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Allgemeinmedizin 7. Oktober 2005

Rückenschmerzen sind oft Sexkiller

Nur wenige sprechen darüber mit ihrem Arzt, doch chronische Rückenschmerzen können die Partnerschaft arg belasten. Eine am Wiener AKH durchgeführte Studie zeigt, dass die Pein im Kreuz die Lust an heißen Liebesnächten vergällt und damit zu echten Beziehungskrisen führen kann.

„Wir waren immer wieder erstaunt, wie dramatisch chronischer Schmerz in das ganze Leben und vor allem in die Sexualität eingreift“, schildert Dr. Renate Barker von der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin am Wiener AKH ihre Intention zu einer Studie über Sexualleben und Rückenschmerzen. 1.000 Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die seit rund acht Monaten an einem LWS-Syndrom litten, wurden von ihr nach den Auswirkungen der Beschwerden auf ihr Liebesleben befragt. Parallel führte Barkers Kollege Dr. Daniel Lahner die gleiche Befragung mit 1.000 Männern mit demselben Krankheitsbild durch. „Sex ist immer noch ein peinliches Thema, das die meisten nicht einmal mit ihrem Partner besprechen“, weiß Barker aus ihrer Erfahrung im Umgang mit Patienten, „und äußerst selten mit dem behandelnden Arzt“. Die Studienteilnehmer, die alle noch keine Therapie erhalten hatten, wurden deshalb gebeten, Fragen etwa nach ihrer bevorzugten Stellung in den letzten Monaten oder nach Orgasmusproblemen anonym auf dem Computer zu beantworten.

Beredtes Schweigen

Dass das Schweigen über das Tabu-Thema äußerst beredt ist, zeigte sich in den Auswertungen, die Barker und Lahner gemeinsam mit Prof. Dr. Alexander Kober und Prof. Dr. Michael Zimpfer, Vorstand der Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin am AKH Wien, beim 11. Welt-Schmerz-Kongress Ende August in Sydney vorstellten: So gaben 23 Prozent der männlichen Studienteilnehmer, die vor dem Auftreten ihrer Kreuzschmerzen keinerlei Schwierigkeiten mit der Standfestigkeit gehabt hatten, Erektionsprobleme an, 81 Prozent klagten über deutlich weniger Lust an der Lust, 72 Prozent hatten Mühe, zum Orgasmus zu kommen. Ganze 92 Prozent bekannten, dass sie mit ihren Partnerinnen nicht über die Ursachen der Lustlosigkeit sprachen, immerhin 14 Prozent hatten sich ein Herz gefasst und das Thema mit dem Arzt ihres Vertrauens diskutiert. Bei den Frauen ist die Lage nicht weniger prekär. Bei 91 Prozent dämpft die Wirbelsäulenpein das Interesse an heißen Liebesnächten nachhaltig, 72 Prozent kamen nur schwer zum Höhepunkt, bloß vier Prozent hatten darüber ein Gespräch mit ihrem Hausarzt, und gar nur zwei Prozent schnitten den Grund für die Unlust am heimischen Herd an.

Bürde Doppelbelastung

„Beziehungskrisen sind damit programmiert“, fürchtet Barker im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Wenn das Gehen zu einem quälenden Marathon wird, beim Bücken der Schmerz wie ein elektrischer Schlag durch den Körper jagt, „wirft einen das aus der Bahn“. Zwar sind chronische Rückenschmerzen die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Doch aufgrund der verschärften Arbeitsmarktsituation schleppen sich viele trotz gemartertem Kreuz zum Job, Frauen leiden noch unter der buchstäblichen Bürde der Doppelbelastung und wollen abends „nur Ruhe. Die Partnerschaft bleibt dann auf der Strecke“, so Barker. Für den behandelnden Arzt gilt es nicht nur, eine Therapie zu finden, die möglichst rasch anspricht, sondern auch, Vertrauen aufzubauen. Dann können bei Kontrollterminen laut Barker auch verstärkt mögliche Probleme im Sexualleben der Patienten angesprochen werden. „Wichtig ist“, betont die Schmerzexpertin, „den Menschen zu behandeln, der Schmerzen hat, und nicht nur den Schmerz.“

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