betätigungsfeld –, dass wir Gewebeanalysen unter experimentellen Bedingungen machen. In der biologischen, biomedizinischen Forschung haben die Histologen ihren fixen Platz.

Wie gestaltet sich der Ausbildungsweg zum Histologen?
Mosgöller: Ich würde empfehlen, sich schon während des Medizinstudiums den Betrieb an den histologischen Instituten anzuschauen. In der Regel ist es ein Unterrichts- und ein Forschungsjob, dessen muss man sich bewusst sein. Die meisten Medizinstudenten haben sich für diesen Weg entschieden, weil sie mit Menschen arbeiten wollen; ich habe es genauso gemacht. Ursprünglich wollte ich ein braver Landarzt werden, dann ein Facharzt, weil ich gesehen habe, dass ein Landarzt eigentlich Sklave der Umstände ist. Ein Facharzt weiß in seinem Gebiet schon wesentlich mehr, und ein Histologe ist ein echter Spezialist.

Wie beginnt normalerweise die Laufbahn eines Histologen?
Mosgöller: Als Demonstrator aktiv am Uni-Unterricht teilzunehmen, ist sicher kein Nachteil. Nach Studienabschluss braucht man eine Facharztstelle an einem histologischen Institut.

Wie ist die derzeitige Ausbildungssituation in Österreich?
Mosgöller: Die Situation ist sehr schlecht. Erstens gibt es wenige Stellen, zweitens muss man es mit den Gegebenheiten an der Universität aufnehmen - und das ist eine Geschichte für sich. Die Medizin-Universitäten haben eine Neugründung hinter sich, und viele nennen diese einen „Rohrkrepierer“. Es ist wie beim Kommunismus: Die Grund-Idee mag gut sein, aber die Umsetzung macht derzeit mehr Probleme als Lösungen.

Und wie stehen die Chancen für fertige Histologen?
Mosgöller: Ich glaube, die Chancen stehen schlecht, weil man auf sehr wenige Stellen wartet. Diese sind teilweise mit Pragmatisierten „zugepflastert“. Somit haben alle, die derzeit nachkommen, wenig Chancen. Man kann allerdings auch ohne Facharzttitel histologisch arbeiten. Das würde ich zwar niemandem empfehlen, aber wenn es jemanden interessiert, soll er es auf jeden Fall machen. Um das zu tun, was ein Histologe macht, ist kein Facharzttitel erforderlich. Da sind wir wesentlich großzügiger als die Kollegen in anderen Zünften. Ein Histologe muss teamfähig sein, dann ist er in jedem Forschungs-team ein willkommener und wichtiger Spezialist.

Wenn Sie sich noch einmal entscheiden müssten – würden Sie wieder Histologe werden?
Mosgöller: Ich würde keine drei Jahre mehr nachdenken, ich würde es sofort machen.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 37/2005

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