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Allgemeinmedizin 3. November 2005

Sex und Gender in der Allgemeinpraxis

Viele „Gender“-Aspekte sind aus der Epidemiologie und Klinik geläufig, doch soll anhand der folgenden zusammenfassenden Darstellung der unterschiedlichsten Gesichtspunkte ein differenzierter Zugang erleichtert werden. Studienbelegt bestehen signifikante Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Individuen, die sowohl in das Diagnose- als auch Therapiekonzept einfließen sollten..

Zur Definition von Gender lässt sich der Begriffskontext Sex und Gender auf einem Kontinuum vom biologischen bis hin zum sozialen Geschlecht veranschaulichen. Diese Vorstellung soll auch den fließenden Übergang beziehungsweise die ineinandergreifenden Zuordnungen verdeutlichen. Das soziale Geschlecht, gender, wird auch als sexuelle Einordnung und Rollenzuweisung durch die Umwelt (auch in juristischer Hinsicht) verstanden. Über das biologische Geschlecht, sex, ist die biologische Ausrichtung aufgrund der Chromosomen, Reproduktionsorgane und deren Funktion definiert. 2001 legten die Institutes of Medicine, Washington, einen Bericht mit dem Titel „Exploring the biological contributions: Does sex matter?“ vor. Drei thematische Schwerpunkte werden definiert:

  • In der biomedizinischen und gesundheitsbezogenen Forschung sollen sowohl das Studiendesign als auch die Datenanalyse auf das Geschlecht eingehen.
  • Die geschlechtsspezifische Forschung entwickelt sich zur etablierten Wissenschaft.
  • Barrieren, die eine geschlechts-spezifische Forschung in Bezug auf Gesundheit und Krankheit darstellen, müssen überwunden werden.

Für Allgemeinmedizin relevant Die in Österreich erhobenen Daten weisen geschlechtsspezifisches Verhalten auf. Die Inanspruchnahme zum Beispiel medizinischer Leistungen ist zugunsten der Frauen verschoben, ab dem zwanzigsten Lebensjahr suchen besonders Frauen in auffallend zunehmender Häufigkeit die Hausarztpraxis auf. Die Auswertung der dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherung zur Verfügung stehenden Untersuchungen belegt, dass Frauen eher das Angebot der Gesundenuntersuchung in Anspruch nehmen als Männer, (Frauen 60 : 40 Männer). Als genereller Trend jedoch kann eine zunehmende Akzeptanz bei beiden Geschlechtern festgestellt werden.

„Zivilisationskrankheiten“

Untersuchungen an der österreichischen Bevölkerung zeigen signifikante Unterschiede in der Ge-schlechtsverteilung bei Übergewichtigkeit. Männer liegen mit ihrem Körpergewicht häufiger über den Normwerten als Frauen, besonders ausgeprägt tritt dieses Verteilungsmuster in der Lebensmitte auf. Der Analyse zufolge nimmt der Bildungsstatus positiven Einfluss auf ein physiologisches Gewicht.

Bei den typischen „Wohlstands Erkrankungen“ liegen Männer, was die Häufigkeit betrifft, im Spitzenfeld. Bei zwölf Prozent aller Untersuchten wurden erhöhte Blutdruckwerte festgestellt, ein Großteil der Betroffenen war männlich. Auch Fettstoffwechselstörungen sowie Leberzellschäden, die bis zu 90 Prozent äthylischer Genese sind, werden bei Frauen seltener angetroffen. Ähnlich verhält es sich auch mit der aus Hyperurikämie resultierenden Gichtsymptomatik. In dieser Entität ist das männliche Geschlecht in der Allgemeinpraxis ebenfalls deutlich häufiger vertreten als Frauen. Eine Hörstörung, als Beispiel für körperliche Funktionseinbuße, scheint eine weitere, „typisch“ männliche Erkrankung zu sein, was möglicherweise am Arbeitskontext liegen mag. Bei Frauen hingegen wurden häufiger Erkrankungen des blutbildenden Systems, zum Beispiel Anämien, oder auch Vergrößerungen der Schilddrüse diagnostiziert.

Die Folgerungen und Konsequenzen aus dieser Datenlage sollten eine vermehrte Motivation zur Nutzung der Vorsorgeuntersuchung sein, besonders Männer sollten hier verstärkt angesprochen werden. Einzubeziehen sind in den Bereich der Vorsorge der geschlechtsspezifische Unterschied bei den häufigsten Krankheiten. Sinnvoll wäre es weiter, wenn die Allgemeinmediziner das Angebot von Begleitprogrammen, wie etwa Ernährungs- und Bewegungsberatung, die im Rahmen von Konsultationen vorgenommen werden können, forciert anzubieten beziehungsweise in das Leistungsspektrum aufzunehmen.

Wenn’s weh tut

Einer der häufigsten Gründe, weswegen der Hausarzt konsultiert wird, ist Schmerz. Frauen haben nachgewiesenermaßen eine niedrigere Schmerzschwelle als Männer und zusätzlich eine unterschiedliche Schmerzwahrnehmung. Während Frauen, die unter Schmerzen leiden, diese spontan artikulieren, sollten Männer eher gezielt auf Schmerzsensationen angesprochen werden, da sie diese seltener von sich aus äußern. Was den Familienkontext betrifft, so ist es evident, dass unterschiedliche Belastungssituationen und lebensbeeinflussende Faktoren bestehen. In den meisten westeuropäischen Gesellschaftsstrukturen sind es immer noch vorwiegend die Frauen, die mit der Betreuung und Versorgung der Kinder und älteren Familienmitglieder betraut sind. Daraus erwächst dem engagierten Allgemeinmediziner eine weitere Aufgabe. Es liegt in der hausärztlichen Versorgung auch der Auftrag, auf die Gefahr der Überbelastung möglichst rechtzeitig aufmerksam zu machen beziehungsweise erste Anzeichen dafür möglichst frühzeitig wahrzunehmen und zu reagieren. Was auf den Behandlungs- und Gesprächsverlauf zwischen PatientIn und Allgemeinarzt/ärztin Einfluss zu nehmen scheint, ist die Tatsache, ob auf Behandlerseite eine Frau oder ein Mann stehen. Unterschiede, sowohl was das Kommunikations- als auch das Untersuchungsverhalten betrifft, wurden in neueren Untersuchungen herausgearbeitet. Auch die professionellen Helferinnen und Helfer sind, was Rollenverhalten und -bilder betrifft, nicht abstinent und sollten sich dieser Tatsache bewusst sein.

Kommunikationsmuster

Frauen bringen von vornherein ein „besseres“ Kommunikationsverhalten mit. Zumeist werden auch aus eben diesem Grund, von geschlechtsspezifischen Krankheiten abgesehen, Ärztinnen von Patient-Innen gezielt aufgesucht. Der Informationsgewinn in biomedizinischer Hinsicht scheint jedoch geschlechtsunabhängig ausgeglichen zu sein. Zusätzlich gibt es auch Hinweise, dass sich ÄrztInnen bei geschlechtsbezogenen Gesundheitsproblemen beim eigenen Geschlecht kompetenter fühlen. Diesen Beobachtungen entsprechend wählen Patientinnen ihre Ärztinnen bei geschlechtsbezogenen Fragen. Aus der Arbeit in Balintgruppen ist bekannt, dass geschlechtsspezifisches Untersuchungsverhalten auch für erfahrene ÄrztInnen eine Reflexion wert ist. Bei Patienten des anderen Geschlechtes sollte verstärkt darauf geachtet werden, dass Hemmungen, sei es auf PatientInnen- oder ÄrztInnenseite, dazu führen können, wichtige Untersuchungen zu unterlassen. Die eigene Geschichte fließt immer, mehr oder minder reflektiert, in die ärztliche Haltung und Handlung ein. Wesentliche Vorraussetzung für eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung ist der bewusste Umgang mit der Tatsache, dass keine Begegnung frei von Erotik ist. Hinzu kommt, dass sowohl PatientInnen als auch ÄrztInnen Schamgefühle haben, die optimalerweise ganz selbstverständlich respektiert werden sollten. Grundsätzlich aber ist die Bemühung, die ärztliche Konsultation von jeglichen, wie auch immer gearteten, sexuellen Implikationen frei zu halten, zu fördern.

„Family Doctor“

In der allgemeinärztlichen Praxis erfolgt häufig die Betreuung sämtlicher Familienmitglieder. Hier stellt das Aufrechterhalten von Objektivität und Äquidistanz zu allen versorgten Familienmitgliedern eine wesentliche Rolle. Die pathogene Potenz von Rollenzuordnung zu erkennen, erfordert von jedem behandelnden Arzt/Ärztin entsprechendes Reflexionsvermögen. Zusätzlich bedarf es auch guter Kenntnisse der eigenen Rollenerwartungen, um Voreingenommenheiten zu vermeiden. Als klassische Beispiele seien die unbewusste Parteinahme für oder gegen ausbrechende Ehepartner, Aggressionen gegen gewalttätige Ehemänner erwähnt.

Dauerbelastung

Chronische Krankheiten bringen im Regelfall eine Reihe von gravierenden Veränderungen mit sich. Neben der häufig per se schon einschränkenden Erkrankung kommen noch Einbußen in den Alltagskompetenzen hinzu. Daraus resultiert eine reale Machtverschiebung, auch in der Beziehung zwischen Patient-In und Arzt/Ärztin. Ärztinnen könnten Gefahr laufen, männliche Hilflosigkeit und Abhängigkeit auszublenden, weil sie damit eventuell schlecht umgehen können. Männlichen Kollegen hingegen scheint es Schwierigkeiten zu bereiten, häufig tabuisierte Themen wie zum Beispiel Angst, Hilflosigkeit, Machtverlust anzusprechen.

Zusammengefasst aus:
anita rieder, brigitte lohff (hrsg)
gender medizin
geschlechtsspezifische aspekte
für die klinische praxis, Springer Verlag

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