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Allgemeinmedizin 16. November 2005

WHO warnt vor Grippe-Pandemie

Noch ist es eine ganz normale Grippewelle, die derzeit die Arztpraxen füllt. Doch Experten warnen weltweit: Eine neue Influenza-Pandemie steht vor der Tür. In Österreich arbeitet zwar eine Expertengruppe an einem Notfallplan, es gibt aber keinen Vorrat an antiviralen Medikamenten.

„Es ist keine Frage, ob sie kommt, sondern nur wann sie ausbricht“, ist der Wiener Sozialmediziner Prof. Dr. Michael Kunze überzeugt. Etwa alle 25 Jahre wird der Planet von einer schweren Grippewelle überschwemmt. 1918/1919 kostete die „Spanische Grippe“ weltweit rund 40 Millionen Menschen das Leben. 1957 war es die „Asiatische Grippe“, 1968 die „Hongkong-Grippe“. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass eine neuerliche Pandemie derzeit so nahe wie noch nie bevorstünde. Der konkrete Anlass für die Sorge: Das in Asien grassierende Vogelgrippevirus H5N1 hat in Vietnam und Thailand bereits mehr als 30 Todesopfer gefordert. Medienberichten zu Folge soll bereits eine Übertragung von Mensch zu Mensch stattgefunden haben. Durch einen „Genshift“ könnte ein besonders aggressives und leicht übertragbares Virus entstehen (siehe Kasten). Auch in Österreich beschäftigen sich die Gesundheitsbehörden mit diesem Horrorszenario. „Das ganze Land wird sich in einem Ausnahmezustand befinden“, sagte Dr. Hubert Hrabcik, Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, in der Zeitschrift NEWS. Seit Herbst 2003 arbeitet im Gesundheitsministerium eine Expertengruppe an einem österreichweiten Influenza-Pandemieplan. Dieser ist nun fertig, wurde aber bisher nur in Grundzügen veröffentlicht. Parallel dazu arbeiten die Länder an Detailplänen.

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Folgen für die Wirtschaft

„Man muss davon ausgehen, dass die Hälfte der Bevölkerung aus dem Arbeitsprozess ausscheidet“, sagt der niederösterreichische Landessanitätsdirektor Dr. Werner Hoffer. Die gesamte Infrastruktur – von der Nahrungsmittelversorgung über die Telekommunikation bis zum öffentlichen Verkehr – drohe im Ernstfall lahm zu liegen. Schulen und Kindergärten würden geschlossen werden. Feuerwehr und Bundesheer müssten einspringen, um das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten. Da die Spitäler überfüllt wären, würde den niedergelassenen Ärzten eine wichtige Triagefunktion zukommen: Sie müssten entscheiden, wer unbedingt stationäre Hilfe benötige und wer zu Hause über die Runden käme, sagt die Wiener Landessanitätsdirektorin Dr. Elisabeth Kremeier. Bei der medizinischen Versorgung setzt der nationale Pandemieplan in erster Linie auf die rasche Entwicklung eines Impfstoffes. Sobald der Virusstamm bekannt wäre, würde die Firma Baxter mit der Produktion beginnen. In frühestens neun Wochen könnte die erste Charge fertig sein. In den Landessanitätsdirektionen in Wien und Niederösterreich rechnet man jedoch, dass der erste Impfstoff erst nach rund drei Monaten zur Verfügung stünde.

Erstversorgung essentiell

Bis es so weit ist, können nur antivirale Medikamente helfen. Weltweit sind zwei Gruppen zugelassen: M2-Inhibitoren (Wirkstoffe Amantadin, Rimantadin) und Neuraminidasehemmer (Wirkstoffe: Oseltamivir, Zanamivir). Sie können sowohl in der Prävention als auch zur Frühbehandlung eingesetzt werden. Studien zu Oseltamivir weisen darauf hin, dass die Substanz gegen sämtliche Grippeviren wirkt und den Schweregrad, die Dauer der Erkrankung sowie die Komplikationsrate verringert. Die WHO hat allen Staaten geraten, sich zur Pandemievorsorge mit antiviralen Medikamenten einzudecken. Soweit verfügbar, empfiehlt die WHO den Einsatz von Neuraminidasehemmern. Der bekannteste ist „Tamiflu“ von Roche; in Österreich der einzige auf dem Markt. Die Firma hat den Regierungen Spezialangebote für den Wirkstoff in Fässern gemacht, der bei Bedarf aufgeschüttelt werden könnte. Einige Länder, z.B. die USA, Australien, Frankreich und Tschechien, haben bereits Vorräte angelegt. In erster Linie geht es dabei um den prophylaktischen Einsatz bei hohen Funktionsträgern und Schlüsselkräften, die der Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens dienen. Dazu zählen auch Angehörige der Gesundheits- und Pflegeberufe.
In Österreich wurden noch keine Vorräte angelegt. Im Ministerium plant man das in absehbarer Zeit auch nicht zu tun. „Es wäre zum jetzigen Zeitpunkt unvernünftig, Neuraminidasehemmer einzulagern“, sagt Mag. Christoph Hörhan, ein Sprecher der Gesundheitsministerin. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir es nie brauchen werden, ist groß.“ Dann wolle man sich nicht die Vergeudung von Steuergeldern vorwerfen lassen müssen. Für bestimmte Bevölkerungsgruppen würden, so meint Hörhan, im Notfall ausreichend Medikamente vorhanden sein. Rund 38,5 Millionen Euro müssten Bund oder Länder derzeit im „Vorverkauf“ für fünf Tonnen des Wirkstoffs mit einer Haltbarkeit von 10 Jahren auf den Tisch legen. Damit könnte man rund 5 Millionen Menschen behandeln bzw. die Prophylaxe für etwa eine Million Österreicher ermöglichen. Die Firma Roche weist darauf hin, dass dieses Kontingent jedoch nur für eine bestimmte Zeit ohne offiziellen „Letter of Intent“ der Regierungen vorreserviert werden könnte. Sollte die Pandemie tatsächlich ausbrechen, würde es zu Lieferengpässen kommen, falls Österreich nicht bestellt hätte. Auch Landessanitätsdirektor Hoffer würde sich wohler fühlen, wenn genügend antivirale Medikamente eingelagert wären: „Der Impfstoff würde sonst wahrscheinlich erst nach drei Monaten zur Verfügung stehen. In der ersten Welle käme er damit zu spät.“ Auch für Kunze besteht kein Zweifel darüber, dass Neuraminidasehemmer gekauft werden müssen. Die Fragen lauten nur: Wie viel und wer zahlt es?

Gerangel in den Apotheken?

Manche fürchten, dass es im Notfall zu einem Gerangel um knappe Arzneimittel kommen könnte. Bei der Arbeit an den Pandemieplänen wurde ernsthaft diskutiert, im Krisenfall antivirale Medikamente gegen Bezugsscheine in ausgewählten Apotheken, die von Sicherheitsbeamten geschützt werden, abzugeben. Nicht gerne wird über mögliche Verteilungskriterien gesprochen: Schlüsselkräfte zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur und Politiker stehen jedenfalls ganz oben auf der Liste. Kommen dann die Alten und Kranken? Oder die jungen Arbeitsfähigen? Faktum ist jedoch: Egal, welchen Experten oder Virologen man fragt, sie haben bereits alle ihre Ration „Tamiflu“ für den Ernstfall zu Hause eingebunkert.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 8/2005

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