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Allgemeinmedizin 31. August 2005

Wenige können ihr Sterben akzeptieren

Ein fertiges Rezept für eine optimale Betreuung von schwerstkranken und sterbenden Menschen kann es nicht geben. Im Handlungsablauf der Pflege sollten jedoch wichtige Punkte beachtet werden, die die jeweilige Situation des Patienten sowie deren Angehörigen erleichtern. Dieser Umgang mit dem Sterbenden erfordert von allen Beteiligten empathisches Engagement und großes Einfühlungsvermögen.

Das zentrale Thema von Schwerstkranken und Sterbenden (Engelke, 1980) ist ihr akutes Erleben, beispielsweise von Schmerzen (90 Prozent der Patienten). Rund 90 Prozent der Sterbenden wissen um ihre tödliche Bedrohung und erwähnen sie auch, aber nur zwei Prozent akzeptieren ihr Sterben. 78 Prozent bewältigen die tödliche Bedrohung, indem sie die Gefahr relativieren, minimalisieren oder sich davon distanzieren. Auch die Frage nach dem Warum, die jeder dritte Sterbende stellt, oder die Frage nach dem Sinn vom Sterben (46 Prozent) verstärkt oft die Hilflosigkeit von Helfern und die Aggression der Betroffenen. Viele Sterbende liegen im Grundkonflikt mit sich selbst.

Ungleichgewicht von Angst und Hoffnung

Die Ambivalenz von Gefühlen, das Ungleichgewicht von Angst und Hoffnung, Leben und Tod und das Bewusstsein der Ausweglosigkeit führen häufig zu stellvertretend geführten Auseinandersetzungen mit den an der Pflege Beteiligten. 63 Prozent der Sterbenden wünschen sich in ihrer Schwäche und Angst verstanden zu werden. Umgekehrt scheinen nur etwa 20 Prozent der Patienten in der Lage zu sein, sich noch für die Situation von Angehörigen und Freunden zu interessieren und deren Kummer und Sorgen zu teilen. Die Pflege von schwerstkranken und sterbenden Menschen will deren Angehörige und Freunde bewusst ansprechen und, sofern vom Patienten gewünscht, in die Betreuung mit einbeziehen. Eine geteilte Betreuung muss allerdings gut geplant, kontinuierlich beobachtet und reflektiert werden. In der Betreuung von pflegenden Angehörigen und Freunden sind deshalb seitens der Fachkräfte folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • Rollen müssen klar definiert sein. Angehörige und Freunde sind primäre Bezugspersonen und emotionale Stütze. Ihre Mitarbeit bei Pflegemaßnahmen erfolgt freiwillig.
  • Zeichen der Überforderung sind zu beachten und Betroffene darauf anzusprechen.
  • Ressourcen müssen eingeschätzt werden.
  • Bedürfnisse pflegender Angehöriger oder Freunde müssen dem professionellen Betreuungsteam bekannt sein, z.B. eine Vermittlung von Gesprächsmöglichkeiten mit Arzt, Psychologen, Seelsorgern, Selbsthilfegruppen, praktische Unterstützung durch Fachkräfte in der Pflege sowie Hilfe bei der Organisation von Pflegehilfsmitteln.

Die Frage „Was kann der Arzt durch Empathie erreichen?“ beantwortet Prim. Dr. Norbert Vetter, 2. Interne Lungenabteilung, Otto Wagner Spital, Wien: „Die Ärztin oder der Arzt erreicht mit empathischem Engagement ein verbessertes Verständnis für die komplexen Hintergründe der Krankheit, eine erhöhte Aufmerksamkeit und ein gesteigertes Observationsvermögen gegen-über den physischen, sozialen und emotionalen Problemen und Stärken des Patienten und eine gefühlsmäßige Teilnahme an den Leiden des Patienten. Diese persönliche Reife ist eine wichtige Voraussetzung für eine Begleitung der Patienten auf dem Wege durch ihre Krankheit.“

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