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Allgemeinmedizin 24. August 2005

„Buhmänner“ statt „Götter in Weiß“?

Die deutschen Ärzte haben die Nase voll von schlechter Bezahlung, miesen Arbeitsbedingungen und wachsendem Prestigeverlust. Ein Teil von ihnen geht auf die Straße demonstrieren, andere wandern ab – in andere Länder oder andere Berufe. Deutschland droht ein Ärztemangel.

„Operiert euch doch selbst!“ stand auf einem der Plakate, die Anfang Mai Jungmediziner bei einer Demonstration in Berlin hochhielten. Kurz vor dem 108. Ärztetag gingen sie auf die Straße, um gegen eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit bei gleichzeitiger Kürzung ihrer Bezüge zu protestieren. Die Mediziner in Deutschland haben die Nase voll – und wandern aus: in andere Länder und in andere Branchen. Von 5.000 offenen Stellen im Spital spricht der Marburger Bund, die Vertretung der Krankenhausärzte. Und auch viele Kassenstellen bleiben – vor allem in den ländlichen Regionen in Ostdeutschland – unbesetzt. Aus der Ärzteschwemme, die es noch vor einigen Jahren gab, ist ein Ärztemangel geworden.„Ich nehme das sehr ernst“, sagte die deutsche Gesundheitsministerin, Ulla Schmidt, in ihrer Rede beim Ärztetag. „Denn in einer Gesellschaft des längeren Lebens können wir auf eine flächendeckende und wohnortnahe ärztliche Versorgung nicht verzichten.“ Sie appellierte an Standesvertreter, Krankenkassen und Spitalsbetreiber, Modelle zu entwickeln, um den Arztberuf wieder attraktiver zu machen. Deutsche Mediziner würden unter anderem deshalb nach Schweden auswandern, weil es dort flachere Hierarchien und bessere Arbeitsbedin-gungen im Gesundheitswesen gäbe, meint die Ministerin.

Mehr Arbeitsmodelle für Ärzte

„Die Medizin muss auch familienfreundlicher werden. Wir können in Zukunft auf keine gut ausgebildete Frau im Gesundheitswesen verzichten“, so Schmidt. Medizinische Versorgungszentren seien ein erster guter Schritt. Sie würden Teilzeit- und Wiedereinstiegsmöglichkeiten für Ärzte und Ärztinnen bieten und auch die Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen. Doch für Hungerlöhne will einfach niemand arbeiten. Durch die Einführung der Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal ist die Zahl der Arztbesuche im Jahr 2004 bundesweit um durchschnittlich 8 bis 10 Prozent gesunken. Und damit natürlich auch das Einkommen der Ärzte. Durch ein geändertes Honorierungssystem (EBM 2000 plus) wurden überdies die Gelder neu verteilt. Auch das hat mancherorts zu großem Unmut geführt. So klagen die Hausärzte aus Mecklenburg-Vorpommern, dass sie für ein zehnminütiges Patientengespräch mittlerweile nur noch 2,25 Euro erhalten. Auch sei die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen, obwohl für diese gar keine Praxisgebühren zu bezahlen sind.

„Framing“ – gezielte Kampagne gegen Mediziner

Parallel mit dem Einkommen droht in Deutschland auch das Berufsimage der Ärzte den Bach hinunter zu gehen. Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, sieht dahinter gezielte Kampagnen der Krankenkassen, die immer just vor den Honorarrunden Schmutzwäsche vor die Medien schleifen. „Wenn Ärztinnen und Ärzte über lange Jahre als Buhmänner dargestellt werden, braucht man sich über die Folgen nicht zu wundern“, kritisiert er. „Politisch-strategisch heißt das ‚Framing’: Dem Gegner einen hässlichen Rahmen verpassen, an dem man ihn immer wieder durchs Dorf treiben kann.“ Angesichts des Ärztemangels warnt nun bereits die Gesundheitsministerin davor, den Arztberuf schlecht zu reden. Mit den „goldenen Zeiten“ für Ärzte sei es in Deutschland jedenfalls vorbei, meint auch MR Dr. Walter Dorner, Präsident der Ärztekammer für Wien, der sich beim Ärztetag in Berlin selbst ein Bild von der Situation der deutschen Kollegen gemacht hat. Und er sieht viele Parallelen zu Österreich. „Ich fürchte, dass wir uns rapide den deutschen Strukturen anpassen“, meint er. Noch sei offenbar die Grenze der Leidensfähigkeit bei den heimischen Ärzten nicht überschritten, aber bald könnten auch sie aus dem kurativen Bereich fliehen und in der Wirtschaft anheuern – zur doppelten Gage für einen 40-Stunden-Job ohne Nachtdienste und Patientenverantwortung. Dorner: „Der Markt zeigt sehr deutlich, ob ein Berufsstand mit seiner Umgebung zufrieden ist.“

Internet: www.bundesärztekammer.de
www.freie-aerzteschaft.de

 

„Die Mär vom reichen Doktor gibt es nicht mehr“

Die deutschen Ärzte tragen ihren Unmut auf die Straße. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Dr. Günther Jonitz, über die Ursachen für die große Unzufriedenheit.

Der Ärztetag in Berlin war begleitet von Protesten und erweckte bei so manchem Beobachter den Eindruck, dass eine Revolution bevorstünde. „Wir protestieren seit vielen Jahren. Bereits 2001 waren junge Ärzte auf den Straßen. Aber die Warnungen wurden überhaupt nicht gehört“, resümiert Jonits. „Jetzt droht die Situation zu kippen – irgendwann ist Schluss.“

Warum ist die Stimmung in der deutschen Ärzteschaft so schlecht?
Jonitz: Dafür gibt es drei Gründe. Erstens fahren wir seit Jahrzehnten reine Kostensenkungsprogramme. Es geht immer nur ums Sparen. Zweitens wird der Berufsstand der Ärzte seit Jahren diffamiert. Durch gezieltes „Framing“ wollen uns politische Gegner mundtot machen. Und drittens fehlt es an redlichen Perspektiven. Es hat niemand den Mut, den Leuten reinen Wein einzuschenken.

Was besorgt die niedergelassenen Ärzte derzeit besonders?
Jonitz: Der elektronische Arztausweis, der mit der Gesundheitskarte im nächsten Jahr kommen soll. Die Ärzte haben Angst vor der Überwachung und vor den Kosten. Sie fürchten, dass sie über den Schlüssel die Herrschaft über das Schloss verlieren.

Man hat den Eindruck, es geht vor allem ums Geld.
Jonitz: Diese Forderung steht oft im Vordergrund, weil sie noch am leichtesten zu befriedigen wäre. Die deutschen Spitalsärzte sind im europäischen Vergleich aber schon jetzt das Schlusslicht. Die Mär vom reichen Doktor gibt es nicht mehr. Ein Viertel aller Ärzte in Berlin verdient bereits weniger als ein Pflichtschullehrer.

Die Gesundheitsreform hat unter anderem eine Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal gebracht. Daraufhin sind die Arztbesuche um rund 10 Prozent zurückgegangen. Wird hier fahrlässig mit der Gesundheit der Menschen gespielt?
Jonitz: Es war gut und richtig, die Praxisgebühr einzuführen. Das war auch eine langjährige Forderung von uns, die von 99 Prozent der Patienten anerkannt wird. Aber es gibt tatsächlich das Problem, dass sozial Schwache noch seltener und später zum Arzt gehen. Pikanterweise verzichtet die Politik bewusst darauf, die Auswirkungen der Praxisgebühr evaluieren zu lassen.

Wo liegt der Ausweg aus dieser unerfreulichen Gesamtsituation?
Jonitz: Wir müssen eine gemeinsame Neuorientierung im Gesundheitswesen einleiten, indem wir den Nutzen für die Patienten in den Mittelpunkt rücken. Wir müssen gute, evidenzbasierte Medizin machen, in die Fortbildung investieren und das Thema „Umgang mit Patienten“ auf die Agenda setzen. Im Mittelpunkt muss die Qualitätsorientierung stehen. Der Arzt darf sich nicht länger über seinen Status definieren, sondern über den Nutzen, den er bei den Patienten stiftet. Das Koordinatensystem „Macht, Geld und Menge“ muss ersetzt werden durch ein Koordinatensystem „Qualität“. Unser Ziel ist es, gute Medizin zu machen. Die muss aber auch honoriert werden.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 21/2005

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