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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Ein Anwalt der Kinder sein! (Folge 19)

Es ist eines der wenigen Sonderfächer in der Medizin in Österreich, das derzeit noch eine neunjährige Ausbildung verlangt: die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ein neues Curriculum soll die Ausbildungsdauer senken und EU-konform machen, verabschiedet ist es allerdings noch nicht.

Die dramatische Unterversorgung Österreichs mit Kinderpsychiatern und die katastrophale Ausbildungssituation beschäftigen den Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie, Prof. Dr. Max H. Friedrich, schon länger. Doch die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat heikle Aufgaben zu bewältigen. „Ein Kind hat keine Krankheitseinsicht. Es empfindet sich höchstens als schlimm, wenn es untersucht wird“, erklärt Friedrich im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Ein Kind sucht auch nicht von selbst eine Therapie, wir müssen es zur Therapie ‚locken’, in eine kindgerechte Welt entführen, um an sein innerseelisches Material heranzukommen.“
Bei Kindern muss auch immer die Familie mitbehandelt werden, denn sie sind schließlich abhängig von ihrem Bezugssystem. „Daraus ergibt sich unsere Leit-linie“, so Friedrich, „die sich auf vier Pfeiler stützt: Ganzheitsbetrachtung, Teamarbeit, Networking und Polypragmasie.“

Was konkret ist damit gemeint?
Friedrich: Unter ganzheitlicher Betrachtungsweise verstehen wir eine Behandlung nach körperlichen, intellektuellen, emotionalen und sozialen Gesichtspunkten. Um ein Kind optimal therapieren zu können, ist die interdisziplinäre Teamarbeit zwischen Ärzten, Sozialarbeitern, Lehrern, Psychologen, Pflegepersonal, pädagogischem Personal, Ergo-, Physio- und Psychotherapeuten unbedingt erforderlich. Auch das Netzwerk mit anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen, wie etwa dem Jugendamt, der Schule und den Jugendgerichten, ist für unsere Arbeit unerlässlich.
Die vierte Säule, die Polypragmasie, ist das missing link zwischen Diagnose und Therapie, nämlich die Indikation. Die soll im besten Fall dazu führen, dass jedes Kind jene Therapie bekommt, die es benötigt. Selbstverständlich erfolgt jede Therapie altersangepasst. Ich kann mit einem Achtjährigen keine Gesprächstherapie führen und mit einem 16-Jährigen keine infantilen Spiele spielen.

Wann haben Sie sich dafür entschieden, das Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie zu wählen und warum?
Friedrich: Ich wusste schon mit 15 Jahren, was ich werden würde. Ich wollte Mediziner werden und mit Kindern arbeiten. Ich wollte ein Anwalt der Kinder sein. Und das ist mir auch gelungen.

In welchem Spannungsfeld bewegt sich das Fach heute?
Friedrich: Momentan beobachte ich, vor allem gesellschaftspolitisch, eine negative Entwicklung für alle Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche auf ihrem schwierigen Weg des Erwachsenwerdens unterstützen sollen. Das war in den 70-er Jahren noch anders. Da konnten wir Heimexperimente durchführen, aus denen dann betreute Wohnformen entstanden sind. Aus dieser Zeit stammt auch die Idee der Psychagogen, der Beratungslehrer und der Mosaikklassen in den Schulen.
Heute hören wir von Politikern, dass „die Streichellehrer“ abgeschafft werden sollen. Es braucht sich dann niemand zu wundern, wenn es zu Gewalttaten unter Schülern kommt, die auch tödlich enden können, wie das vor kurzem geschehen ist. Wir brauchen aber keine Metalldetektoren an den Schuleingängen, sondern begeisterte und gut ausgebildete Menschen, die den Kindern bei ihren täglichen Sorgen und Nöten beistehen. Wir Kinderpsychiater haben bereits vor mehreren Jahren gesagt, was passieren wird. Wir können als Kassandra aber noch so viel rufen, es wird einfach abgeschmettert. Das wird die Situation für benachteiligte Kinder und Jugendliche auch in den nächsten Jahren nicht verbessern, sondern eher verschlimmern.

Welche Herausforderungen kommen auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu?
Friedrich: Die gewalttätigen jugend-lichen Patienten nehmen zu. Sie werden aggressiv, nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst – denken sie etwa an auto-aggressive Handlungen wie Schnittverletzungen bis hin zu Suizidversuchen und Suiziden. Die Suchtproblematik nimmt weiter zu. Heute werden am Wochenende Kinder von elf, zwölf Jahren mit Promillewerten in Kliniken eingeliefert, die die Toxizitätsgrenzen weit überschreiten.
Zu uns kommen auch viele Patienten mit schweren schizophrenen und wahnhaften Psychosen. Und wir müssen der Flut jener Eltern entgegentreten, die meinen, sie hätten ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syn-drom. Auch die Essstörungen nehmen zu, von Anorexie über Bulimie bis hin zur Adipositas.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Kinder- und Jugendpsychiater aus?
Friedrich: Die nobelste Eigenschaft des Kinderpsychiaters ist die Fähigkeit zu erkennen, was noch normal und was bereits pathologisch ist. Jeder Pubertierende weist Einzelsymptome einer Psychose auf, ist aber natürlich nicht an einer solchen erkrankt. Ein guter Kinderpsychiater muss kontrolliert regredieren, sich auf jenes Niveau einstellen können, auf dem sein Patient steht. Auch Selbstkontrolle ist enorm wichtig; er darf nicht der Gegenübertragung erliegen. Für besonders wichtig halte ich außerdem eine optimistische Grundhaltung.

Was in Ihrem Fach ist als besonders„anstrengend“ oder „herausfordernd“ zu bezeichnen?
Friedrich: Wir müssen uns davor hüten, dem Helfer-Syndrom zu erliegen, weil das rasch zum Burnout führt. Supervision ist da ungeheuer wichtig. Eine nicht zu unterschätzende Hürde ist auch die ärztliche Schweigepflicht. Wir erleben oft Dramen, die auch dem profiliertesten Experten sehr nahe gehen, denken Sie an Kindesmisshandlung und -missbrauch. Das müssen wir ertragen lernen, aber wir müssen genauso lernen, Auszeiten zu nehmen und zu entspannen, auch einmal einen Fall abzugeben.

Wie lange dauert die Ausbildung, und wie ist sie aufgebaut?
Friedrich: Die Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater dauert in Österreich nicht sechs, sondern neun Jahre. Zuerst ist eine Ausbildung zum Pädiater, Psychiater oder Neurologen zu absolvieren, dann können zwei Jahre Kinderpsychiatrie anschließen. Ein drittes Jahr umfasst – je nach Grundausbildung – die Innere Medizin, Erwachsenenpsychiatrie, Neurologie beziehungsweise Pädiatrie. Diese Ausbildung ist nicht mehr zeitgemäß, sie ist auch nicht EU-konform. Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat deshalb bereits vor drei Jahren ein neues Curriculum ausgearbeitet, das eine Ausbildungsdauer von sechs Jahren vorsieht. Leider wurde dieses vom Gesundheitsministerium noch nicht verabschiedet, was mich sehr ärgerlich stimmt.

Wie ist derzeit die Ausbildungssituation?
Friedrich: Katastrophal. Österreich ist EU-weit eines der Länder mit den wenigsten Kinderpsychiatern. In Wien sind derzeit nur vier im niedergelassenen Bereich tätig. Zum Vergleich: In Hamburg nehmen 34 Kinderpsychiater den Versorgungsauftrag wahr. Es gibt viel zu wenig Ausbildungsstellen, was sicher auch die Folge der Sparpolitik der Regierung ist. Ich hätte an meiner Klinik beispielsweise theoretisch zwei Ausbildungsstellen frei zu besetzen. Das ist aber nicht möglich, weil mir der Rektor diese Stellen nicht bezahlen kann.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Friedrich: Die sind ausgezeichnet. Ein fertiger Kinderpsychiater kann sich in ganz Österreich niederlassen. Er wird innerhalb von 14 Tagen eine volle Ordination haben. Er wird so viel arbeiten, dass er zehn Jahre später ein Burnout hat.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung

Sabine Fisch, Ärzte Woche 43/2005

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