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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Das Gespenst aus Auspuff und Schlot

In diesem Jahr gab es kein unbeschwertes Einatmen der ersten Frühlingslüftchen. Ein Schreckgespenst mit Namen Feinstaub hatte sich über die Medien in das Bewusstsein der Menschen geschlichen. In den Atemwegen war es schon lange zuvor. Umweltmediziner warnen seit Jahren vor Gesundheitsschäden und mahnen Maßnahmen ein.

Graz hustet. Wien hustet. Das Inntal hustet. Schuld sind mikrofeine, für das Auge unsichtbare Partikel im Staub, die besonders in den Wintermonaten hohe Konzentrationen aufweisen. Seit 1. Jänner 2005 gilt EU-weit ein Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Dieser Wert darf an maximal 30 Tagen überschritten werden. In Graz wurde dieses Tagesmittel heuer bis Ende März bereits 60 Mal überschritten. Dabei sei der von der EU festgelegte Grenzwert bereits sehr hoch, sagt Dr. Eva-Maria Wendler, Allgemein- und Umweltmedizinerin sowie Schulärztin in Graz. „Besonders bei Kindern und Jugendlichen kann es bereits bei niedrigeren Werten zu Einschränkungen der Lungenfunktion kommen“, warnt sie. Daher habe die Schweiz einen Jahresmittelwert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter festgelegt, und auch die EU habe sich vorgenommen, diesen Zielwert langfristig zu erreichen. „Ein Plus von zehn Mikrogramm bedeutet bis zu 40 Prozent mehr Bronchitisfälle.“ Studien zeigen, dass schon bei einer Erhöhung der PM10-Tagesbelastung (siehe Kasten rechts) um zehn Mikrogramm 2,6 Prozent mehr Notfallkonsultationen wegen Asthma bei Kindern zu verzeichnen sind. Die Atemwegstodesfälle steigen um 1,5 bis 4 Prozent, jene aufgrund von Herz-Kreislauf- Versagen um 0,5 bis 2 Prozent.

Bedrohung durch Diesel

Die Ursachen für den Feinstaub sind vielfältig und nicht exakt nachweisbar (siehe Kasten unten). Unbestritten ist jedoch, dass der größte Anteil des Ultrafeinstaubes von Dieselfahrzeugen stammt. Laut einer 3-Länder-Studie (Frankreich, Schweiz, Österreich) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es allein durch den Luftverschmutzer Straßenverkehr im Jahr 1996 in Österreich 2.400 Todesfälle durch Herz-Lungenerkrankungen, 20.600 Bronchitisfälle bei Kindern, 15.000 Asthmaanfälle bei Kindern und 1,3 Millionen Tage mit eingeschränkter Aktivität bei Erwachsenen. Bereits vor einem Jahr hat das Schulärzteforum Steiermark in einer Stellungnahme von der Politik effiziente Maßnahmen zur Eindämmung des Verkehrs gefordert. „Es ist uns damit gelungen, das Thema Feinstaub, das bis dahin totgeschwiegen wurde, zu thematisieren. Aber es reicht nicht, wenn die Politik Maßnahmenpakete schnürt, die sie großteils nicht umsetzt“, sagt Wendler.
In Tirol gäbe es bereits erste Erfolge, berichtet Dr. Heinz Fuchsig, Arbeitsmediziner bei der Allgemeinen Unfallversicherung und Referent für Umweltmedizin in der Landesärztekammer. Mit Ende Oktober müssen alle Baufahrzeuge im Einsatz zwischen Wörgl und Telfs mit Partikelfilter nachgerüstet sein.„Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass der Druck der Ärztekammer dazu beigetragen hat, diese Forderung umzusetzen“, meint Fuchsig. Der nächste Schritt müsste nun sein, aus dem Unteren Inntal eine „Environmental Zone“ mit einem Fahrverbot für Diesel-schwerfahrzeuge ohne Filter zu machen. Das ist bisher am Widerstand der einflussreichen Tiroler Transportindustrie gescheitert, vor dem auch die Politik zurückschreckt. In der EU hingegen gibt es bereits einige solcher Zonen.

Ärzte tragen Verantwortung

Für Fuchsig haben Ärzte eine große Verantwortung in Umweltfragen, weil sie eng mit der Gesundheit und Krankheitsverhütung verbunden sind: „Die Ärzteschaft ist gefordert, die Menschen dazu zu bringen, ihre Autos öfter stehen zu lassen. Dadurch würden sie zu mehr Alltagsbewegung gebracht, und allen Zivilisationskrankheiten könnte so entgegengewirkt werden. Der umweltpolitische Erfolg wäre dann ein Abfallprodukt.“ Aber auch in der Einzelprävention seien die Mediziner gefordert. „Jeder Arzt hat die Möglichkeit, gefährdete Patienten darüber zu informieren, wie sie sich gegen Feinstaub schützen können“, ist Fuchsig überzeugt. Dazu gehört vor allem die Aufklärung von Menschen, die viel mit dem Auto fahren. Denn diese hätten die größte Belastung mit Feinstaub­partikel, die bei Risikopersonen Herz-Kreislauferkrankungen auslösen können, betont der Umweltmediziner. Sein Rat: „Jene, die viel mit dem Auto unterwegs sind, sollten unbedingt einen Aktivkohlefilter einbauen lassen.“

Alternativen gefragt

Wo liegt nun die Lösung des Problems? Auf vielen Ebenen, meint Dr. Gerd Oberfeld, Referent für Umweltmedizin der Österreichischen Ärztekammer und Umweltmediziner des Landes Salzburg. Was den Verkehr angehe, sei es sicherlich notwendig, die Dieselmotoren mit Partikelfilter auszustatten. Von ihnen seien aber auch nur die ganz neuen wirklich wirksam, betont Oberfeld. Da aber Dieselmotoren auch einen höheren Ausstoß an Stickoxiden haben, sollte man versuchen, ganz von ihnen wegzukommen und auf Alternativen wie Erdgasmotoren umzusteigen. Das zweite große Umweltproblem sei die Verbrennung von Holz und Kohle, die in manchen Regionen die Hauptheizquelle darstellt. Auch hier sollte auf umweltfreundlichere Alternativen umgestiegen werden, meint Oberfeld. „Zumindest müsste man an die Bevölkerung appellieren, ihre Allzweck­öfen nur für geeignete Brennstoffe und nicht für Milchpackerln und Kehricht zu verwenden.“

Während Ärzte sich um ihre

Patienten sorgen, findet auf der politischen Ebene das bekannte „Verantwortungs-Abschiebe-Spiel“ statt. Die Oppositionsparteien kritisieren die Untätigkeit des Umweltministers, dieser verweist auf die Länder, und diese wiederum eröffnen Diskussionen über Messparameter und Grenzwerte. Besonders heftig bewegt das Thema unsere deutschen Nachbarn, wo die Interessen der Automobilindustrie und ihrer Dieselmotoren einen besonders hohen Stellenwert haben. Die Angst um Umsatzeinbußen und Arbeitsplätze ließ dort den Wirtschaftsminister Wolfgang Clement zu drastischen Formulierungen greifen, die wenig Besserung der belastenden Situation verheißen: „Ich finde, dass wir uns hier wirklich wieder ein Thema erkoren haben, das geradezu – aus meinem Verständnis – hysterische Ausmaße annimmt.“

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 17/2005

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