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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Existenzkampf für Fachärzte wird rauer

Bis Ende Juni soll der Österreichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG 2006) fertig sein, nach dem künftig alle Gesundheitsleistungen geplant werden sollen. DieÄrztekammer sieht durch ihn die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen gefährdet und fordert die Festlegung von Basisleistungen.

Bisher wurden Betten geplant. Künftig sollen Leistungen geplant werden. Dazu wurde im Auftrag des Gesundheitsministeriums vom Österreichischen Institut für Gesundheitswesen (ÖBIG) der ÖSG 2006 erstellt. Er wird zurzeit mit den Ländern verhandelt und soll bis Jahresende den Österreichischen Krankenanstalten- und Großgeräteplan (ÖKAP/GGP) ablösen. Das missfällt der Österreichischen Ärztekammer. Sie liest daraus, dass Abteilungen in Peripheriespitälern geschlossen werden sollen und warnt vor Versorgungsengpässen im ländlichen Bereich. „Die österreichische Bevölkerung hat ein Recht, flächendeckend medizinisch versorgt zu werden. Das ist mit dem neuen Strukturplan pro futuro nicht möglich“, sagte Dr. Harald Mayer, Bundesobmann der Kurie Angestellte Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer.

Die neuen Strukturen

Der ÖSG teilt Österreich in 32 Versorgungsregionen (3 bis 4 politische Bezirke) ein und prognostiziert nach einem aufwändigen Verfahren die Zahl der stationären Gesundheitsleistungen, die im Jahr 2010 in jeder Region notwendig sein werden. Dabei berücksichtigt er sowohl demographische Entwicklungen als auch den technologischen Fortschritt. Vorgabe ist, dass die Fallzahlen pro Diagnosegruppe den Bundesdurchschnitt nicht mehr als um 25 Prozent über- bzw. unterschreiten dürfen. Regionen, die darüber oder darunter liegen, sollen genauer unter die Lupe genommen werden. Der derzeit vorliegende ÖSG 2006 beschränkt sich auf die Planung von Spitalsleistungen. Langfristig soll es aber auch Prognosen für den extramuralen sowie den Rehabilitations- und Pflegebereich geben.

Vorgegebene Standards und Mindestfrequenzen

Die Ärztekammer stört besonders, dass im ÖSG auch Strukturstandards und Mindestfrequenzen für die Spitalsabteilungen vorgegeben werden. Für einige wenige Fachrichtungen, wie zum Beispiel Gynäkologie und Geburtshilfe, enthält der Strukturplan bereits ganz konkrete Zahlen. Sie wurden von Vertretern der medizinischen Fachgesellschaften gemeinsam mit dem ÖBIG festgelegt. So müssen pro Jahr mindestens 365 Geburten, 50 Hysterektomien und 55 laparoskopische Operationen durchgeführt werden, sonst soll die Abteilung geschlossen werden. Das ärgert Mayer: „Die Grundversorgung kann nicht an Zahlen gebunden werden. Sie hat flächendeckend erbracht zu werden.“ Er fordert eine Definition der „medizinischen Grundversorgung“, die von jedem Krankenhaus angeboten werden soll. Bei den meisten Leistungen würden Mindestfrequenzen ohnedies keine Rolle spielen, entgegnet die Geschäftsführerin des ÖBIG, Dr. Michaela Moritz. Nur für bestimmte, vor allem spezialisierte Bereiche würden solche erstellt.

Jährliche Geburtenquoten

„Natürlich haben diese Standards den Sinn, dass bestimmte Leistungen nicht überall erbracht werden“, betont Moritz. „Das ist für manche nicht willkommen. Aber mit mindestens 365 Geburten pro Jahr und Abteilung ist der Wert schon extrem niedrig angesetzt. Mit weniger Entbindungen die gesamte Vorhaltung einer Abteilung zu machen, ist ein qualitativer und ökonomischer Unsinn.“ Das meint auch Prof. Dr. Norbert Pateisky von der Universitätsfrauenklinik in Wien, der als Entsandter der Fachgesellschaft das ÖBIG-Expertengremium für Gynäkologie und Geburtshilfe leitet: „Unter 600 Geburten pro Jahr rechnet sich eine Abteilung nicht.“ Es sei bereits ein Kompromiss gewesen, die Mindestfrequenz bei einer Geburt pro Tag festzulegen. Der ÖSG sehe ein dreistufiges geburtshilfliches Versorgungskonzept mit einer Grund-, Schwerpunkt- und Maximalversorgung vor. „In Wien funktioniert es bereits, dass bestimmte Risikofälle zwingend an zwei Perinatalzentren überwiesen werden“, sagt der Gynäkologe. Denn nur dort könne eine Topversorgung bei allen Komplikationen gewährleistet werden. „Es ist doch Unsinn zu glauben, dass die Länge des Anfahrtsweges das Riskante an einer Geburt ist“, so Pateisky. „Wirklicher Schaden entsteht, wenn ich ein Krankenhaus mit 150 Geburten aufrecht erhalte, und es dann eine Geburt gibt, bei der alle überfordert sind und das Kind nicht rechtzeitig optimal versorgt wird.“ Doch nicht nur die Spitalsärzte fürchten sich vor dem ÖSG. „Er wird auch massive Auswirkungen auf die niedergelassenen Ärzte haben“, warnt Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Tiroler Ärztekammer. „Ziel ist die Zentralisierung der Medizin“. Der ÖSG wolle zwar eine integrierte Betrachtungsweise des stationären und niedergelassenen Gesundheitswesens, als Kristallisationspunkt seien aber eindeutig die Spitäler vorgesehen, meint Wechselberger.

Weniger Konsiliartätigkeit?

Bereits in der Einleitung steht, dass „Lösungen zur Einbindung der niedergelassenen Ärzte in die Krankenhausstruktur“ entwickelt werden sollen. Auch eine Einschränkung der konsiliarärztlichen Tätigkeit ist geplant. „Wenn ich im Bezirk Reutte dem niedergelassenen HNO-Arzt die Möglichkeit nehme, als Konsiliararzt im Krankenhaus Mandeln oder Polypen zu operieren, dann bekomme ich dort nie wieder einen Facharzt hin“, sagt Wechselberger. Das Gleiche gelte auch für andere Fachrichtungen, wie die „Orthopädie“, „Augenheilkunde“ und „Dermatologie“. „Auf 30.000 Einwohner rechnet sich eben keine Facharztpraxis“, so der Tiroler ÄK-Präsident.

Kreative Lösungen gefragt

Moritz hält dem entgegen, dass bereits an kreativeren Ideen gearbeitet werde. Konkret in Reutte sei ein Ärztehaus geplant, und viele Leistungen könnten auch ambulant oder tagesklinisch erbracht werden. Die Zentralisierungstendenzen leugnet sie nicht: „Es ist ein Ziel, die isolierten Fachärzte aus der Peripherie in das Leistungsgeschehen rund um die Spitäler einzubinden.“ Das, meint Wechselberger, entspräche aber nicht den Wünschen der Bevölkerung nach einer wohnortnahen Versorgung. Und auch nicht jenen der niedergelassenen Fachärzte: Für sie werde „der Existenzkampf immer rauer“, prophezeit er.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 18/2005

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