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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Die Liebe als Conditio sine qua non (Folge 17)

Von den Anforderungen in der Neonatologie bis hin zu Fragen im Jugendalter: Die Pädiatrie betreut Kinder von der Zeit vor der Geburt bis zur Volljährigkeit. Wer Kinder- und Jugendarzt werden will, sollte unkonventionell denken können und seine Patienten – auch die ganz kleinen – durchaus als eigenständige Persönlichkeiten behandeln.

An Zufall glaubt er nicht. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus St. Pölten, kam über die Betreuung übergewichtiger Kinder in einem Ferienlager zu seiner Profession, von der er sagt, dass sie „sehr rasch zu seiner Berufung geworden ist“.

Wodurch unterscheidet sich das Sonderfach Kinderheilkunde von der Medizin für
Erwachsene?

Zwiauer: Die Kinderheilkunde umfasst noch den ganzen Menschen. Die Ausbildung ist breit gefächert und deckt den ganzen Organismus von Kindern und Jugendlichen ab. Kinder- und Jugend-mediziner bieten am ehesten noch einen ganzheitlichen Ansatz in der Medizin, auch wenn es natürlich unterschiedliche Subspezia-litäten gibt.

Welche Altersgruppen betreut ein Kinderarzt?
Zwiauer: Der Pädiater betreut das extreme Frühchen mit 400 Gramm ebenso wie den jungen Erwachsenen mit 18 Jahren – und alle Altersgruppen dazwischen. Das gibt ein buntes Bild an Fragestellungen, Problemen und Krankheitsbildern, aber auch von Persönlichkeiten. Nicht nur jedes Kind ist anders, sondern auch beim Frühgeborenen können wir durchaus schon von „Persönlichkeit“ sprechen. Es ist eine Herausforderung an den Arzt, an das Wissen, es fordert Empathie und den Willen, sich mit diesen vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten auseinander zu setzen.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Pädiater aus?
Zwiauer: An erster Stelle ist hier die Empathie zu nennen – für Kinder, für Jugendliche, für ihre Persönlichkeitsstruktur und ihre Anliegen. Es ist unter Umständen nicht leicht, mit Kindern zu arbeiten, weil sie rationalen Argumenten oft nicht zugänglich sind oder sein können. Hier ist der empathische Ansatz eine Grundvoraussetzung. Teamfähigkeit ist unbedingt gefordert, die Zeit der Autokraten ist in der Medizin und insbesondere in der Kinderheilkunde längst vorbei. Nicht unwichtig ist auch eine gewisse Geschicklichkeit: Wir haben es oft mit sehr zarten physikalischen Strukturen zu tun; zwei Linke sollte man da nicht unbedingt haben. Und natürlich ist die conditio sine qua non eine unbedingte Liebe zu den Kindern und letztlich auch zu den Eltern.

Warum haben Sie sich für die Pädiatrie entschieden?
Zwiauer: Mich faszinierte nicht nur die Diversivität, die das Fach bietet, sondern auch das ungeheure Potenzial, das in Kindern steckt. Damit meine ich nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung, nicht nur das somatische und psychische Wachstum, sondern die Potenz zur Heilung und zur Kompensation, die Kindern und Jugendlichen innewohnt. Und das ist immer noch faszinierend.

Wie lange dauert die Ausbildung zum Pädiater, wie ist sie aufgebaut?
Zwiauer: Vier Jahre dauert die Ausbildung im Fach. Zwei Jahre sind in Gegenfächern zu absolvieren, und zwar Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, Orthopädie, Haut- und Geschlechtskrankheiten sowie Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten. Dazu kommen noch sechs Monate in mindestens zwei Wahlfächern.

Von der Theorie zur Praxis: Wie sieht der Alltag eines Kinder- und Jugendarztes aus?
Zwiauer: Für einen Spitalsarzt beginnt der Tag frühmorgens mit der Morgenbesprechung und der Dienstübergabe vom Nacht- auf den Tagdienst. Danach geht es auf die Station und/oder in die Ambulanz. Wir versuchen in St. Pölten so viele Patienten wie möglich ambulant zu betreuen. Wir haben rund zehn Spezialambulanzen, von der Kleinwuchsbetreuung über die Kinderkardiologie bis hin zur entwicklungsneurologisch-neuropädiatrischen Ambulanz. Dazu kommen Visite, Aufarbeitung der Diagnostik, Therapie-anweisungen. Ein Dienst dauert 24 Stunden, und wenn genügend Personal vorhanden und nicht gerade Urlaubszeit ist, haben sie nach einem solchen Dienst 24 Stunden frei. Ein niedergelassener Kinder- und Jugendarzt leistet dagegen sehr viel Basisarbeit. In der Ordination findet die Primärversorgung der großen Gruppe der respiratorischen und gastrointestinalen Erkrankungen statt. Dazu kommt der Präventionsansatz, etwa mit Ernährungsberatung und den diversen Impfungen.

Was waren die größten Veränderungen in der Kinderheilkunde in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Zwiauer: Ein wesentlicher Punkt war das Bekenntnis der Pädiater, sich um Jugendliche kümmern zu wollen. Wir haben nicht nur den Namen geändert, sondern bemühen uns aktiv darum, Ansprechpartner für Jugendliche zu sein. Dieses Bekenntnis war sicherlich standes- und letztlich auch sozialpolitisch eine wichtige Veränderung. Medizinisch gesehen finden wir die größten Fortschritte sicher in der Neonatologie, Stichwort Sur-factant-Therapie und Beatmungsmöglichkeiten. Auch der Zugang zu den Frühgeborenen hat sich sehr verändert. Heute versuchen wir einen sanften humanen Zugang, beispielsweise mit „Kangorooing“ und „Minimal handling“. Hier haben schon Umwälzungen stattgefunden. Beim Kangorooing wird das Frühchen – selbst wenn es noch beatmet werden muss – aus dem Inkubator herausgenommen und auf die nackte Haut von Mama oder Papa gelegt. Minimal Handling bedeutet, das Frühchen nur den unbedingt notwendigen Eingriffen mit dem geringst möglichen Stress auszusetzen. Auch die Spezialisierung, der jetzt in der neuen Ausbildungsordnung mit sechs Additivfächern Rechnung getragen wird, war ein großer Schritt. Diese Entwicklung wird hoffentlich nicht, wie in der Inneren Medizin, in einer Aufspaltung des Fachs enden.

In welche Richtung wird zukünftig eine Spezialisierung möglich sein?
Zwiauer: Die neue Ausbildungsordnung nennt sechs Additivfächer. Dazu gehören angeborene Stoffwechselerkrankungen ebenso wie Neuropädiatrie und pädiatrische Kardiologie.

Welche Herausforderungen kommen auf die Pädiatrie zu?
Zwiauer: Standespolitisch wird sicher die Abgrenzung zur Erwachsenenmedizin eine wichtige Rolle spielen. Medizinisch gesehen, werden wir uns zukünftig noch stärker dem präventiven Ansatz zuwenden müssen. Denken Sie etwa an die Adipositas. Auch im Bereich der Diabetologie muss mehr Prävention betrieben werden. Ein weiterer Bereich ist die Betreuung chronisch kranker Kinder, die zwar heute, dank der Fortschritte der Medizin, das Kleinkindalter überleben, aber trotzdem oft intensive ärztliche Betreuung benötigen.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen für Kinder- und Jugendärzte?
Zwiauer: Gar nicht so schlecht. Wir haben immer Bedarf an Spitalsärzten. Auch im niedergelassenen Bereich stehen die Chancen dann gut, wenn sie nicht unbedingt auf die Übernahme einer Kassenordination angewiesen sind. Das Feld verträgt noch viele Wahlärzte. Und aus meiner Erfahrung weiß ich, dass diese von den Eltern sehr gut angenommen werden. Ich kann es nur aus der Gegend um St. Pölten sagen: Keiner der Wahlärzte, die sich dort niedergelassen haben, klagt über zu wenige Patienten.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 41/2005

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