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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Häufiger krank und früher tot

Rund eine Million Menschen in Österreich sind akut von Armut bedroht. Etwa 400.000 leben, dem aktuellen Sozialbericht zufolge, in tatsächlicher Armut. Und Armut macht krank: Menschen aus sozialen Randgruppen leiden deutlich häufiger an chronischen und Mehrfacherkrankungen. Besonders betroffen sind allein erziehende Frauen und Seniorinnen.

Die medizinische Versorgung von Randgruppen der Gesellschaft hat auch unangenehme Seiten. Dazu zählen die Frage nach der Bezahlung ärztlicher Leistungen, aber auch die möglichen Auswirkungen auf den Ordinationsbetrieb, wenn z.B. Obdachlose in die Praxis kommen. Lösungsmöglichkeiten für die Betreuung dieses Personenkreises wurden bei einer gemeinsam von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO), Wiener Hilfswerk, Frauengesundheitszentrum (F.E.M.), Männergesundheitszentrum (M.E.N.) und neunerHaus organisierten Veranstaltung in Wien diskutiert. „31 Prozent der Alleinerzieherinnen in Österreich sind akut armutsgefährdet, ebenso wie 16 Prozent der Seniorinnen“, zeigte Wiens Frauenbeauftragte Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger auf. Und Armut führt nicht selten zu Wohnungslosigkeit, von der auch immer mehr Frauen betroffen sind. Armut führt auch dazu, dass deutlich seltener ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wird. „Das geschieht meist erst dann, wenn das Krankheitsgeschehen akut und unmittelbar behandlungsbedürftig geworden ist“, erläuterte Mag. Markus Reiter, Geschäftsführer der Wohnungsloseneinrichtung neunerHaus, der für soziale Randgruppen eine Umorientierung vom angebotsorientierten zum bedürfnisorientierten Gesundheitssystem fordert.

Hindernisse für eine kontinuierliche Versorgung

Studien zeigen, dass materiell arme Menschen nicht nur deutlich seltener zum Facharzt gehen, sondern eher Notfallambulanzen und Allgemeinmediziner frequentieren. „Da kommt es dann nicht selten zum Problem, dass wohnungslose Personen zwar ärztlich versorgt werden, der Arzt aber dann damit rechnen muss, dass er andere Patienten verliert“, stellte Mag. Claudia Habl vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitsforschung fest. „Wer sitzt schon gerne neben jemandem, der unangenehm riecht?“ All dies erschwert eine kontinuierliche Versorgung der Betroffenen und führt bei Akuterkrankungen nicht selten zu chronischem Verlauf. „Schätzungen aus Deutschland geben an, dass rund 60 Prozent der Wohnungslosen Mehrfacherkrankungen aufweisen“, sagte Reiter. Für Österreich gehen ExpertInnen von ähnlichen Zahlen aus. Dabei wäre hier der Zugang zur Gesundheitsversorgung für die Betroffenen insofern einfacher, da mittlerweile fast 100 Prozent aller ÖsterreicherInnen krankenversichert sind. Bei den Wohnungs-losen sind rund 70 Prozent krankenversichert und etwa 20 Prozent können Krankenhilfe über die Sozialhilfe beziehen.„Trotzdem haben gerade Wohnungslose oft große Hemmungen, Einrichtungen des etablierten Gesundheitssystems aufzusuchen“, präzisierte Reiter. Ins selbe Horn stieß auch Bundesgesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, die fordert, dass niederschwellige Gesundheitseinrichtungen in den Österreichischen Strukturplan Gesundheit, der zurzeit zwischen Bund und Ländern verhandelt wird, mit einbezogen werden.

Gesundheitszentrum geplant

Ein erstes derartiges Projekt plant das „neunerHaus“, eine Wohneinrichtung für Obdachlose, derzeit für wohnungslose Menschen. „Die ‚neunerPraxis’ soll den Menschen, die sie aufsuchen, sowohl eine medizinische Akut- als auch Nachversorgung bieten, da wir es häufig mit chronischen Erkrankungen zu tun haben“, erläuterte Reiter das Projekt. Wichtig sei dabei auch die enge Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeit und Medizin in diesem Bereich: „Da gibt es noch viel Aufholbedarf.“

Einen solchen sieht auch die Sozialarbeiterin Daniela Kern, Leiterin des Frauengesundheitszen­trums F.E.M. in der Wiener Semmelweisklinik: „Das medizinische Wissen der SozialarbeiterInnen ist häufig ebenso gering wie das Wissen der MedizinerInnen um soziale Einrichtungen.“ Kern wünscht sich eine verstärkte Kooperation und mehr „One Stop Shops“, speziell für Frauen: „Derartige Einrichtungen sollen, wie es die ‚neunerPraxis’ durchführen will, den Patientinnen sowohl Akutversorgung als auch Gesundheitsvor-sorge und Sozialberatung aus einer Hand, an einer Stelle bieten.“ Dies würde langfristig der Prävention von Erkrankungen dienen und damit dem Gesundheitssystem Kosten sparen helfen, zeigten sich die ExpertInnen am Podium überzeugt. Nachprüfbar wird dies allerdings noch nicht so bald sein, denn die Finanzierung der „neunerPraxis“ ist derzeit noch nicht gesichert.

Keine „Armenmedizin“

Abgesehen von notwendigen niederschwelligen Einrichtungen für Menschen aus sozialen Randgruppen wurde im Rahmen der Veranstaltung von Podium und Publikum explizit gegen eine so genannte „Armutsmedizin“ plädiert. Vielmehr sprachen sich die ExpertInnen für ein Miteinander von speziellen Einrichtungen und etabliertem Gesundheitssystem aus. Dennis Beck, Geschäftsführer des Fonds Gesundes Österreich: „Ich glaube nicht, dass niederschwellige Einrichtungen die Gettoisierung verstärken.“ Hier ginge es vor allem um eine Zugangserleichterung für Menschen, die Schwierigkeiten mit dem eta­blierten Gesundheitssystem haben. „Ich glaube auch nicht, dass das Gesundheitssystem hier die Probleme allein lösen kann“, erläuterte Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos, Fachärztin für Psychiatrie am AKH Wien. Für sie ist die Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und Sozialsystem in diesem Bereich essentiell. „Die beste Prävention ist allerdings“, so Gutierrez-Lobos weiter, „die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, und das ist eben nicht nur eine gesundheitspolitische Frage.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 10/2005

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