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Allgemeinmedizin 31. August 2005

Dehydratation physiologisch?

Aufgrund von Erfahrungen von Palliativstationen und Hospizen ist es sinnvoll, den Patientenwillen bereits im Rahmen des Aufnahmegesprächs zu hinterfragen. So kann im Fall der Dehydratation in der Terminalphase dem Wunsch des Patienten hinsichtlich einer eventuellen Flüssigkeitssubstitution entsprochen werden.

Folgende Fragen sind im Rahmen der Behandlung der Dehydratation in der letzten Lebensphase maßgeblich: Wo steht der Patient? Befindet er sich bereits in der Sterbephase oder gibt es andere fassbare Ursachen für die Verschlechterung seines Allgemeinzustandes? Welche Wünsche hat der Betroffene? Was kann der Arzt für seine Lebensqualität in der letzten Phase tun? Ist eine Dehydratation in der Finalphase vielleicht ein physiologischer Prozess? Bis dato liegen kaum wissenschaftlich fundierte Publikationen zur Lebensqualität in der Terminalphase vor. In einer Studie mit 52 Patienten wurde die Lebensqualität in Abhängigkeit von der Flüssigkeitsgabe exploriert. Die Patienten wurden nach der Quantität ihrer Symptome, wie Mundtrockenheit, Durstgefühl, Schwindel und Müdigkeit, befragt. Es zeigte sich, dass eine parenterale Flüssigkeitszufuhr keinen Einfluss auf die Quantität dieser Symptome hatte, andererseits belegen Untersuchungen aus Großbritannien, dass in Spitälern mehr als 75 Prozent der terminal erkrankten Patienten mit einer liegenden Infusion sterben. Erfahrungen von Palliativstationen und Hospizen machen die Notwendigkeit deutlich, den Patientenwillen bereits im Rahmen des Aufnahmegesprächs zu hinterfragen, um im Fall der Dehy­dratation in der Terminalphase dem Wunsch des Patienten hinsichtlich einer eventuellen Flüssigkeitssubstitution zu entsprechen. Ist der Betroffene nicht befragbar, dann sollten die Angehörigen in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden, um den vermutlichen Willen des Patienten zu explorieren. In der Praxis hat sich bewährt, die Wünsche und Vorstellungen des Patienten im Hinblick auf Fortsetzung oder Abbruch einer Infusionstherapie in der Krankengeschichte zu dokumentieren.
Eine restriktive Flüssigkeitszufuhr wird häufig befürwortet, weil die Produktion von Endorphinen zu weniger Schmerzempfindung und eine geringere pulmo-nale Sekretion seltener zu Atemnot führen soll. Erfahrungen in der Palliativbetreuung zeigen, dass bei infundierten Patienten in der Finalphase das qualvolle Todesrasseln („death rattle“) verstärkt ist. Es ist allerdings nicht geklärt, ob die Ausschüttung der Endorphine nicht eine Reaktion auf die Leidenssituation (Durst, Atemnot, Schmerzen) ist. Zu berücksichtigen ist auch, dass eine Dehy­dratation zu einer Niereninsuffizienz führen kann, verbunden mit der Gefahr einer Morphin-Intoxikation durch Kumulation von Morphin-6-Glukuronid. Dies erklärt auch die Beobachtungen in Hospizen, dass der Morphinbedarf bei dehydrierten Sterbenden oft abnimmt.

Linderung des Durstgefühls

Von entscheidender Bedeutung in der Terminalphase ist die Linderung des Durstgefühls durch Befeuchten der Mundschleimhaut und der Zunge; tropfenweise Wasser oder Säfte werden von Patienten besser toleriert als künstlicher Speichel. Ebenso sollte auf eine entsprechende Luftfeuchtigkeit geachtet werden. Wenn der Patient trotz suffizienter Mundpflege unter Durstgefühl leidet, ist eine parenterale Flüssigkeitszufuhr indiziert. Sollte die Entscheidung für eine Hydrierung gegeben sein, werden 1.000 bis 1.500 ml/d, entweder intravenös oder im Einzelfall subkutan (vorzugsweise Elektrolytlösungen), empfohlen. Im Fall eines Therapieabbruchs in der Sterbephase und des Verzichts auf eine weitere Infusionstherapie ist die Einbeziehung der Angehörigen in die Entscheidung ein bedeutender Faktor. Es ist ärztliche Aufgabe, den Angehörigen zu erklären, warum eine weitere Flüssigkeitssubstitution in dieser Phase für den Patienten keine Vorteile bringt und dass in den letzten Stunden vor allem die Schmerzlinderung und die Begleitung des Sterbenden oberste Priorität haben.

Ärztliche Leiterin der Station für Palliativmedizin,
Abt. für Anästhesie und Intensivmedizin, KH Wien-Lainz ,
Tel. 01/80-110-3804, Fax 01/80-110-3803
E-Mail:

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