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Allgemeinmedizin 17. Oktober 2005

Raucherentwöhnung beim Hausarzt

In vielen europäischen Ländern haben Interventionsprogramme mit strukturierter Kommunikation unzählige Raucher zum ersten Schritt motiviert. Erfolgreiche Interventionen bestärken auch den Arzt, das Thema Rauchen gezielt anzusprechen. Er steht dem Patienten mit Informationen, aber auch mit Lob und Anerkennung während des Entwöhnungsprozesses zur Seite.

Zweifelsfrei stellt das Thema Raucherentwöhnung die Arzt-Patient Beziehung auf die Probe. Der erste Impuls ist die größte Hürde. Prak-tische Ärzte und Experten haben deshalb gemeinsam einen Konsensus entworfen, der beim Strukturieren der Intervention helfen soll. „Lästig sein hilft nicht“ stellte Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) anlässlich der Tagung „Integrative Gesundsheitsversorgung 2005“ in Wien fest: „Nur wenn der Patient aufhören will, macht es Sinn, weiter zu sensibilisieren.“ Daten aus europäischen Ländern haben gezeigt, dass die Erfolgsraten einer Raucherentwöhnung ohne professionelle Hilfe gering sind. In Irland konnten 40 Prozenz der rauchenden Patienten durch eine Kurzintervention ihres Hausarztes zu einem Entwöhnungsversuch motiviert werden. „Eine Intervention von etwa drei Minuten reicht aus, die Zahl der Versuche und die Abstinenzrate zu erhöhen“, so Rebhandl. Der neue Konsensus fokussiert die Intervention und nicht die Entwöhnung, die einen viel längeren Prozess darstellt. Ein realistisches Ziel für die erste Phase ist die Einschätzung der Bereitschaft zum Aufhören. „Wenn der Patient Interesse signalisiert, genügt es, einen ersten Impuls zu setzen“, erklärt Rebhandl. Fragen wie „Was müsste passieren, damit Sie über das Aufhören nachdenken?“ oder „Haben Sie schon eine Veränderung versucht?“ können Nachdenkprozesse in Gang setzen. In der nächsten Phase, der Kontemplations- oder „Ja aber-Phase“ gilt es, Vorteile aufzuzeigen und Barrieren abzubauen. Fragen wie „Was könnte Sie vom Aufhören abbringen?“ oder „Was würde Ihnen helfen, durchzuhalten?“ gehören zum Interventionsrepertoire. Wenn sich der Entschluss zum Aufhören gefestigt hat, kann die Entwöhnung gemeinsam mit dem Patienten geplant werden. Dazu müssen der Grad der Nikotinabhängigkeit und die Akzeptanz für medikamentöse Hilfen oder die Zuweisung zu spezialisierten Zentren erhoben werden.

Einen Rückfall nicht als endgültiges Scheitern werten

Zentraler Schritt ist das Vereinbaren eines Stoppdatums. In der Aktionsphase stehen Motivation und Stärkung des Selbstvertrauens im Vordergrund. „Lob und Anerkennung sind in der Rückfallvermeidung von großer Bedeutung“, fügt Rebhandl hinzu. Dennoch: Ein Rückfall ist kein komplettes Scheitern. Die Chance auf Erfolg steigt mit jedem Versuch nachweislich an. Der Arzt kann den rückfälligen Patienten mit positiven Botschaften wie: „Sie haben es 25 Tage geschafft“, zu einem neuen Versuch bewegen. Die Kunst der gezielten Kurzinterventionen könnte in Zukunft auch in anderen Situationen hilfreich sein, wenn Patienten zum Abnehmen oder zu Bewegung motiviert werden müssten. Das Wiener Nikotininstitut bietet seit Jahren ambulante Raucherentwöhnung mit und ohne medikamentöse Therapie an. „Leider werden immer noch zu wenige stark abhängige Patienten zu uns überwiesen“, kritisiert Doz. Dr. Ernest Groman. „In einer Langzeitevaluation waren 95,5% der Patienten und 86,5% der zuweisenden Ärzte mit unserem Betreuungsprogramm zufrieden. Ein bis drei Jahre später waren noch immer 45% der Teilnehmer abstinent.“ Groman weiß, warum Nikotinersatz häufig abgelehnt wird: „Die Sorge, vom Ersatzpräparat abhängig zu werden, ist groß. Darüber hinaus führen aber vor allem die Kosten der Präparate oft zu Ablehnung und Unterdosierung. Falsche oder zu kurze Verwendung von Nikotinpflaster, -Inhalator, -kaugummi und Co. verursachen Therapieversagen und Rückfälle.“ Groman berichtete auch von zwei in Entwicklung befindlichen Wirkstoffen: Rimonabant, das auf den Cannabinoid-Rezeptor im ZNS wirkt, und Varenicline, eine dem Cytisin aus dem Goldregen verwandte Substanz. Derzeit noch in weiter Ferne steht aber die Idee einer Impfung gegen das Rauchen: Antikörper gegen Nikotin haben im Tierversuch Erfolge in der Rückfallsprophylaxe gezeigt.

Quelle: ÖGAM – Integrierte Gesundheitsversorgung 2005, Wien, 2.-4. Juni 2005
Nikotininstitut: www.nicotineinstitute.com

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