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Allgemeinmedizin 5. Oktober 2005

Lehrpraxen: Ein Modell mit Zukunft?

Obwohl unumstritten ist, dass angehende Allgemeinmediziner bei niedergelassenen Ärzten lernen sollten, sind die Lehrpraxen in Österreich ungeliebte Kinder. ­Eine Reform tut dringend Not.

Dr. Michael Wendler hat eine Leidenschaft. Seit 15 Jahren bildet der Grazer Allgemeinmediziner Lehrpraktikanten aus. Die Gehälter der meisten hat er aus seiner eigenen Tasche bezahlt. Die Fördertöpfe waren nämlich bei Antragstellung zumeist schon leer. Auch von der Ärztekammer hat er all die Jahre Unterstützung vermisst. Sein Frust wurde immer größer. Beim Grazer Kongress für Allgemeinmedizin im vergangenen Herbst stand er drei Tage lang an einem Info-Stand, um auf das Problem der Lehrpraxen aufmerksam zu machen. Dabei sammelte er 180 Unterschriften für eine Petition. Diese überreichte er in der Vorwoche dem Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer, Dr. Reiner Brettenthaler. Eine weitere Unterschriftenliste harrt in seiner Aktentasche bereits der Übergabe an die Gesundheitsministerin.„Meine Erfahrungen an dem Info-Stand waren geradezu erschütternd“, erzählt Wendler. „Überall herrscht Frust. Die Lehrpraxisleiter fühlen sich mit einem hohen persönlichen Risiko von der Standesvertretung im Regen stehen gelassen. Sie bekommen weder die geringste Motivation noch ideelle oder sonstige Unterstützung.“ In einem Bundesland, so habe ihm eine Kollege geschildert, sei nicht einmal das Förderansuchen angenommen worden. Dabei, so meint Wendler, hätte die Ärztekammer viele Möglichkeiten, auch unter den gegebenen Rahmenbedingungen die Lehrpraxen zu fördern, zum Beispiel durch gute Informations- und Serviceangebote, transparente Richtlinien für die Vergabe der Förderungen, eine Jobbörse und die „Honorierung“ der Ausbildungstätigkeit mit Fortbildungspunkten. Hauptknackpunkt ist aber natürlich das Geld. Lehrpraktikanten erhalten vom Lehrpraxisleiter 1.090,09 Euro brutto im Monat. Die Förderung des Ministeriums beträgt pro Praktikumsplatz 1.344,45 Euro. Innerhalb der letzten zehn Jahre sei das Fördervolumen von mehr als 24 Millionen Schilling (1,7 Mio. Euro) nahezu halbiert worden, sagt Dr. Ilse Hellemann, Allgemeinmedizinerin aus Graz. Im Jahr 2005 wurden vom Ministerium österreichweit Förderungen für 110 Lehrpraxen bewilligt (siehe Kasten oben).

Das ist weit weniger als der

Bedarf. „In der Steiermark werden pro Jahr etwa 30 Lehrpraktikanten ausgebildet, von denen 18 Förderungen erhalten“, sagt Wendler. „Die anderen müssen wir aus der eigenen Tasche bezahlen.“ Er ist überzeugt: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden, wäre die Nachfrage noch viel größer. In der Petition, die er in wenigen Wochen der Gesundheitsministerin überreichen möchte, wird unter anderem auch eine deutliche Erhöhung der finanziellen Mittel gefordert. Auch Ärztekammerpräsident Brettenthaler meinte gegenüber der Österreichischen Ärztezeitung, dass man über die Finanzierung „mit Sicherheit“ nachdenken müsse. „Der Reformpool, der im Rahmen der Bundesgesundheitsagenturen geschaffen wurde, lässt sich hier als mögliche Finanzierungsquelle anzapfen.“

Ärztekammer „zugeknöpft“

Ansonsten gibt man sich in der Kammer derzeit zu diesem Thema sehr zugeknöpft. Es seien einige Projekte in Vorbereitung, die aber erst in den kommenden Wochen in den Gremien beschlossen werden müssen, lässt der steirische Kammerpräsident Dr. Dietmar Bayer, der seit kurzem das Referat für Lehrpraxen in der Österreichischen Ärztekammer leitet, über seinen Pressesprecher ausrichten. Eine wesentliche Rolle dürfte dabei die geplante Novelle der Ausbildungsordnung sein. Innerhalb der Ärztekammer hat man sich darauf geeinigt, den Facharzt für Allgemeinmedizin mit einer entsprechend verlängerten Ausbildungszeit und einer 18-monatigen verpflichtenden Lehrpraxis nach der Approbation einzuführen. Dies würde eine völlige Neuordnung der bisherigen Vorgangsweise erfordern. Aus dem Gesundheitsministerium gibt es verhaltene Reaktionen. In der Version der neuen Ausbildungsordnung, die im Jänner zur Begutachtung ausgeschickt wurde, findet sich nur ein vager Hinweis auf die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin. „Aber jeder weiß, dass man aus verschie­densten Gründen nicht drum herum kommen wird“, sagt Dr. Reinhold Glehr, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM). Er hielte es für sinnvoll, den Facharzt für Allgemeinmedizin spätestens in zwei Jahren einzuführen, da zu diesem Zeitpunkt die ersten Studenten nach dem neuen Curriculum promovieren werden.

Von Praktikanten lernen

Außer Streit steht, dass Lehrpraxen ein wichtiger Baustein einer hochqualitativen und praxisnahen Ausbildung für die Basisversorgung sind. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt. Bisher war es aber ein harter Brocken. „Manchmal fragen mich Kollegen, warum ich mir das antue“, sagt Wendler im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Die Antwort sei einfach: Für ihn ist die Lehrpraxistätigkeit einfach eine Bereicherung. „Ich habe von meinen Praktikanten viel gelernt. Die Lehrassistenten bringen die neuesten Erkenntnisse von der Klinik. Gemeinsam können wir sie dann an die Möglichkeiten der allgemeinmedizinischen Praxis anpassen.“

Auch die Kontakte zu den um liegenden Spitälern und zur Klinik hätten sich verbessert, weil einige seiner „Schützlinge“ dorthin zurückgekehrt sind. Natürlich seien die Lehrpraktikanten auch eine wertvolle Unterstützung bei der Bewältigung der Zusatzarbeiten und des Zettelkrams. Und sie hätten noch einen weiteren großen Vorteil: „Turnusärzte mit Lehr-praxiserfahrung sind die einzigen Mediziner, die wirklich beide Seiten – intra- und extramural – kennen“, sagt Wendler. Eigentlich sollte dieses Know-how auch der Sozialversicherung etwas wert sein. „Denn nur wer auch ‚draußen‘ Erfahrungen gesammelt hat, weiß z.B. über Generika Bescheid und wie hoch die Kosten einzelner Untersuchungen und Therapien tatsächlich sind.“

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 11/2005

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