zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 20. Oktober 2005

Erste Hilfe in der schönsten Jahreszeit

Mit den Sonnentagen steigt auch die Zahl der Unfälle und Verletzungen deutlich an. Typisch für Sommersportarten wie Ballspiele, Radfahren oder Skaten sind vor allem Verletzungen der Hand- und Fußgelenke. Die häufigsten Opfer von Badeunfällen werden Kleinkinder unter fünf Jahren. Beim Grillen kommt es zu Verbrennungen, die, solange sie oberflächlich sind, meist ambulant behandelt werden können. Auch die Häufigkeit von Hundebissen nimmt im Sommer zu.

Jährlich werden in Österreich rund 831.000 Menschen bei Unfällen verletzt, davon ereignen sich 72 Prozent im Haushalt, in der Freizeit und beim Sport (siehe Tabelle 1).

„PECH“ gehabt

Bei Verletzungen der Hand-, Fuß- und Sprunggelenke kommt es neben der Erstbehandlung vor allem auf die Indikationsstellung zur Röntgendiagnostik an. Für jede Sportverletzung gilt: Zunächst „PECH“ gehabt (das heißt: Pausieren, Eisauflage auf Schwellung, Compression mit elastischer Binde und Hochlagerung). Die häufigste Fußverletzung ist die klassische Sprunggelenksverstauchung infolge eines Suppinationstraumas des oberen Sprunggelenks. Typischerweise entsteht ein umschriebener Druckschmerz mit oder ohne Schwellung im Bereich des Ligamentum fibulotalare anterius.

 detail

Zuverlässige Regeln

Für die Indikationsfindung zum Röntgen und zur Einschätzung der Verletzungsschwere haben sich die „Ottawa-Regeln“ als zuverlässig erwiesen (siehe Kasten). Nach dem klinischen oder radiologischen Frakturausschluss werden zur weiteren Therapie neben Hochlagerung über Leistenniveau und NSAR immer die früh-funktionellen Übungen empfohlen. Verbände wie Tapes oder Schienen führen zu kürzerer Krankheitsdauer und höherer nachfolgender Stabilität. Der Therapiefortschritt sollte mindestens wöchentlich ärztlich kontrolliert werden. Einfache Handgelenksprellungen ziehen selten mehr als 10 Prozent Bewegungseinschränkung nach sich und die Schwellung ist meist nur mäßig. Unter kurzzeitiger Immobilisation, Kühlung, Hochlagerung und anschließend sanfter passiver Extensionsdehnung sollten die Beschwerden nach zwei Wochen verschwunden sein.

 detail

Beweglichkeit beurteilen

Eine mittelgradige Bewegungseinschränkung von bis zu 20 Prozent in Flexion und Extension spricht für eine Knorpelfraktur. Hochgradige Bewegungseinschränkungen von 50 Prozent und mehr sind bei Radius- und Kahnbeinfrakturen sowie perilunären Luxationen zu finden. Jede akute posttraumatische Einschränkung der aktiven Handgelenksflexion und -extension über 10 Prozent, ungewöhnlich starke Schwellung, insbesondere des Handrückens, oder längerfristige Beschwerdedauer über zwei Wochen sollten radiologisch abgeklärt werden. Bei distalen Radiusfrakturen ist jede aktive Extension extrem schmerzhaft. Der Unterarm wird provisorisch geschient und der Patient in eine Unfallambulanz zur Klärung einer eventuellen Operationsindikation überwiesen.

 detail

Badeunfälle treffen oft Kinder

3.100 Österreicher verletzten sich 2003 so schwer beim Schwimmen, Springen oder Tauchen, dass sie stationär behandelt werden mussten. 1.200 waren davon unter 15 Jahre alt. Am häufigsten sind beim Wassersport Kopf- (38 Prozent) und Beinverletzungen (29 Prozent). In 90 Prozent der Ertrinkungsfälle wird Flüssigkeit eingeatmet, was nachfolgend den Gasaustausch behindert – „nasses Ertrinken“. 10 Prozent ersticken infolge eines Stimmritzenkrampfes, des „trockenen Ertrinkens“. Wird ein „nasser“ Ertrinkungsunfall im Süßwasser überlebt, schädigt es den alveolären Surfactant. Es kommt zum Lungenödem mit nachfolgenden Atelektasen und massiv erhöhter Atemarbeitsbelastung bis hin zum respiratorischen Versagen im „Akuten Respiratorischen Distress Syndrom“ (ARDS). Zusätzlich haben 70 Prozent der beinahe Ertrunkenen Erbrochenes, Algen oder Schlamm aspiriert. Bei der Erstversorgung von Ertrinkensunfällen müssen nach der Bergung des Opfers die Vitalzeichen kontrolliert werden. Der Puls kann bei hypothermen Patienten aufgrund von Sinusbradykardie oder Bradyarrhythmie schwer zu tasten sein, sollte jedoch etwa eine Minute sorgfältig gesucht werden, da solche Rhythmusstörungen zunächst keiner Thoraxkompression bedürfen. Versuche zur externen Wasserentfernung aus dem Thorax z.B. durch Heimlich-Manöver sind nicht wirksam. Besser ist das Absaugen der Atemwege nach Intubation. Wo immer möglich, sollte 100 Prozent Sauerstoff gegeben werden.

 detail

Infektionen durch Bisse

Nach Bissverletzungen entwickelt sich – abhängig von Schweregrad, Abwehrlage und Verschmutzungsgrad – in etwa 10 bis 15 Prozent der Fälle eine lokale Wundinfektion. Dabei sind Bisse von Menschen, Katzen oder Wiederkäuern wesentlich infektionsträchtiger als Hundebisse. Bei der Erstversorgung muss die Bisswunde zunächst ausreichend gespült werden. Röntgendiagnostik ist nur bei tiefen Wunden der Hand sowie des Gesichtes und Kopfes bei Kindern zur Suche nach Frakturen und Fremdkörpern, z.B. Zahnteile, erforderlich. Traditionell wird von der Nahtversorgung von Hundebissverletzungen abgeraten, obwohl neuere Untersuchungen eher für eine primäre Nahtversorgung von Hundebisswunden innerhalb von sechs Stunden sprechen. Ausnahmen sind Hände und punktförmige Verletzungen. Eine Antibiotikaprophylaxe ist nur bei tiefen punktförmigen Verletzungen und Handverletzungen sinnvoll. Wundinfektionen müssen durch Erreger- und Resistenzbestimmungen zielgerichtet mit Antibiotika behandelt werden. Deshalb sollte zur Nachkontrolle der Verbandswechsel nach 24 und 48 Stunden sowie nach fünf Tagen durch den Arzt erfolgen. Auch bei oberflächlichen Bagatellverletzungen muss obligat der Tetanusimpfschutz erfragt und ein Tollwutverdacht abgeklärt werden.

Sonne und Grillen als Übeltäter

Bei kleineren Brandwunden kann mithilfe der Handfläche des Patienten die Flächenausdehnung geschätzt werden. Dabei entspricht die Handfläche einem Prozent der Körperoberfläche (KOF). Jede Verbrennung, die mehr als 10 Prozent der KOF beim Erwachsenen beziehungsweise mehr als fünf Prozent beim Kind oder älteren Menschen betrifft, sollte primär im Spital behandelt werden, ebenso wenn Verdacht auf ein zusätzliches Inhalationstrauma, z.B. nach Verpuffungen, besteht. Bei der Frage nach dem Verbrennungsgrad hilft eine Faustregel: Verbrennungen, die gerötet sind und unter Fingerdruck abblassen, um sich danach wieder mit Blut zu füllen, sind oberflächlich (bis Grad IIa). Wenn allerdings die Fingerdruckprobe nicht zu einer Abblassung führt und nur noch Druckreize die Schmerzempfindung auslösen (ab Grad IIb), sollte der Patient ab einer Wundgröße von drei Zentimeter ins Krankenhaus überwiesen werden. Verbrennungen gelten als „offene Verletzungen“, deshalb ist eine Tetanusimpfung nötig.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben