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Allgemeinmedizin 16. November 2005

"Leidende" Primarii fordern Kurie

Der Verband der ärztlichen Direktoren und Primarärzte Österreichs hat ein neues Zugpferd: Gesundheitsstaatssekretär a.D. Prof. Dr. Reinhart Waneck. Er steht seit November 2004 dieser freiwilligen Interessensvertretung vor. Für ihn scheint nichts näher zu liegen, als sogleich einen Führungsanspruch der leitenden Spitalsärzte für das gesamte Gesundheitswesen zu erheben.

Die leitenden Ärzte leiden: Primarärzte seien für alles verantwortlich, ihre Mitsprachemöglichkeiten endeten jedoch an der Abteilungstür, klagten die leitenden Ärzte bei einer Pressekonferenz vergangene Woche. Die Spitäler würden zu immer größeren Verbünden zusammengeschlossen, in denen nur noch die Ökonomen das Sagen hätten, kritisierte Waneck. Sein persönliches Schicksal sei exemplarisch für den allgemeinen Trend, Ärzte gänzlich aus der Politik zu vertreiben. Auch in den Ärztekammern seien die 2.700 Mediziner in Führungspositionen eine verschwindende Minderheit, deren Anliegen nicht genügend Gehör geschenkt werde. „Die Höchstqualifizierten sind in der Kammer nur sehr schwach vertreten“, bestätigt Prim. Doz. Dr. Robert Hawliczek, Primarärztereferent in der Wiener und Österreichischen Ärztekammer. Dabei würde ihre Expertise in der Standespolitik dringend gebraucht. Sein Schluss: „Wir fordern eine eigene Kurie für leitende Ärzte.“

Befremden in der Kammer

Der Zeitpunkt dafür sei günstig, da durch den Auszug der Zahnärzte ohnedies neue Strukturen in den Kammern notwendig würden. Diese müssen in einer Novelle zum Ärztegesetz geregelt werden, die bis zum Herbst fertig sein könnte. Waneck sagte, er habe die Forderung nach einer eigenen Kurie bereits beim Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) in einem Schreiben eingebracht. In der ÖÄK reagierte man auf das Ansinnen jedoch mit einigem Befremden. „Offensichtlich sind sich die Primarärzte der Gegebenheiten innerhalb der Ärztekammern nicht bewusst und ignorieren die vorhandenen Möglichkeiten“, sagte der Bundeskurienobmann der Angestellten Ärzte, Dr. Harald Mayer, in einer ersten Stellungnahme. Entgegen der „unbegründet polemischen und anscheinend uninformierten“ Darstellung der leitenden Ärzte, so Mayer, seien die Primärzte innerhalb der Kurie der Angestellten Ärzte voll eingebunden. Sie würden auch in der Führungsebene auf Länder- und Bundesebene eine maßgebliche Stellung einnehmen. Es gebe für eine eigene Primarärztekurie schlicht und einfach keine Begründung, da auch leitende Ärzte angestellte Ärzte seien. Statt eine wirksame und solidarische Vertretung der angestellten Ärzte durch „formale Forderungen und durch zusätzliche Strukturen zu konterkarieren, sollten sich die Primarärzte ihrer bestehenden Möglichkeiten besinnen und sich mehr einbringen“, meinte Mayer.

Primarärzte fühlen sich als Randgruppe

Die Primarärzte fühlen sich in der Kurie jedoch als „soziale“ Randgruppe, vom Mittelbau und den Turnusärzten unterbuttert. „Die Vertretung in der ÖÄK ist undemokratisch und nicht minderheitenfreundlich“, argumentiert Prim. Doz. Dr. Walter Neunteufel, Vorsitzender des Landesverbandes der ärztlichen Direktoren und Primarärzte Vorarlbergs. So würden beispielsweise die Primarärztevertreter in den Kammern nicht von den leitenden Ärzten, sondern vom Mittelbau gewählt. Informationen an die eigene Gruppe oder die Öffentlichkeit benötigten immer die Unterschrift des Kurienobmanns, der nur selten ein Primararzt sei. Es gehe den leitenden Ärzten nicht um finanzielle Interessen, versicherte Hawliczek. Die brennenden Themen für die Primarärzte seien vor allem Aus- und Weiterbildungsfragen, strategische Ausrichtungen und die Sicherung der Qualität in den Spitälern. Bei der Ausbildung der Turnusärzte, die in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit heftig kritisiert wurde, gab Waneck Versäumnisse seitens der Primarärzte zu. Die Ursachen lägen jedoch bei den Rahmenbedingungen, betonte er: „Wir Ärzte sind zu wenig eingebunden und die Voraussetzungen stimmen nicht.“ So sei es ihm, Waneck, beispielsweise nicht geglückt, ein Rotationsprinzip in der Turnusärzteausbildung einzuführen. Hawliczek hob lobend hervor, dass die neue Führung des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), die seit kurzem aus lauter Ärzten besteht, die Ausbildung sofort zur Chefsache erklärt habe. Das sei ein gutes Zeichen.

Kollegiale Führung ist ­„unglückliches Konstrukt“

Kritik gab es von den leitenden Ärzten auch an den Führungsstrukturen in den Spitälern. Wa­neck meinte, dass das „unglückliche Konstrukt der kollegialen Führung“ dazu führe, dass die Entscheidungskompetenz des ärztlichen Direktors in keinem Verhältnis zu seiner Verantwortung den Patienten gegenüber stehe. „Die Primarärzte Österreichs fordern daher eine Korrektur im Sinne eines ärztlichen Generaldirektors“, sagte Waneck. „Die Führung öffentlicher Krankenanstalten durch Ökonomen oder gar profitorientierte Unternehmen lehnt der Verband im Sinne der Patienten kategorisch ab.“

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 16/2005

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