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Allgemeinmedizin 31. August 2005

Balanceakt Palliativmedizin

Ein großer Teil der Schwerstkranken und Sterbenden wünscht sich, zu Hause in einer gewohnten Umgebung zu sterben. Sie wollen noch Anteil am „normalen“ Leben haben und nicht außerhalb dessen in einem Krankenhaus mit unpersönlicher Pflege und anonymer Atmosphäre ihren letzten Atemzug tun. In einer neunteiligen Serie bieten wir einen Überblick über viele Aspekte der Palliativmedizin. Diese reichen von ethischen Überlegungen bis hin zu praktischen Anleitungen und konkreten Problemlösungsansätzen.

Die Palliativmedizin ist die älteste medizinische Disziplin, denn früher gab es bei fast keiner Erkrankung einen kurativen Ansatz. Neu sind die medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte in der Schmerztherapie, Symptomkontrolle und den Erkenntnissen von elementaren Bedürfnissen Schwerstkranker und Sterbender. Wiederentdeckt wurden Kommunikation, Ethik, Mitmenschlichkeit, Teamarbeit und der Mensch in seiner ganzheitlichen Dimension. Gute Palliativmedizin und Hospizarbeit erfordert menschliche und fachliche Kompetenz sowie eine multidisziplinäre Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen. Die Patienten brauchen Pflege, Verständnis, physische und psychische Anregung, Seelsorge, ärztliche Präsenz und Behandlung, Nähe und Distanz. Die Patientengruppen in der Palliativmedizin weisen drei besondere Merkmale auf: Sie bilden insgesamt die größte aller Patientengruppen (jeder Mensch muss sterben). Menschenwürdiges Sterben ist für die meisten Menschen ein sehr wichtiges Thema. Schwerkranke und Sterbende sind sehr schwach und sehr verletzbar.

Ärztliche Pflichten bei ­Sterbenden

Die Unterrichtung des Sterbenden über seinen Zustand und die vorgesehenen Maßnahmen muss wahrheitsgemäß sein, sie soll sich aber an der Situation des Moribunden orientieren. Die Basishilfe für Sterbende umfasst Zuwendung, Körperpflege, Schmerzlinderung, Freihalten der Atemwege, Flüssigkeitszufuhr und natürliche Ernährung. Der Arzt soll Kranken, die eine notwendige Behandlung ablehnen, helfen, die Entscheidung zu überdenken. Der mutmaßliche Wille des Patienten ist aus den Gesamtumständen zu ermitteln, eine besondere Bedeutung kommt hierbei dem Patiententestament, einer im Vorfeld der Krankheit verfassten Verfügung, zu. Allerdings sollte der Arzt daran denken, dass solche Willensäußerungen in der Regel in gesunden Tagen auf Grund anderer Einsicht verfasst wurden, und dass Hoffnung oftmals in ausweglos erscheinenden Lagen wächst. Das Gesamtkonzept der Palliativmedizin beinhaltet eine exzellente Schmerz- und Symptomkontrolle (Mittelpunkt der Therapie), eine Integration der psychischen, sozialen und seelsorgerischen Bedürfnisse der Patienten, der Angehörigen und des Behandlungsteams sowohl bei der Krankheit als auch beim Sterben und in der Zeit danach, eine Akzeptanz des Todes als ein Teil des Lebens (Absage an die aktive Sterbehilfe) sowie eine Kompetenz in Kommunikation und Ethik (offene und wahrhaftige Gespräche).

Intensive Auseinandersetzung mit allen Beteiligten

Die Ethik (allgemeingültige philosophische Ergründung des Wesens von Gut und Böse) der Palliativmedizin ist immer durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Alltagsleben gekennzeichnet. Dabei geht es um alle Beteiligten:

  • Die Patienten haben bei fortschreitender Krankheit die ihnen verbleibende Zeit zu gestalten.
  • Die Angehörigen der Patienten, denen eine gravierende Lebenswende bevorsteht.
  • All jene Berufsgruppen, die es sich zur Aufgabe gesetzt haben, schwerkranke Patienten zu betreuen und zu behandeln.
  • Den Arzt, der immer wieder mit der bedrückenden Tatsache konfrontiert wird, dass ein Patient nicht geheilt werden kann und in seiner Gegenwart eine schwere Zeit durchlebt.

Entscheidungen in der Palliativmedizin werden zwischen den Extrempunkten der Autonomie des Patienten und des Paternalismus des Arztes getroffen. Deshalb entstehen bei schwierigen klinischen Entscheidungen immer die Fragen: „Welche Wertvorstellung soll bei der Entscheidung eine Rolle spielen?“ und „Wer soll entscheiden, welche Wertvorstellung zu Grunde liegen soll?“ Die Autonomie des Patienten besitzt dabei höchste Priorität.

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