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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Rettungsflüge um jeden Preis?

Ein aktueller Fall fand sich erst vor kurzem in den Schlagzeilen regionaler Medien: Ein Rettungshubschrauber flog aus, um einen Patienten mit Unterschenkelfraktur zu transportieren, obwohl dieser nicht im alpinen oder schwer zugänglichen ­Bereich verunglückt war, keine unmittelbare Überlebensgefahr bestand und ein Rettungswagen schon auf dem Weg war.

Während in Niederösterreich die Zahl der bodengebundenen Notarzteinsätze von 2001 bis 2004 um 24 Prozent auf 31.000 gestiegen ist, nahm die Zahl der Hubschraubereinsätze im selben Zeitraum um 81 Prozent auf knapp 5.000 im Jahr 2004 zu. Auch in Tirol kommen Hubschrauber deutlich häufiger zum Einsatz. In ganz Österreich flogen Hubschrauber 2004 fast 15.800-mal zum Noteinsatz, dies bedeutet eine Steigerung um etwa 20 Prozent. Nach jahrelangen, zwischen ÖAMTC und Innenministerium teils sehr heftig geführten Kontroversen ist die öffentliche medizinische Versorgung mit Hubschraubern seit 2001 ganz in der Hand der Christophorus Flugrettung des ÖAMTC – übernommen wurden auch die Standorte, das Personal und die Geräte des Innenministeriums. Insgesamt gibt es nun 16 Standorte.

Optimale Versorgung

„Keine Diskussion: In vielen Situationen ist der Einsatz eines Hubschraubers im Sinne einer raschen und optimalen medizinischen Versorgung sehr wichtig“, betont der medizinische Koordinator der Flugrettung für den ÖAMTC im Westen Österreichs, der an der Uniklinik Innsbruck tätige Anästhesist Prim. Dr. Wolfgang Voelckel. Bei den Einsätzen in der Region Tirol wird mindestens ein Drittel der Patienten aufgrund starker Schmerzen mit Opiaten versorgt. „Ein Großteil wäre sonst ohne Schmerzversorgung mit dem Akia transportiert worden – dazu kommt noch der Anfahrtsweg zum Krankenhaus – hier kann viel wertvolle Zeit verloren gehen.“ Auch der Arzt für Allgemeinmedizin und leitende Notarzt Dr. Michael Wildner aus Zirl sieht den Hubschrauber „als sehr gute Möglichkeit, einen Notarzt so schnell wie möglich an den Ort des Geschehens zu bringen“. Wildner war an der Entwicklung einer zentralen integrierten Leitstelle und dem dahinter liegenden Konzept der Organisation der Notfallversorgung in Tirol beteiligt. Eine entscheidende Frage ist aber, wer wie entscheidet, ob der Einsatz eines Hubschraubers gerechtfertigt ist. „In Österreich liegt die Rate der Fehleinsätze zwischen 15 und 20 Prozent, das entspricht in etwa europäischen Maßstäben“, denn, so betont Prim. Dr. Helmut Trimmel, medizinischer Koordinator der Flugrettung im Osten Österreichs: „Null Prozent Fehlerquote würde bedeuten, dass viele Patienten, für die eigentlich ein Transport mit dem Hubschrauber wichtig gewesen wäre, davon nicht profitieren können.“

Primäreinsätze ohne Patiententransport steigen

Er verweist aber darauf, dass in Niederösterreich die Rate der Einsätze bei Patienten mit einem NACA-Grad kleiner als 3 (bei diesen besteht grundsätzlich keinerlei medizinische Einsatzindikation) von 45 auf 265 – also um 489 Prozent! – gestiegen ist. Ebenso deutlich – um über 120 Prozent – haben Primäreinsätze ohne Patiententransport zugenommen. Dabei blieb es bei einer Untersuchung vor Ort. Die Disposition von Rettungseinsätzen zu Boden oder zu Luft hat in diesem Bundesland seit kurzem die in Wiener Neustadt stationierte LEBIG (Leitstellen-Entwicklungs-, Betriebs- und Integrationsgesellschaft, Gesellschafter sind Rotes Kreuz NÖ, ASBÖ NÖ und Christophorus Flugrettungsverein) über. Sie umfasst neun Leitstellen, die eng miteinander vernetzt sind – zuvor waren es über 70 solcher Stellen. Von Anfang an gab es Beschwerden von diensthabenden Ärzten, die von Notfällen nicht informiert wurden. Stattdessen würde die LEBIG sofort (fast) alle zu Boden und eben auch in der Luft zur Verfügung stehenden Notfallgeräte zum Einsatz bringen, so der Vorwurf.

Notfälle differenziert sehen

„Die Zeit, bis ein Notfallpatient versorgt werden kann, ist oft entscheidend für das Überleben sowie für die Dauer einer folgenden Hospitalisation bzw. Rehabilitation – und es geht auch um die Vermeidung zu großer Schmerzen“, argumentiert Trimmel. Trotzdem bleibe es für ihn unerlässlich, Notfälle differenziert zu sehen. Neben dem Leitsymptom müsse es u.a. auch um den Beschwerdebeginn, die zeitliche Dynamik, das Alter und den Allgemeinzustand des Patienten gehen. „Ein Zeitvorteil von wenigen Minuten rechtfertigt in vielen Fällen höheres Gefährdungspotenzial und einen um den Faktor 5 bis 7 höheren Kostenaufwand nicht.“ Zusammengestellt wurde nun eine Liste an Kriterien, die die Entscheidung rund um einen Hubschraubereinsatz unterstützen soll. Aber Trimmel hält es nicht nur in Niederösterreich für nötig, den Bedarf insgesamt genauer zu evaluieren und auch die Ausbildung der Mitarbeiter von Leitstellen zu verbessern.

Der Kampf um die Berge

Im Westen Österreichs gibt es auch vier private Anbieter von Rettungsflügen mit Hubschraubern. Es gab Zeiten, in denen es teilweise zwischen den Anbietern zum regelrechten Wettfliegen um Patienten kam – denn viele haben private Zusatzversicherungen, die gut zahlen. Auch in Tirol gibt es seit kurzem eine zentrale Leitstelle für Notfalleinsätze, nächstes Jahr wird auch die Feuerwehr eingebunden. Die Leitstelle alarmiert den Hubschrauber, der am schnellsten am Einsatzort ist, unabhängig davon, wer der Betreiber ist. Die Zahl der Doppeleinsätze ist deutlich gesunken, auch wenn es weiterhin vorkommt, dass ein privater Betreiber direkt angerufen wird und alles Weitere dann nicht über die Leiststelle läuft.„Es hat sehr lange gedauert, bis für Anbieter von Hubschraubereinsätzen klare Qualitätsrichtlinien gesetzlich reglementiert wurden“, berichtet Voelckel. Eigentlich dürften nur noch Hubschrauber der Kategorie A zum Einsatz kommen. „Nach wie vor setzen private Anbieter aber auch andere Geräte ein – streng genommen dürften diese dann z.B. gar nicht auf dem Dach eines Krankenhauses landen.“ Voelckel verlangt, dass für alle Betreiber die gleichen Spielregeln gelten und diese auch streng eingehalten werden. „Qualität kann nicht nur im Ermessen des Betreibers liegen!“ Weiters wäre aus seiner Sicht eine genaue Bedarfsplanung nötig. Er verweist dazu auf Beispiele aus Europa, z.B. aus Deutschland, wo für eine Region der Bedarf erhoben wird und dann durch eine Ausschreibung ein Anbieter ausgewählt wird – zudem wird nach fünf Jahren evaluiert, wie weit sich der Anbieter bewährt hat. „Es geht auch um den sinnvollen Einsatz der Mittel aus der Krankenversicherung“, unterstreicht Voelckel. Wildner ergänzt diese Forderung um einen weiteren Schritt und verweist auf das Beispiel von München – dort gibt es eine zentrale Leitstelle mit sehr gut ausgebildeten Mitarbeitern, die ein Gebiet koordiniert, in dem etwa vier Millionen Menschen leben. „Oft wird das Argument gebracht, die regionale Kenntnis der Gegebenheiten sei so wichtig“, so Voelckel. Aus seiner Sicht können punktgenaue GPS-Daten und die Anleitung durch die Leitstelle diese aber sehr gut ausgleichen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 20/2005

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