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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Im Dienste der Volksgesundheit (Folge 16)

Sie fahnden nach Viren und entwickeln neue Therapiestrategien gegen Infektionskrankheiten. Sie arbeiten für das Gesundheitsministerium und wirken bei Pandemieplänen mit. Die Rede ist von den Fachärzten für Hygiene und Mikrobiologie. Um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern, werden Impfungen entwickelt, Krankheitserreger beforscht und prophylaktische Maßnahmen erarbeitet.

Seit Robert Koch 1882 den Auslöser der Tuberkulose identifiziert hat, arbeiten Fachärzte für Hygiene und Mikrobiologie intensiv an der Entdeckung neuer Krankheitserreger und Strategien zur Bekämpfung derselben. Der Direktor des Departments für Hygiene, Mikrobiologie und Sozialmedizin der medizinischen Universität Innsbruck, Sektion für Hygiene und medizinische Mikrobiologie, Prof. Dr. Manfred P. Dierich, fordert im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE lebenslange Neugier für junge Kollegen.

 detail

Welchen Aufgaben kommt das Fach Hygiene und Mikrobiologie nach?
Dierich: Das Fach beschäftigt sich mit vorbeugender Medizin. Es wird versucht, Infektionsprobleme hintan zu halten. Ein Beispiel sind etwa Impfungen: Wir entwickeln neue Impfstoffe und wenden sie an. Das ist eine von unseren Aufgaben. Eine weitere ist die Identifizierung von Krankheitserregern und die Erarbeitung von Therapievorschlägen.

Warum haben Sie sich ursprünglich für dieses Fach entschieden?
Dierich: Ich wollte ursprünglich Internist werden. Im Vorfeld war es für mich wichtig, mir eine gute wissenschaftliche Grundlage zu erarbeiten. Diese Basis habe ich im Institut für medizinische Mikrobiologie in Mainz erhalten. Allerdings wuchs bei dieser Gelegenheit meine Begeisterung für das Fach Hygiene und Mikrobiologie so sehr, dass ich dabei geblieben bin.

Was begeistert und fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Dierich: Für mich ist das Fach deshalb unglaublich spannend, weil es diese reizvolle Breite von hochkarätiger Wissenschaft und praktischer Anwendung im Alltag bietet. Ein Beispiel, das mich persönlich besonders berührt, ist die AIDS-Forschung, die an unserem Institut intensiv betrieben wird. Damit werden wir inzwischen auch international wahrgenommen.

Welche Herausforderungen kommen auf das Fach in den nächsten Jahren zu?
Dierich: Ich denke, die AIDS-Problematik wird uns auch in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen. Eine weitere große Herausforderung, an der in unserem Institut gearbeitet wird, ist die Bewältigung der Pilzproblematik. Das betrifft insbesondere immungeschwächte und immunsupprimierte Personen. Dazu kommt die Bekämpfung möglicher Epidemien. Ein Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie wirkt hier bei der Prophylaxe mit, hilft bei der Aufklärung der Bevölkerung und sorgt dafür, dass die Problematik mit Gelassenheit und guter Kenntnis bewältigt werden kann.

Was hat sich in den vergangenen 10 bis 20 Jahren in Ihrem Fach verändert?
Dierich: Einerseits ist unsere Arbeit seit Robert Koch gleich geblieben: Wir beforschen die Erreger spezifischer Erkrankungen und bekämpfen diese. Auf der anderen Seite hat sich natürlich vieles verändert, schon deshalb, weil es ständig neue Antibiotika, aber auch neue Resistenzen gibt. Eine weitere gravierende Veränderung bedeutet das Verständnis molekularer und molekular-genetischer Prozesse. Wir wissen beispielsweise inzwischen, was die krankmachenden Faktoren vieler Krankheitserreger sind – wir sprechen von Virulenzfaktoren. Und daraus ergibt sich die Möglichkeit, diese gezielt zu bekämpfen. Ein ganz aktuelles Beispiel dafür ist das AIDS-Virus. Wir haben inzwischen verstanden, dass es sich besonders gut unter der Einwirkung des so genannten TAT-Proteins vermehrt. Dieses Protein wird vom Virus selbst induziert. Man versucht nun, gezielt einen Impfstoff gegen dieses Protein zu erzeugen, um das Virus seiner Selbsthilfe zu „berauben“.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Dierich: Der Arbeitstag beginnt typischerweise um acht Uhr morgens mit der Analyse von Patientenproben, etwa Blut-, Stuhl- oder Urinproben auf Krankheitserreger. Liegt das Ergebnis vor, erarbeitet der Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie einen Therapievorschlag für den behandelnden Arzt. Ein weiterer Arbeitsbereich ist, öffentliche Stellen bei der Erarbeitung von Gesetzen zu unterstützen. Generell ist die Beziehung zur öffentlichen Hand sehr facettenreich. So haben beispielsweise auch mehrere Fachärzte für Hygiene und Mikrobiologie an der Erstellung des eben verabschiedeten Grippe-Pandemieplans mitgearbeitet. Für das Innsbrucker Universitätsinstitut ist die Lehre ein weiterer wichtiger Arbeitsbereich. Wir unterrichten Medizinstudenten, medizinisch-technische Mitarbeiter und wirken an der Ausbildung von Ärzten zu Amtsärzten mit. Schließlich kommt die Forschung dazu, die wir so betreiben sollten, dass wir international konkurrenzfähig und eingebunden sind. Neben den Aktivitäten an einem universitären Institut gibt es vereinzelt auch niedergelassene Fachärzte für Hygiene und Mikrobiologie. Einige Kollegen arbeiten an größeren Krankenhäusern oder im Bereich des öffentlichen Dienstes, wie etwa Ministerien und Landessanitätsdirektionen.

Wie gestaltet sich die Ausbildung und welche Eigenschaften sollte ein Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mitbringen?
Dierich: Die fachliche Ausbildung umfasst sechs Jahre, davon viereinhalb Jahre im Fach. Eineinhalb Jahre sind Gegenfächer zu absolvieren, vorgeschrieben ist ein halbes Jahr auf einer Station für Innere Medizin. Hinsichtlich der menschlichen Qualitäten wünsche ich mir Kollegen, die kommunikativ sind, im Team arbeiten und zuhören können sowie ihr ganzes Berufsleben lang neugierig bleiben. Genauigkeit ist unverzichtbar. Geduld ist sicher auch eine hilfreiche menschliche Qualität, allerdings wäre eine heilsame Unruhe als treibende Kraft schon ganz gut. Patientenkontakt steht in unserem Fach nicht im Vordergrund.

Wie gestaltet sich die Ausbildungssituation in Österreich?
Dierich: Ich würde sagen, unsere Ausbildungssituation ist gut. Im Durchschnitt haben wir hier am Institut drei bis fünf Ausbildungsstellen. Ich glaube, an den drei Universitätsinstituten ist das gleich. Darüber hinaus gibt es vereinzelt andere Stellen, etwa in Linz, Salzburg und Klagenfurt. Bei uns in Innsbruck ist derzeit eine Stelle frei. Interessanterweise bilden wir seit einiger Zeit vor allem Frauen aus. Mittlerweile arbeiten an meinem Institut mehr Akademikerinnen als Akademiker.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Hygiene und Mikrobiologie?
Dierich: Wenn es sich um Kollegen mit universitären Ambitionen handelt, halte ich die Chancen auf einen Lehrstuhl im deutschen Sprachraum für ausgezeichnet. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es in vielen Instituten einen Generationswechsel geben und damit gute berufliche Etablierungschancen. Im nicht universitären Bereich gibt es zwar nicht sehr viele Stellen, ich sehe aber immer wieder Ausschreibungen. Wenn jemand also flexibel und nicht ortsgebunden ist, bestehen auch hier Chancen auf eine Stelle.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 40/2005

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