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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Der holprige Weg zur VU-Neu

Vollmundig haben Gesundheitsministerin, Ärztekammer und Hauptverband im vergangenen Herbst die neue Vorsorgeuntersuchung angekündigt. Knapp ein halbes Jahr später sind noch viele Details nicht geklärt.

Die neue Vorsorgeuntersuchung (VU-Neu) lässt auf sich warten. Derzeit trägt der österreichweite Gesamtvertrag erst die Unterschrift der Österreichischen Ärztekammer. Die der Sozialversicherung ist noch ausständig. Dem Hauptverband fehlt dafür die Zustimmung einiger Träger. Die Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK) werde den Bundesvertrag auch nicht unterschreiben, sondern mit der Vorarlberger Ärztekammer „eine für uns akzeptable Variante des Vorsorgeuntersuchungsvertrages verhandeln“, sagt VGKK-Direktor Dr. Karl Schiemer. Einer der Streitpunkte ist das Honorar, das in Vorarlberg derzeit weit unter den vereinbarten 75 Euro liegt.
Dessen ungeachtet zeigt man sich im Hauptverband optimistisch. „Am 1. Juli starten wir mit der neuen Vorsorgeuntersuchung“, sagt der zuständige Abteilungsleiter, Dr. Peter Scholz. Anfang Juni sollen die Formulare und eine Broschüre mit Erklärungen den Ärzten zur Verfügung stehen. Ab diesem Zeitpunkt, so Scholz, seien auch Schulungen und Infoveranstaltungen der Ärztekammern geplant. Die erste dieser Art soll es beim Ärztekongress Mitte Mai in Grado geben. Fortbildungspunkte wurden zugesagt.

Aufnahme der Koloskopie fraglich

Bis zum Sommer müssen aber noch einige Punkte abgehakt werden, zum Beispiel die Durchführung und Honorierung der Koloskopie, die neu in das Programm aufgenommen wurde. Hier werde noch innerhalb der Fachgesellschaften und Ärztekammern über Qualitätsanforderungen diskutiert, sagt Scholz. Auch die Tarife seien noch offen, betont Dr. Norbert Jachimowicz von der Wiener Ärztekammer, der an den Verhandlungen über die VU-Neu maßgeblich beteiligt ist. Er bezweifelt, dass der Koloskopie-Vertrag bis Juni stehen wird.

Widerstand gegen private Zusatzprogramme

Ungewiss ist derzeit auch die Zukunft der Vorsorge-Zusatzprogramme, wie beispielsweise „Kärngesund“ oder „rundum-gesund“ und „Mir geht’s gut!“, die in manchen Bundesländern als Privatleistungen angeboten werden. Diese sind der Sozialversicherung ein Dorn im Auge. Die Bundeskurie in der Ärztekammer habe zugesagt, diese Programme in Zukunft nicht weiter zu forcieren, sagt Scholz. In den Bundesländern hat man davon offensichtlich noch nicht viel gehört. Sowohl aus Kärnten als auch aus Salzburg wird berichtet, dass derzeit an einer Modifizierung der Zusatzpakete gebastelt wird. „Die Ärztekammer würde keinen Vertrag unterschreiben, der diese Zusatzprogramme unterbindet. Das wäre ein Casus Belli“, sagt Dr. Peter Kowatsch, Allgemeinmediziner und Bezirksärztevertreter aus dem Flachgau.

Streit um Aufnahme des PSA-Tests

Für Aufregung hat auch vor kurzem ein Vorstoß des Vorarlberger Gesundheitslandesrates Dr. Hans-Peter Bischof gesorgt. Er kündigte – unterstützt vom ORF-Landesstudio und der Ärztekammer – eine Forcierung der Prostata-Untersuchungen an. Die Sozialversicherung reagierte verärgert. Der PSA-Test war ausdrücklich nicht routinemäßig in die VU-Neu aufgenommen worden. Das Argument: Die Datenlage sei derzeit nicht eindeutig, um die Nutzen/Risiko-Relation des PSA-Screenings zu beurteilen. Man wolle erst die Ergebnisse einer Langzeitstudie (Rotterdam-Studie) abwarten, die in etwa zwei Jahren abgeschlossen sein werde, heißt es dazu im Hauptverband. Während die Politik Druck macht, die VU-Neu endlich starten zu lassen, scheint es viele Ärzte gar nicht zu drängen. Sie haben noch an der letzten überfallsartigen Neuerung – der Chefarztpflicht – zu kauen und bereiten sich bereits auf die „Kinderkrankheiten“ der e-card vor. „Wir Ärzte werden derzeit mit lauter Neuerungen überschüttet. Diese ‚Reformitis’ führt zu einer momentanen gewaltigen Mehrbelastung vor allem im organisatorischen und administrativen Bereich, und die ärztliche Qualität leidet“, spricht Dr. Peter Kowatsch, Allgemeinmediziner und Bezirksärztevertreter im Flachgau, aus, was viele seiner Kollegen denken. Umso mehr als zu befürchten ist, dass auch diesmal die Umstellung sehr kurzfristig ablaufen wird. „Wir wissen noch wenig über die neue VU. Nur, dass es mehr Lebensstilberatung und weniger Laborleistungen geben wird“, sagt Schlögl.

Pilotversuch in der Steiermark

Ein bisschen mehr wissen neun steirische Ärzte, die die VU-Neu seit Jahresbeginn in ihren Praxen testen. Die Erfahrungen des Grazer Allgemeinmediziners Dr. Michael Wendler sind durchwegs positiv: „Ich habe schon bisher die Vorsorgeuntersuchung sehr genau gemacht. Die neue dauert auch nicht länger als 30 bis 45 Minuten.“ Da seine Patienten eine gesprächsbetonte VU gewohnt seien, würden sie auch kaum Veränderungen wahrnehmen.„Die Inhalte sind weitgehend gleich geblieben, aber die Wertigkeiten haben sich verändert. Das finde ich sehr positiv“, sagt Wendler. Die Anamnese sei wichtiger geworden und die Blutbefunde stünden nicht mehr im Vordergrund. Wendler, der auch an der Ausarbeitung der neuen Untersuchungsbögen beteiligt war, räumt aber ein, dass man sich mit der neuen VU-Philosophie schon auseinandersetzen müsse. Und das gehe nicht über Nacht.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 14/2005

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