zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 10. November 2005

Maßgeschneiderte Medikamente

Patient Mayer und Patient Müller leiden unter denselben Symptomen. Beide erhalten von ihrem Hausarzt das gleiche Medikament, doch es wirkt unterschiedlich. Um diesem häufigen Phänomen zu begegnen, beschäftigen sich Wissenschaftler zunehmend mit der genetischen Variabilität des Menschen.

Das Fachgebiet Pharmakogenetik untersucht die individuell unterschiedliche Medikamentenwirkung abhängig von der genetischen Disposition, die Pharmakogenomik will zur Entwicklung neuer Medikamente die komplette Genominformation anwenden. Sie versucht zu klären, welche Genunterschiede für den ungleichen Abbau von Wirkstoffen oder deren verschiedene Wirkung verantwortlich sind.

Immer mehr DNA-Banken

„In der Medikamententwicklung gibt es zwei Ansätze: Eine Betrachtung nach vorne mit einer a priori Definition, das heißt, es wird vorab schon versucht, den besonders geeigneten Kandidaten für den Wirkstoff zu finden, oder eine rückwirkende Betrachtung, wo aus einem Datenpool die Informationen gewonnen werden, um z.B. eine Subgruppe zu identifizieren, in der der Wirkstoff möglichst effektiv ist. Beides sind plausible Wege, um ein möglichst wirksames Medikament zu entwickeln. Derzeit wird fast ausschließlich der zweite Weg gewählt. Aber die DNA-Banken bei den pharmazeutischen Firmen nehmen zu und DNA wird mehr und mehr aus klinischen Prüfungen gesammelt, um nicht nur für den aktuellen Wirkstoff eine Indikation zu finden, sondern auch um für zukünftige Medikamentenentwicklungen einen entsprechenden Pool beisammen zu haben“, erklärt Prof. Dr. Michael Wolzt, Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie, Medizinische Universität Wien, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Gentests vor der Therapie

Alle großen pharmazeutischen Firmen forschen bereits im Bereich der Pharmakogenetik. Die Anzahl der Einreichungen bei der amerikanischen Zulassungsbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) und der in Europa zuständigen „European Agency for the Evaluation of Medicinal Products“ (EMEA) nehmen stetig zu. Erste Medikamente, bei denen eine pharmakogenetische Typisierung der Patienten vor der Verabreichung empfohlen wird, sind auf dem Markt. Wolzt: „Wir wissen heute, dass es z.B. bei manchen Tumorerkrankungen aufgrund der genetischen Grundlage der Zellen ein höheres Risiko für ein Rezidiv gibt. Für diese genetischen Besonderheiten stehen uns heute maßgeschneiderte Therapien zu Verfügung. Seit mehreren Jahren ist Trastuzumab (Herceptin®) in klinischer Prüfung. Es wird bei Brustkrebspatientinnen gegeben, bei denen diese Krebsart als besonders bösartig identifiziert werden konnte. Eben weil ein Gen, das HER2, von diesen Tumoren exprimiert wird. Dieses spezifische Mittel wird nur bei dieser genetischen Besonderheit eingesetzt.“

Gezielte Asthmatherapie

Der Internist berichtet noch von einem anderen Beispiel, das zeigt, dass Medikamente auf den genetischen Background maßgeschneidert werden können: „Nicht alle Patienten, die an Asthma leiden und Inhalatoren verwenden, sprechen gleich darauf an. Es gibt Asthmatiker, die auf Grund ihres genetischen Hintergrunds eine Art paradoxe Reaktion entwickeln. Ihre Beta-Rezeptoren unterliegen einem bestimmten Genotyp. Diese Patienten reagieren auf die Inhalation von Betamimetika mit einer Reduktion des Airflows, also der Luftmenge, die sie maximal in einer gewissen Zeit exspirieren können. Das wurde letztes Jahr erstmalig im Lancet publiziert, und die Kollegen konnten ganz deutlich zeigen, dass genetisch determinierte Personen auf dieses Medikament schlechter als alle anderen reagieren. Das heißt, wir können durch einen genetischen Test sowohl Wirkung als auch Nebenwirkung genau vorhersagen, und das ist ja das Ziel einer maßgeschneiderten Therapie. Diese Arbeit war die erste, in der versucht wurde, auf Grund der genetischen Information eine prospektive Studie für das Ansprechen auf ein Medikament zu planen.“ Aber Genanalytik ist aufwändig, teuer, und einfache prognostische Test sind noch nicht vorhanden. Die Medizintechnikrevolutionen haben mittlerweile allerdings so kurze Zyklen angenommen, dass Wolzt nicht überrascht wäre, wenn innerhalb der nächsten fünf Jahre so ein Test tatsächlich am Markt wäre.

Problem ACE-Hemmer

Die Auswertung der großen ALLHAT-Studie (Antihypertensive and Lipid-Lowering Treatment to Prevent Heart Attack Trial) zeigte unter anderem, dass bei Farbigen ACE-Hemmer den Blutdruck weniger senkten. „Die ACE-Hemmer sind in dieser Beziehung noch sehr umstritten. Es gibt zwei Allele, von denen schon sehr lange vermutet wird, dass Menschen, die das Allel insertiert haben, sich von denen, die es deliert haben, im Ansprechen auf ACE-Hemmer unterscheiden könnten. In großen Studien gibt es aber nur sehr schwache Hinweise darauf. Das Thema ACE-Hemmer ist in dieser Hinsicht noch nicht abgeschlossen, da sind noch Studien im Gang“, so der Experte. „Bei den Statinen läuft derzeit in Europa ein Projekt, an dem auch unsere Klinik beteiligt ist, um Personen zu identifizieren, deren genetischer Hintergrund sie für schwere Nebenwirkungen prädisponiert. Das ist eine Folge der Cerivastatin-Ereignisse, wo sich herausstellte, dass es Patienten gibt, die sehr empfindlich auf diesen Wirkstoff reagieren“, berichtet Wolzt.

Rezept nach Hautfarbe?

Ende Juni erteilte die FDA der fixen Kombination aus zwei gefäßerweiternden Mitteln, Isosorbiddinitrat und Hydralazin, (BiDil®), als erstem Medikament die Zulassung für eine bestimmte Indikation nur bei einer selektierten ethnischen Gruppe, nämlich für Herzinsuffizienz-Patienten, die sich selbst als Afroamerikaner bezeichnen. Das löste in den USA heftige Diskussionen vor allem unter Wissenschaftlern aus, da es als „rassistisches Medikament“ für viele Schlagzeilen sorgte. Wolzt: „Die Bezeichnung rassistisch ist sicher überzogen. Die Zulassung ergab sich nach großen Studien aus der Überlegung, diejenigen Patienten herauszufiltern, die am meisten von dem Medikament profitieren könnten. In der Entwicklung dieses Medikaments, das schon sehr lange in einem klinischen Programm steht, hat sich gezeigt, dass Schwarze von dieser Medikation besonders profitieren.“
Das Problem an dieser Diskussion war, dass die Zuordnung Schwarz oder Nicht-Schwarz eine selbst determinierte war. „Der Patient konnte selber sagen: ,Ich bin schwarz und deswegen nehme ich dieses Medikament‘ – oder nicht. Außerdem ist der Link zwischen dem Pigment der Haut und der Wirkung des Medikaments nicht schlüssig. Der Zusammenhang mit der Hautfarbe ist extrem schwach und wissenschaftlich anzuzweifeln. Aber es ist der erste Versuch, ein maßgeschneidertes Medikament für eine ethnische Gruppe zu generieren, allerdings aus de Überlegung heraus, dass man es nicht geschafft hat, das Medikament für die Gesamtpopulation durchzubekommen“, so der Internist.

Positiv- statt Negativliste

Das könnte den Ausschlag geben, zukünftig Medikamente, die gezeigt haben, dass sie nicht bei allen Patienten, sondern nur bei einer bestimmten Subgruppe wirken, die Zulassung nur für diese bestimmte Gruppe erhalten. „So wie wir bisher eine Negativliste hatten, das heißt ein Medikament darf z.B. ein Patient mit Nierenfunktionsstörungen über einem bestimmten Kreatininwert nicht bekommen, kann es umgekehrt so werden, dass Medikamente nur bei Patienten mit dieser oder jener Konstellation zugelassen werden. Machen wir uns nichts vor, auch jetzt wirkt nicht alles bei allen, oder manchmal überwiegen die Nebenwirkungen “ meint Wolzt.

Schöne Aussichten

Die pharmakogenetischen Erkenntnisse schreiten sehr zügig voran und das lässt den Experten hoffen: „Möglich ist, dass innerhalb der nächsten 30 Jahre ein einfacher Test dem Arzt sagen kann, ja dieses Medikament wird helfen, ohne dass es der Patient wie jetzt zuerst sechs Monate schlucken muss, und dann erst die Laborkontrolle zeigt ob es wirkt oder nicht.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben